Psychische Erkrankungen betreffen einen wachsenden Teil der Bevölkerung. Viele Patienten erhalten Hilfe jedoch erst spät, was zu Krisen, vermeidbaren Spitalaufenthalten und hohen Kosten für das Gesundheitssystem führen kann. APP setzt hier an: Pflegefachpersonen begleiten Betroffene zu Hause, fördern Alltagskompetenzen, Selbstbestimmung und soziale Teilhabe.
Gleichzeitig ist APP in der Schweiz bisher weder systematisch finanziert noch flächendeckend etabliert. Gerade in ländlichen Regionen fehlt es an spezialisierten Angeboten.
Ein gemeinsamer fachlicher Rahmen
Um diesem Mangel zu begegnen, haben Spitex Schweiz, ASPS, Curacasa und die Berner Fachhochschule
ein Grundlagenpapier erarbeitet. Es beschreibt die Werte und Prinzipien von APP – etwa Personenzentrierung, Transparenz und Recovery-Orientierung – sowie deren Aufgaben im Alltag der Betroffenen. Damit soll ein gemeinsames Verständnis und eine einheitliche Sprache geschaffen werden.
Die Expertengruppe «Psychiatriepflege», die 2024 gegründet wurde, hat das Papier verfasst. Mitglieder bringen langjährige Erfahrung aus Praxis und Weiterbildung im Bereich APP mit.
Für Valentin Terreaux, Verantwortlicher für psychische Gesundheit bei AVASAD (Waadtländer Spitex) und Mitglied der Expertengruppe, markiert das Dokument einen Wendepunkt: «Das Grundlagenpapier beschreibt die Aufgaben, Werte und den Leistungsumfang von APP und bietet eine gemeinsame Grundlage für Spitex-Organisationen, Behörden, Versicherer sowie Ärztinnen und Ärzte.»
Das Papier fordere zugleich eine stärkere Anerkennung von APP als eigenständige Leistung, die der somatischen Pflege gleichgestellt werden sollte, sagt Terreaux in einem
Interview im Spitex Magazin.Das Dokument betont mehrere Handlungsschwerpunkte:
- Finanzielle Absicherung und Vergütung: Eine leistungsgerechte, faire Finanzierung auf Basis der tatsächlichen Komplexität und Wirksamkeit der Pflege muss sichergestellt werden.
- Weiterentwicklung des Leistungskatalogs (KLV): Die Leistungen der APP müssen umfassender, flexibler und realitätsnäher abgebildet werden (z.B. sollte die Durchführung von Interventionen in Gruppensettings ermöglicht werden)
- Niedrigschwelliger Zugang zur Pflege: Diagnostikhürden und bürokratische Barrieren sind abzubauen. Spezialisierte Angebote sollen auch in ländlichen Regionen und möglichst flächendeckend zur Verfügung stehen.
- Fachliche Qualifikation und Bildung: Es braucht spezifische Aus- und Weiterbildungsangebote und eine adäquate fachliche Qualifikation aller Beteiligten – auch auf Seite der Kostenträger. Auch hier ist eine Gleichstellung zur Somatik ein Muss.
- Stärkere multiprofessionelle Integration: Schnittstellen zu anderen Versorgungsformen sind aktiv zu gestalten, um Kontinuität und Qualität in der Behandlung zu sichern.
Für Fachpersonen im Gesundheitswesen liefert das Grundlagenpapier einen Orientierungsrahmen: Es verdeutlicht, welche Rolle APP in der psychiatrischen Versorgung spielen kann, wo aktuell noch Defizite bestehen und welche nächsten Schritte nötig sind. Für die Praxis bedeutet das: Mehr Klarheit in den Aufgaben, mehr Zusammenarbeit über Berufsgruppen hinweg – und eine stärkere Argumentationsbasis gegenüber Politik und Kostenträgern.