Bei den Psychotherapeuten brodelt es

Verzögerte Kostengutsprachen bringen Psychotherapeuten ins Dilemma zwischen Behandlungsauftrag und finanziellem Risiko.

, 13. Februar 2026 um 07:25
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Symbolbild :Unsplash
Der Psychotherapeut Alain Fischer* beschreibt in einem LinkedIn-Beitrag eine Situation, die in der Branche zunehmend zur Regel wird: «Ich habe mittlerweile mehrere Patientinnen und Patienten in Behandlung, obwohl keine Kostengutsprache mehr vorliegt.» Viele Krankenkassen liessen sich «Wochen bis Monate Zeit für eine Antwort».
Damit stelle sich für ihn eine grundlegende Frage, die zahlreiche Kolleginnen und Kollegen teile: «Behandle ich weiter – in der Hoffnung, dass die Kasse zahlt? Oder pausiere ich die Therapie und schicke die Betroffenen in den Notfall oder stationär, obwohl das fachlich nicht angezeigt ist und viel mehr kostet?» Der Frust darüber sei gross. «Lange mache ich das so nicht mehr mit», schreibt Fischer. Falls sich am Anordnungsmodell nichts ändere, müsse er «in den Ausstand treten – wie schon viele andere». Seinen Appell richtet er direkt an das Bundesamt für Gesundheit.

Anordnungsmodell

Seit Juli 2022 gilt in der psychologischen Psychotherapie das Anordnungsmodell. Seither können Leistungen über die obligatorische Krankenpflegeversicherung abgerechnet werden, ab der 31. Sitzung ist jedoch eine Kostengutsprache erforderlich. Bleibt diese aus oder verzögert sich der Entscheid, tragen die Therapeutinnen und Therapeuten das finanzielle Risiko – oder sie sehen sich gezwungen, laufende Behandlungen zu unterbrechen.
Dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, zeigen die Reaktionen aus der Fachcommunity. «Du beschreibst ein Dilemma, das viele von uns kennen und das untragbar geworden ist», schreibt ein Psychotherapeut. «Entweder wir behandeln weiter und tragen das Risiko, oder wir lassen Patientinnen und Patienten im Stich. Beides ist falsch.» Ein «kollektives Nein zum Stillhalten» sei deshalb überfällig.

Nicht nur Kritik

Grundsätzlich wird das Anordnungsmodell jedoch nicht nur kritisch beurteilt. Einzelne Fachpersonen verweisen auf den fachlichen Nutzen der regelmässigen Standortbestimmungen. «Ich finde es sinnvoll, dass wir Therapieprozesse in Abständen reflektieren und in Berichten festhalten – davon profitieren auch die Patientinnen und Patienten», heisst es in einem Kommentar. Wenig Verständnis gibt es hingegen für den administrativen Aufwand, wenn das Instrument primär der Kostenkontrolle diene: «Das verbrennt Ressourcen, ohne einen erkennbaren Mehrwert zu schaffen.»
👉Mehr dazu:
Das Anordnungsmodell: Theorie klar, Praxis absurd
Seit Juli 2022 können Psychotherapeutinnen und -therapeuten auf eigene Rechnung über die Grundversicherung abrechnen. Doch das System stellt Pro-Forma-Kontrolle über Vertrauen und Respekt. Ein Erfahrungsbericht.

 

Steigende Kosten

Der Konflikt verschärft sich vor dem Hintergrund steigender Kosten. Laut Bundesamt für Gesundheit nahmen die Ausgaben der obligatorischen Krankenpflegeversicherung im vierten Quartal 2025 um 5,2 Prozent zu. Überdurchschnittlich gewachsen ist neben der Spitex auch die psychologische Psychotherapie mit einem Plus von 9,8 Prozent.
  • Bundesrat will am Anordnungsmodell festhalten
*Name der Redaktion bekannt.
  • psychotherapie
  • anordnungsmodell
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