«Pflegefachleute wollen Selbstbestimmung»

Eine Umfrage zeigt: Viele Pflegefachleute wünschen sich flexible Arbeitszeiten. Das Spital Bülach honoriert diese Flexibilität finanziell – nach einem Modell, das HR-Chef Manuel Portmann bereits vor 30 Jahren in einer Autobahnraststätte eingeführt hatte.

, 21. November 2025 um 13:00
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Der Wunsch vieler Pflegefachleute? Maximale Flexibilität. Symbolbild: Unsplash
Starre Arbeitszeitmodelle stossen in der Pflege zunehmend auf Ablehnung, während der Wunsch nach Flexibilität wächst. Das zeigt eine Umfrage des Temporärvermittlers Coople unter 504 Teilnehmenden aus Pflegeheimen, Spitex-Organisationen und Kliniken: 69 Prozent verzichten bewusst auf Vollzeitstellen, und fast ein Drittel der temporär Angstellten möchte komplett selbst bestimmen, wann und wie sie arbeiten.
Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Vier von zehn Befragten sehen in flexiblen Modellen die Chance, mehr zu verdienen. Fast die Hälfte profitiert von einer besseren Einteilung der Arbeitszeit, und ein Drittel schätzt die zusätzliche Freizeit und eine ausgewogene Work-Life-Balance.
«Die Erwartungen der Pflegefachkräfte haben sich verändert. Sie wollen nicht mehr nur faire Bezahlung, sondern auch Selbstbestimmung und ein Arbeitsumfeld, das sie nicht ausbrennt», sagt Philipp Balscheit, Leiter Gesundheitswesen bei Coople.

Maximale Flexibilität

Ein Modell, das zeigt, wie maximale Flexibilität ausserhalb von Temporärarbeit funktionieren kann, kommt aus Bülach. Dort wählen die Pflegefachpersonen selbst, wie flexibel sie arbeiten möchten – vom klassischen Tagesdienst ohne Nachtdienste («Fix») bis zur maximal flexiblen Variante («Superflex») mit Nachtdiensten, kurzfristigem Einspringen und entsprechender Lohnzulage.
Je nach Stufe können die Mitarbeitenden bis zu 350 Franken pro Monat zusätzlich verdienen und alle drei Monate lässt sich die Flexibilitätsstufe der persönlichen Lebenssituation anpassen.
Die Bilanz nach einem Jahr: Das Spital konnte 1,2 Millionen Franken einsparen, und die Mitarbeiterzufriedenheit liegt bei 90 Prozent.

Aus der Not heraus

HR-Chef Manuel Portmann erklärte in einem Interview mit der SRF-Radiosendung «Rendez-vous», dass das Spital 2022 unter Personalmangel, hohen Kosten für Temporärpersonal und Fluktuation litt.
Portmann griff auf ein bewährtes Modell zurück, das er bereits vor 30 Jahren als Leiter einer Autobahnraststätte eingeführt hatte. Damals galt: Je flexibler die Mitarbeitenden arbeiten, desto höher der Lohn. Anfangs reagierten die Pflegenden skeptisch. «Doch wir machten die Betroffenen zu Beteiligten und klärten die Bedürfnisse genau ab», sagt Portmann gegenüber «SRF».
Die Erfolge sprechen für sich: Die Fluktuation sank von 18 auf 5 Prozent, die Zahl der Temporäreinsätze von 850 auf 30 pro Jahr.
Gleichzeitig konnte das Spital Bülach seine Attraktivität steigern, und die Rekrutierungssituation verbesserte sich deutlich. «Wir haben noch nie ein Bett sperren müssen wegen Personalmangel», betont Portmann.
Das Modell soll nun auf weitere Berufsgruppen ausgeweitet werden - zunächst auf die Radiologie, Endoskopie und das Labor.

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Umfrage: Coople

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