Die Frauenklinik Fontana des Kantonsspitals Graubünden geht neue Wege in der Arbeitszeitgestaltung: Als eines der ersten Spitäler in der Schweiz führt sie eine 4-Tage-Woche ein. Mitarbeitende mit einem Vollpensum von 42 Stunden arbeiten an vier Tagen je 10,5 Stunden – der Lohn bleibt unverändert, ein zusätzlicher freier Tag pro Woche winkt.
Die Ergebnisse des Pilotprojekts sprechen für sich: Über 85 Prozent der Teilnehmenden möchten das Modell auch nach Projektende weiterführen,
berichtet das KSGR. Pflegeleiterin Sylke Schwarzenbach betont: «Die Offenheit für Neues und das Einbeziehen der Mitarbeitenden waren entscheidend. So konnten wir eine flexible Arbeitsumgebung schaffen, die den individuellen Bedürfnissen gerecht wird.»
Auch die Mitarbeitenden ziehen ein positives Fazit. Pflegefachfrau Sarah Bonvissuto erklärt: «Die 4-Tage-Woche verbessert meine Work-Life-Balance, steigert Motivation und Produktivität – und kommt so der Pflegequalität zugute.» Für Hebamme Prisca Collenberg-Bivetti erleichtert das Modell die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: «Weniger Arbeitstage bedeuten weniger Organisationsaufwand und kürzere Wege. Gleichzeitig habe ich mehr Zeit für die Gebärenden.»
Skepsis
Während in Deutschland zahlreiche Spitäler bereits auf die 4-Tage-Woche setzen, zeigt sich in der Schweiz Zurückhaltung.
Eine Umfrage unter 20 grösseren Spitälern im vergangenen Jahr offenbarte grosse Vorbehalte – finanziell, arbeitsrechtlich und wegen längerer Arbeitsschichten, die die Belastung erhöhen könnten.
Das Universitätsspital Zürich erklärte etwa: «Für uns wäre die Einführung finanziell nicht tragbar und würde den Arbeitskräftemangel kurzfristig verschärfen.» Auch andere Häuser wie die Insel-Gruppe oder das Claraspital Basel setzen vor allem auf flexible Arbeitszeitmodelle und frühzeitige Dienstplanung, angepasst an die Lebensphase der Mitarbeitenden.
Bülacher Modell
Ein Schweizer Modell, das für Aufmerksamkeit sorgt, kommt aus dem Spital Bülach: Seit Juni 2024 erlaubt das «
Bülacher Modell» Pflegefachpersonen, ihre Arbeitszeiten flexibel nach ihren Bedürfnissen zu gestalten – von festen Diensten bis hin zu höchst flexiblen Schichten mit Lohnzulagen.
Die Bilanz nach einem Jahr: 69 Prozent weniger Fluktuation, 34 Prozent weniger Absenzen und Einsparungen von 1,2 Millionen Franken. Manuel Portmann, Leiter HR Management, erklärt: «Neben den finanziellen Einsparungen ist die Zufriedenheit der Mitarbeitenden der beste Beweis, dass sich das Modell bewährt hat.» Das Modell wurde mit dem Swiss HR Award ausgezeichnet und für den Viktor Award nominiert.