Grundlagenpapier zur ambulanten psychiatrischen Pflege veröffentlicht

Ambulante psychiatrische Pflege begleitet Menschen mit psychischen Erkrankungen im häuslichen Umfeld. Ein neues Grundlagenpapier von Spitex Schweiz, ASPS, Curacasa und der Berner Fachhochschule beschreibt erstmals verbindlich Aufgaben und Leistungsumfang.

, 6. Oktober 2025 um 08:12
image
Symboldbild: Centre for Ageing Better on Unsplash
Psychische Erkrankungen betreffen einen wachsenden Teil der Bevölkerung. Viele Patienten erhalten Hilfe jedoch erst spät, was zu Krisen, vermeidbaren Spitalaufenthalten und hohen Kosten für das Gesundheitssystem führen kann. APP setzt hier an: Pflegefachpersonen begleiten Betroffene zu Hause, fördern Alltagskompetenzen, Selbstbestimmung und soziale Teilhabe.
Gleichzeitig ist APP in der Schweiz bisher weder systematisch finanziert noch flächendeckend etabliert. Gerade in ländlichen Regionen fehlt es an spezialisierten Angeboten.

Ein gemeinsamer fachlicher Rahmen

Um diesem Mangel zu begegnen, haben Spitex Schweiz, ASPS, Curacasa und die Berner Fachhochschule ein Grundlagenpapier erarbeitet. Es beschreibt die Werte und Prinzipien von APP – etwa Personenzentrierung, Transparenz und Recovery-Orientierung – sowie deren Aufgaben im Alltag der Betroffenen. Damit soll ein gemeinsames Verständnis und eine einheitliche Sprache geschaffen werden.
Die Expertengruppe «Psychiatriepflege», die 2024 gegründet wurde, hat das Papier verfasst. Mitglieder bringen langjährige Erfahrung aus Praxis und Weiterbildung im Bereich APP mit.
Für Valentin Terreaux, Verantwortlicher für psychische Gesundheit bei AVASAD (Waadtländer Spitex) und Mitglied der Expertengruppe, markiert das Dokument einen Wendepunkt: «Das Grundlagenpapier beschreibt die Aufgaben, Werte und den Leistungsumfang von APP und bietet eine gemeinsame Grundlage für Spitex-Organisationen, Behörden, Versicherer sowie Ärztinnen und Ärzte.»
Das Papier fordere zugleich eine stärkere Anerkennung von APP als eigenständige Leistung, die der somatischen Pflege gleichgestellt werden sollte, sagt Terreaux in einem Interview im Spitex Magazin.

Das Dokument betont mehrere Handlungsschwerpunkte:

  • Finanzielle Absicherung und Vergütung: Eine leistungsgerechte, faire Finanzierung auf Basis der tatsächlichen Komplexität und Wirksamkeit der Pflege muss sichergestellt werden.
  • Weiterentwicklung des Leistungskatalogs (KLV): Die Leistungen der APP müssen umfassender, flexibler und realitätsnäher abgebildet werden (z.B. sollte die Durchführung von Interventionen in Gruppensettings ermöglicht werden)
  • Niedrigschwelliger Zugang zur Pflege: Diagnostikhürden und bürokratische Barrieren sind abzubauen. Spezialisierte Angebote sollen auch in ländlichen Regionen und möglichst flächendeckend zur Verfügung stehen.
  • Fachliche Qualifikation und Bildung: Es braucht spezifische Aus- und Weiterbildungsangebote und eine adäquate fachliche Qualifikation aller Beteiligten – auch auf Seite der Kostenträger. Auch hier ist eine Gleichstellung zur Somatik ein Muss.
  • Stärkere multiprofessionelle Integration: Schnittstellen zu anderen Versorgungsformen sind aktiv zu gestalten, um Kontinuität und Qualität in der Behandlung zu sichern.
Für Fachpersonen im Gesundheitswesen liefert das Grundlagenpapier einen Orientierungsrahmen: Es verdeutlicht, welche Rolle APP in der psychiatrischen Versorgung spielen kann, wo aktuell noch Defizite bestehen und welche nächsten Schritte nötig sind. Für die Praxis bedeutet das: Mehr Klarheit in den Aufgaben, mehr Zusammenarbeit über Berufsgruppen hinweg – und eine stärkere Argumentationsbasis gegenüber Politik und Kostenträgern.
  • psychiatrie
  • psychotherapie
Artikel teilen

Loading

Kommentar

Mehr zum Thema

image

Stellvertreter für IPW-Direktor Stefan Lichtensteiger

Benjamin Dubno übernimmt vorübergehend die Leitung der Integrierten Psychiatrie Winterthur - Zürcher Unterland.

image

Neuer Direktor soll forensische Psychiatrie in Bern vorwärts bringen

Der neue Chefarzt kommt aus der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Er bringt Erfahrung in Hochsicherheitsforensik mit.

image

Bei den Psychotherapeuten brodelt es

Verzögerte Kostengutsprachen bringen Psychotherapeuten ins Dilemma zwischen Behandlungsauftrag und finanziellem Risiko.

image

Bundesrat will am Anordnungsmodell festhalten

Die Kosten in der Psychotherapie sind massiv gestiegen. Für FDP-Nationalrat Philippe Nantermod ist das nicht tragbar.

image

BAG: Gesundheitskosten steigen um 5,2 Prozent

Gemäss dem aktuellen Kostenmonitoring des Bundesamtes für Gesundheit wuchsen die Ausgaben für Spitex-Leistungen am stärksten, gefolgt von der Psychotherapie.

image

Generation Smartphone – Generation Stress

Psychische Probleme bei Jugendlichen nehmen seit Jahren zu. Eine neue Langzeitstudie legt nun nahe, dass das Smartphone dabei nicht nur eine Nebenrolle spielt.

Vom gleichen Autor

image

Unispital Genf startet Chemsex-Sprechstunde

Die Hôpitaux universitaires de Genève bieten nun eine multidisziplinäre Beratung an, die sich mit dem Gebrauch psychoaktiver Substanzen beim Sex befasst. Das Angebot wird von der Krankenkasse vergütet.

image

Überlastung: HFR muss Operationen verschieben

Saisonale Grippe, Skiunfälle und Bettenmangel setzen das Freiburger Spital stark unter Druck. Nun müssen nicht dringende elektive Eingriffe verschoben werden.

image

Triemli behandelt erfolgreich Mädchen mit Off-Label-Medikament

Ein Team des Stadtspitals Zürich hat erstmals weltweit ein neunjähriges Kind mit erythropoetischer Protoporphyrie mit einem Medikament behandelt, das bislang nur für Erwachsene zugelassen ist.