Weniger Regionalpolitik, mehr Tech: Wie das Spital neu gedacht werden soll

H+ will das Ende von Spitaltraditionen. Mit einer PwC-Studie skizziert der Verband ein Krankenhaussystem, das sich von regionaler Politik und bisheriger Planung verabschiedet – und zehntausende Stellen einspart.

, 27. November 2025 um 23:00
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Man wird sich daran gewöhnen müssen: Humanoider Roboter in einem Kinderspital  |  Bild: Univ. of Alberta
Auf den ersten Blick sind die Forderungen nicht weiter erstaunlich: mehr Ambulantisierung, kostendeckende Tarife, neue Versorgungsplanung, Digitalisierung, Fachkräfte sichern, weniger Bürokratie… Der Spitalverband H+ legte heute eine Studie der Beratungsfirma PwC sowie ein Positionspapier zur Zukunft des Spitalwesens vor, und so lauten in etwa die Kernforderungen.
Aber insgesamt deuten die vorgelegten Papiere doch auch an, dass die Branche eher eine Revolution statt des bisherigen regionalen Flickwerks anstrebt.
So betonen die Vorschläge, dass sich das Spital erstens vom Ort für akute Versorgung wegentwickeln sollte – hin zu einem digitalen Zentrum, das einerseits für die Schwerstversorgung zuständig ist, aber andererseits in der Prävention und in der Nachbetreuung eine bedeutsamere Rolle einnimmt als heute. In der Zukunftsstudie von H+ wird Hospital@Home bedeutsamer, und Roboter und KI übernehmen viele Routinearbeiten.
Die Einführung von «virtuellen Angestellten» erscheint als sehr konkrete Lösung gegen den Fachkräftemangel.
  • PwC: «Zukunftsperspektiven für die Spitallandschaft Schweiz». Studie im Auftrag von H+ Die Spitäler der Schweiz, November 2025.
Doch um diesen Zustand zu erreichen, muss heute auch zuerst der finanzielle Rahmen geschaffen werden – Stichwort Tarifstruktur –, welcher die nächsten Schritte ermöglicht – Stichwort Digitalisierung.
Am Ende liessen sich durch einen konsequenten Umbau massive Kosten- und Personaleinsparungen erzielen, so die Berechnungen von PwC: Etwa 30’000 Stellen, die nach der heutigen Planung bis 2045 benötigt würden, liessen sich einsparen. Und 4,5 Milliarden Franken an Ausgaben könnten womöglich gestrichen werden.
Deutlich ist auch das Plädoyer für kantonsübergreifende und koordinierte Versorgungsregionen: PwC spricht von einer «entpolitisierten» Vorgehensweise, die Platz schaffen soll für mehr unternehmerische Lösungen. Die Versorgungsplanung müsse sich strikt am Bedarf orientieren, nicht an volkswirtschaftlichen Interessen, nicht an Regionalpolitik. «Dazu gehört auch die Auflösung standortbezogener Leistungsaufträge.»
«Politik und Tarifpartner müssen das Umfeld so gestalten, dass die Spitäler neue Ansätze etwa für alternative Finanzierungsmodelle (z. B. Capitation-Modelle, Bundled Payments) einfach testen und umsetzen können.» — aus der PwC-Studie.
Damit würden also doch einige Schweizer Traditionen angeritzt. Und so wird auch die Tradition der ständigen Regulierung und Bürokratisierung zur Debatte gestellt: Vielmehr benötigten die Spitäler neue Ansätze, «die belohnen statt sanktionieren», sowie regulatorische Rahmenbedingungen, die Innovation begünstigen, beispielsweise im Datenschutz oder beim Beschaffungsrecht.
Insgesamt führt die Studie also doch etwas über den Forderungs-Dreisatz «mehr ambulant, mehr digital, mehr Koordination» hinaus. Das Spital erscheint als Teil eines Netzwerks, in dem Datenverarbeitung und KI, Prävention und Auslagerungen wichtiger sind als man es in den heutigen Planungen einschätzt.
«Humanoide Roboter assistieren nicht nur bei Routineaufgaben, sondern interagieren zunehmend empathisch mit den Patient:innen», heisst es zum Beispiel einmal. Das ist eine Vorstellung, die 2025 in den meisten Schweizer Betrieben immer noch als nette Science-Fiction-Idee gilt, nicht mehr.
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