Zu tiefe Preise: Pharma droht mit Produktionsstopp

Obschon die Preise für Generika in der Schweiz hoch sind, sehen Schweizer Pharmahersteller ihr Geschäft in Gefahr und drohen mit Produktionsstopp.

, 24. Juli 2023 um 08:16
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Die Forderung der Interessensgesellschaft Pharma KMU, zumindest vorübergehend auf Preissenkungen zu verzichten, fand beim BAG bislang kein Gehör. | Unsplash
Die Preise für Generika sind in der Schweiz hoch. Laut dem Auslandpreisvergleich des Krankenkassenverbands Santésuisse und der Pharmaorganisation Interpharma kosten diese in unseren Nachbarländern 46,5 Prozent weniger. Entsprechend gross schätzt Santésuisse das Sparpotenzial ein. Würden die Generikapreise auf das europäische Niveau gesenkt, liessen sich demnach jährlich 380 Millionen Franken einsparen.

Produktionskosten gestiegen

Beim Schweizer Pharmahersteller Streuli klingeln bei solchen Aussagen die Alarmglocken. Die Realität sei bei den eigenen Generikapräparaten, aber auch bei vielen anderen günstigen Medikamenten eine andere, sagt Co-Geschäftsleiter André Vecellio gegenüber der «Aargauer Zeitung». Vielmehr würden sie sich fragen, wie sie mit den aktuellen Preisen überhaupt noch kostendeckend produzieren könnten. Die Energiekosten sind massiv angestiegen, die Medikamentenpreise sind jedoch staatlich festgelegt.

Gesuch für Preiserhöhung

Besonders bei den günstigsten Medikamenten werde die Marge durch die höheren Kosten oft vollständig aufgezehrt. So seien etwa die Kosten für eine Ampulle Morphin um 27 Rappen gestiegen und liege derzeit ab Werk bei 53 Rappen. «Wenn wir kostendeckend weiterproduzieren sollen, müssen uns mindestens 90 bis 120 Rappen vergütet werden», so Vecellio. Er will deshalb demnächst ein Preiserhöhungsgesuch für die Morphin-Ampullen beim BAG einreichen. Zugleich hat der Pharmahersteller bei anderen Präparaten bereits entschieden, den Verkauf einzustellen. Betroffen sind vor allem jene Medikamente mit besonders tiefem Umsatz und geringem Marktvolumen.

Keine Zukunft im Generikageschäft

Die Forderung von Streuli und anderen Firmen aus der Interessensgesellschaft Pharma KMU, zumindest vorübergehend auf Preissenkungen zu verzichten, fand beim BAG bislang kein Gehör. Zwar diskutiert das Parlament eine Gesetzesänderung, mit der günstige Medikamente von der regulären Preisüberprüfung ausgenommen werden könnten. Ob und wann dies passiert, ist ungewiss. Viele kleine Hersteller sehen im Generikageschäft deshalb keine erfolgsversprechende Zukunft mehr.

 

Auf Nachfrage von Medinside sagt Chefapotheker Enea Martinelli dazu:
Bezüglich der Versorgung mit Ampullen und Medikamenten für die Anästhesie und Schmerzmedizin bewegen wir uns in der Schweiz auf sehr dünnem Eis. Es gibt nur noch wenige Firmen, die solche Medikamente herstellen. Und das sind genau die, die es in einem Krisenfall zuerst braucht. Hätten wir Firmen wie Streuli, Sintetica oder Bichsel während der Anfangsphase der Pandemie nicht gehabt, dann wären wir mit der Versorgung in eine massive Schieflage geraten. Der Ausfall der Firma Amino Ende des letzten Jahres hat gezeigt, was es für die Versorgung bedeutet, wenn eine solche Firma ausfällt. Es braucht Firmen in der Schweiz, die Wirkstoffe mit verschiedenen Technologien verarbeiten können und die nötige Fexibilität besitzen, im Bedarf auch einzuspringen. Streuli hat etwa beim Ausfall von Amino die Herstellung von höher dosierten Methadon-Tabletten übernommen.

Beurteilung, wie wichtig ein Medikament ist

Versorgungspolitisch bezogen auf einzelne Medikamente muss zuerst einmal beurteilt werden, wie wichtig ein Medikament ist und was die möglichen Alternativen sind. Bei Medikamenten, die einen wichtigen Platz einnehmen, muss man beurteilen, ob man einen Zulassungsinhaber aus dem Ausland gewinnen kann, der das Medikament für die Schweiz zum angepeilten Preis zulässt und vertreibt. Die Frage ist dann, wie schnell das geht und was man dazwischen macht.

Situation darf so nicht hingenommen werden!

Was nicht geht: Die Situation einfach hinnehmen und meinen, der Markt regle es dann schon irgendwie – so wie das aktuell der Fall ist. Ist das Medikament wichtig, werden die Patienten sowie die Leistungserbringer in Geiselhaft genommen mit der Situation. Für uns bedeutet das dann, dass wir das Medikament importieren müssen und auch das Haftungsrisiko tragen. Gibt es kein Medikament in der Schweiz, muss zusätzlich für jede einzelne Anwendung ein Kostengutsprachegesuch bei der Krankenkasse gestellt werden. Das heisst ein grosser Zusatzaufwand.

Initiative «Ja zur medizinischen Versorgungssicherheit»

Genau um diese Fragen zu klären wurde die Initiative «Ja zur medizinischen Versorgungssicherheit» lanciert. Aktuell ist für die fundierte Beurteilung an sich niemand zuständig. Das BWL (Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung) hat einen eng umrissenen Auftrag. Die Problematik geht jedoch weit darüber hinaus.



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