Die Medizin wird zurückhaltender. Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz beschliessen heute deutlich häufiger als noch vor zehn Jahren, die intensiven und lebensverlängernden Massnahmen bewusst zu begrenzen. Dies deutet eine grosse Studie an, die ein Team des Universitätsspitals CHUV erarbeitet hat.
Die Lausanner Internisten und Intensivmediziner analysierten rund 51'600 stationäre Fälle im Zeitraum von 2013 bis 2023. Dabei konzentrierten sie sich auf die «Limitations of Therapeutic Efforts» (LTE) – also auf Anordnungen wie den Verzicht auf Wiederbelebung («Do Not Resuscitate»), den Entscheid gegen eine Verlegung auf die Intensivstation beziehungsweise eine Intermediate-Care-Station sowie den Übergang zu einer rein palliativen Behandlung.
Der Trend scheint klar: Man ist heute eher zum Verzicht bereit. Während 2013 bei 47 Prozent der Fälle eine «Do Not Resuscitate»-Anordnung auftauchte, lag die Quote 2023 bei 58 Prozent.
Noch viel deutlicher war die Entwicklung bei Entscheiden gegen Intensive-Care-Behandlungen (Anstieg von 4,5 auf 31 Prozent) und gegen Intermediate-Care-Betreuungen (von 0,8 auf 14,6 Prozent).
Die statistische Detailauswertung eröffnet dann mehrere Erklärungen für solche Therapiebegrenzungen. Stärkster Einflussfaktor war das Alter der Patientinnen und Patienten. Ältere Personen – insbesondere über 85 Jahre – erhielten deutlich häufiger LTE-Entscheide. Auch multimorbide Zustände wie metastasierende Krebserkrankungen und Demenz waren stark mit solchen Anordnungen verbunden.
Nicht blind alles anbieten
«Unsere Ergebnisse deuten an, dass sowohl in der breiten Bevölkerung als auch unter Ärzten ein zunehmendes Bewusstsein besteht für die begrenzte Genesungsfähigkeit der ältesten multimorbiden Patienten nach intensiven und invasiven Behandlungen; und dass hochintensive Behandlungen nicht jedem Patienten blind angeboten werden sollten», mutmassen Malik Benmachiche, Claudio Sartori, Peter Vollenweider und Pedro Marques-Vidal in der Discussion.
Doch speziell bemerkenswert ist ein anderes Ergebnis: Bei Männern gab es statistisch signifikant seltener Therapiebegrenzungen – also tiefere Odds-Ratios für «Do not resuscitate» (0,66), für «Do not admit to ICU» (0,83) wie auch für «Do not admit to IMCU» (0,84).
Schwäche und Stärke?
Die Autorinnen und Autoren thematisieren diesen Befund allerdings mit Vorsicht: «Wir könnten die Hypothese aufstellen, dass in unserer westlichen Kultur die Beschränkung therapeutischer Massnahmen als „Schwäche“ angesehen wird, als weniger «männlich», so eine Erklärung; «oder dass Patientinnen eher Palliativpflege gegenüber invasiver technischer Medizin bevorzugen würden.» Und weiter: «Ärzte könnten auch vom Geschlecht der Patienten beeinflusst sein und Patientinnen weniger invasive Behandlungen anbieten.» So etwas hätten bereits andere Studien angedeutet. Allerdings müsste es durch weitere Forschung überprüft werden.
In der Tat: Dies scheint nötig. Die Ergebnisse decken sich jedenfalls bedenklich
mit einer Studie, die einige Monate zuvor von einem anderen Schweizer Team veröffentlicht wurde. Die Frage dort: Gibt es bei der Betreuung von Herzstillstand-Patientinnen und -Patienten im Spital Unterschiede? Und wie sieht es dabei insbesondere auf den Intensivstationen aus?
- Simon A. Amacher, Tobias Zimmermann, Pimrapat Gebert, Pascale Grzonka, Sebastian Berger, Martin Lohri, Valentina Tröster, Ketina Arslani, Hamid Merdji, Catherine Gebhard, Sabina Hunziker, Raoul Sutter, Martin Siegemund, Caroline E. Gebhard (ICU Trial Group): «Sex disparities in ICU care and outcomes after cardiac arrest: a Swiss nationwide analysis», in «Critical Care», Januar 2025.
- Doi: 10.1186/s13054-025-05262-5
Die Untersuchung, geleitet von Simon A. Amacher und Caroline E. Gebhard vom Universitätsspital Basel, fand klare geschlechtsspezifische Unterschiede bei entscheidenden Kennzahlen:
- So war die Aufnahmequote der Frauen auf Intensivstationen tiefer;
- die Behandlungsmassnahmen nach einer Wiederbelebung waren weniger ausführlich;
- die Aufenthalte von Frauen in der Intensivstation waren kürzer als jene von Männern.
Es zeigt sich also ein Gesamtbild erheblicher Benachteiligung. Doch Autorinnen und Autoren der Basler Studie deuteten die Resultate ebenfalls mit Vorsicht: Die Patientinnen waren tendenziell älter als die Patienten, und sie litten beim Herzstillstand an mehr Komorbiditäten. Dies könnte die höhere Sterblichkeit auf der Intensivstation, aber auch gewisse Therapieeinschränkungen erklären.
Dennoch gibt es Resultate, die zu denken geben und die Notwendigkeit unterstreichen, «geschlechtsspezifische Unterschiede in der Versorgung und Entscheidungsfindung kritisch zu hinterfragen» (so ein Fazit jener Untersuchung). Zum Beispiel zeigte sich auch, dass bei Frauen häufiger frühzeitig auf lebenserhaltende Massnahmen verzichtet wurde.