4-Tage-Woche? Kaum Interesse bei Schweizer Spitälern

Das zeigt eine Umfrage von Medinside. Gefragt seien flexible Arbeitszeitmodelle. Von einem unsäglichen Reduktionstrend spricht der Chirurg Othmar Schöb.

, 13. Juni 2024 um 11:57
letzte Aktualisierung: 4. November 2024 um 08:45
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4-Tage-Woche nein, flexible Arbeitszeitmodelle ja. Bild: USZ/Carla Superti-Furga
Zahlreiche Deutsche Spitäler testen derzeit die 4-Tages Woche als Pilotprojekt. Und die Klinik Fürth beispielsweise hat sie nach einem erfolgreichen Testlauf nun definitiv eingeführt. Das Prinzip lautet dabei: Die Arbeitszeit wird nicht gekürzt, sondern sie wird auf vier statt fünf Tage sowie auf längere Schichten verteilt.
In der Schweiz wurde etwa am GZO Spital Wetzikon eine 38-Stunden Woche eingeführt, die 4-Tage-Woche war bislang aber kaum ein Thema. Und das wird wohl auch vorerst so bleiben.
Eine Umfrage von Medinside unter 20 grösseren Schweizer Spitälern zeigt: Keines von ihnen plant derzeit eine 4-Tage-Woche, die Vorbehalte sind gross.

«Finanziell nicht tragbar»

So heisst es etwa vom Universitätsspital Zürich: «Für uns wäre die Einführung einer 4-Tage-Woche finanziell nicht tragbar und würde den Arbeitskräftemangel zumindest kurzfristig deutlich verschärfen, mit negativen Auswirkungen auf die Patientenversorgung und -sicherheit». Eine Einführung für einzelne Berufsgruppen sei aus Gründen der Fairness nicht möglich.
Die arbeitsrechtlichen Vorgaben von Arbeits- und Ruhezeiten würden bei der Einführung einer Vier-Tage-Woche zu einer deutlichen Reduktion der Arbeitszeit führen, und dies sei in der angespannten finanziellen Situation schwer vorstellbar, heisst es auch von der Insel-Gruppe.
Ob eine 4-Tage-Woche tatsächlich einen positiven Einfluss auf die Zufriedenheit ihrer Mitarbeitenden hätte, sehen die Spitäler generell skeptisch. «Ärzte mit einem 100 Prozent Pensum haben aktuell eine 50-Stundenwoche. Verteilt man diese auf 4 Tage, ergäbe dies Arbeitsschichten von 12 Stunden und mehr», so Trix Sonderegger vom Claraspital Basel. Dies würde nicht nur eine grosse tägliche Belastung darstellen , sondern sei auch hinsichtlich des Arbeitsgesetzes problematisch.
«Mit der 4-Tage-Woche wird die letzte noch vorhandene Kontinuitätskette aufgehoben und weiter geschwächt.» Othmar Schöb, Chirurg
Viel mehr gefragt als eine 4-Tage-Woche seien flexible Arbeitszeitmodelle und frühzeitige Dienstplanung. Kommt hinzu, dass in vielen Spitälern weit mehr als die Hälfte der Angestellten bereits Teilzeit arbeiten.

Es kommt auf die Lebensphase an

«Was die Arbeitgeberattraktivität betrifft, so ist es wohl entscheidender, dass man unterschiedliche Arbeitszeitmodelle anbieten kann, so dass die Mitarbeitende ein Modell wählen können, das ihren individuellen Bedürfnissen und ihrer aktuellen Lebensphase am nächsten kommt», zeigt sich Philipp Lutz vom Kantonsspital St. Gallen überzeugt.
Ganz abgeneigt von einer 4-Tages-Woche ist das KSSG aber nicht, «ein entsprechender Pilot sei aber denkbar», heisst es. Allerdings nicht «flächendeckend» für alle Mitarbeitenden, sondern nur auf gewissen Stationen oder für bestimmte Mitarbeitende in gewissen Bereichen.

«Unsäglicher Reduktionstrend»

Einer der gar nichts hält vom generellen Trend zur Arbeitszeitreduktion ist der Chirurg Othmar Schöb. Vielmehr sieht er eine Gefahr für die Qualität des Gesundheitswesens: «Diese unsäglichen Reduktionstrends sind Sargnägel für ein qualitativ hochstehendes Gesundheitswesen. Es führt zu mehr fehlerbehafteten Übergaben, zur Verwässerung der Verantwortlichkeiten und damit zu einer weiteren Gefährdung der Patientensicherheit».
Seiner Ansicht nach basiert eine qualitativ gute und erfolgreiche Patientenbetreuung auf Kontinuität der Ansprechpersonen. «Mit der 4-Tage-Woche wird die letzte noch vorhandene Kontinuitätskette aufgehoben und weiter geschwächt», ist Schöb überzeugt.
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