Unfaire Behandlung? Beim Herzstillstand spielt das Geschlecht eine Rolle

Eine grosse Schweizer Studie zeigt bedenkliche Unterschiede: Frauen kommen nach einem Herzstillstand seltener auf die Intensivstation, werden laxer behandelt und sterben eher als Männer.

, 27. Januar 2025 um 11:35
letzte Aktualisierung: 7. Januar 2026 um 15:08
image
Symbolbild: Rhand McCoy / Unsplash
Wenn Frauen einen Herzstillstand erleiden, dann haben sie schlechtere Chancen als Männer: Diese Tendenz wurde schon mehrfach festgestellt oder zumindest angedeutet. Ein Schweizer Mediziner- und Forscher-Team ging nun der Folgefrage nach, die da lautet: Gibt es bei der Betreuung dieser Patientinnen und Patienten im Spital Unterschiede? Und wie sieht es dabei insbesondere auf den Intensivstationen aus?
Die Untersuchung wurde geleitet von Simon A. Amacher und Caroline E. Gebhard, die als Intensivmediziner am Universitätsspital Basel tätig sind.
Das Team wertete die Daten von 41’700 hospitalisierten Personen aus, wovon 21’700 auf Intensivstationen behandelt worden waren. Am Ende ergaben die Zahlen deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede bei entscheidenden Kennzahlen:
  • Die Aufnahmequote der Frauen auf Intensivstationen war tiefer,
  • die Sterblichkeit war höher,
  • die Behandlungsmassnahmen nach einer Wiederbelebung waren weniger fortschrittlich beziehungsweise ausführlich.
  • Und entsprechend waren die Aufenthalte von Frauen in der Intensivstation kürzer als jene von Männern.
  • Simon A. Amacher, Tobias Zimmermann, Pimrapat Gebert, Pascale Grzonka, Sebastian Berger, Martin Lohri, Valentina Tröster, Ketina Arslani, Hamid Merdji, Catherine Gebhard, Sabina Hunziker, Raoul Sutter, Martin Siegemund, Caroline E. Gebhard (ICU Trial Group): «Sex disparities in ICU care and outcomes after cardiac arrest: a Swiss nationwide analysis», in «Critical Care», Januar 2025.
  • doi: 10.1186/s13054-025-05262-5
Speziell bei ausserklinischen Herzstillständen waren die Unterschiede in der Sterblichkeit deutlich. Hier besagten die Daten, dass Laienreanimationen seltener waren – und dass es öfter zu Verzögerungen bei der Wiederbelebung kam.
Es zeigt sich also ein Gesamtbild erheblicher Benachteiligung. Die Autorinnen und Autoren der Studie deuten die Resultate aber mit einer gewissen Vorsicht: Die Patientinnen waren tendenziell älter als die Patienten, und sie litten beim Herzstillstand auch an mehr Komorbiditäten. Dies könnte die höhere Sterblichkeit auf der Intensivstation, aber auch gewisse Therapieeinschränkungen erklären.
Insbesondere in der Altersgruppe von 50 bis 69 Jahren war die Sterblichkeit bei Frauen höher, was – so die Studie – auch mit hormonellen Veränderungen in der Perimenopause zusammenhängen könnte.
image
Inzidenzraten von Intensiv-Aufnahmen (li.) und Todesfällen auf der Intensivstation (re.) nach Geschlecht & Altersgruppen. Quelle: aus der zitierten Studie.
Dennoch gibt es Resultate, die zu denken geben (beziehungsweise welche die Notwendigkeit unterstreichen, «geschlechtsspezifische Unterschiede in der Versorgung und Entscheidungsfindung kritisch zu hinterfragen und zukünftige Studien zur präziseren Analyse von Faktoren wie Therapieentscheidungen und Versorgungsstandards durchzuführen» – so ein Fazit des Teams um Amacher, Gebhard et. al.).
Zum Beispiel zeigte sich auch, dass bei Frauen häufiger frühzeitig auf lebenserhaltende Massnahmen verzichtet wurde.
Die Langfrist-Studie umfasste den Zeitraum 2008 bis 2022. Dabei kam auch heraus, dass es während der Covid-19-Pandemie zu einem Rückgang der ICU-Aufnahmen bei Herzstillständen kam – wobei diesmal die Männer stärker betroffen waren. Die Sterblichkeitsrate bei Frauen blieb allerdings auch in dieser Phase höher.
  • forschung
  • intensivmedizin
  • Kardiologie
  • Herzchirurgie
  • USB
Artikel teilen

Loading

Kommentar

Mehr zum Thema

image

KSA: Pascal Meier wird Chefarzt Kardiologie

Pascal Meier wird Chefarzt der Kardiologie am Kantonsspital Aarau. Er folgt auf Laurent Haegeli, der sich künftig auf die Leitung und Weiterentwicklung der Rhythmologie fokussiert.

image

Myokarditis nach Covid-Impfung: Neue Erklärungsansätze

Bestimmte Zytokine begünstigen eine überschiessende Entzündungsreaktion im Herzmuskel, Östrogene hemmen sie. Das zeigt ein Team der Stanford University. Hier liegt wohl eine Erklärung, weshalb die seltene mRNA-Nebenwirkung vor allem junge Männer betrifft.

image

Basel öffnet Notfallversorgung für Patienten aus dem südlichen Elsass

Erwachsene aus dem südlichen Elsass können bei medizinischen Notfällen neu im Universitätsspital Basel versorgt werden. Eine Vereinbarung regelt auch die Kostenübernahme.

image

Herzinsuffizienz: Jeder macht's ein bisschen anders

Ob Hausarztpraxis, Spital oder Herzzentrum: Wie Herzinsuffizienz behandelt wird, hängt in der Schweiz stark vom Fachgebiet ab. Eine nationale Umfrage legt überraschend grosse Unterschiede offen – und das trotz klarer Leitlinien.

image

USZ-Herzchirurgie: Warten auf den Frühling

Die Untersuchung zu den Vorfällen in der Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich ist weitgehend abgeschlossen. Doch vor der Veröffentlichung stehen noch rechtliche Schritte an. Im Kantonsrat wächst der Druck.

image

USB: Doppelleitung in der Neurologie

Mit Mira Katan Kahles und Cristina Granziera setzt das Universitätsspital Basel auf eine gemeinsame Klinik-Leitung. Sie vereint Expertise in Stroke-Medizin, Neuroimmunologie, Neurobildgebung und Präzisionsmedizin.

Vom gleichen Autor

image

Pflege bleibt Engpassberuf Nummer eins


Kaum ein Bereich sucht so intensiv nach Personal wie das Gesundheitswesen. Der neue Jobradar zeigt: Vor allem in der Pflege steigt die Zahl offener Stellen wieder in Richtung Rekordniveau.

image

Umbau beim SIWF – doch die Wartezeiten bleiben lang

Das Weiterbildungs-Institut trennt sich nun auch von Geschäftsführer Jörg Gröbli. Trotz mehr Personal und IT-Unterstützung beträgt die Bearbeitungsdauer für Facharzttitel beim SIWF weiterhin rund zwölf Monate.

image

Pflegeinitiative: Widerstand im Parlament – SBK empört

Die Gesundheitskommission des Nationalrats tritt bei der Umsetzung der Pflegeinitiative auf die Bremse. Höchstarbeitszeit, Normalarbeitszeit und Lohnzuschläge für Sonn- und Feiertagsarbeit sollen weitgehend unverändert bleiben