Keine Zulassungserleichterung für Orphan Drugs

Eine schnellere Zulassung für Arzneimittel bei seltenen Krankheiten hätte laut dem Bundesrat hohe Kostenfolgen.

, 13. Juni 2024 um 14:12
image
«Es wäre ein Widerspruch, wenn wir jetzt dieser Motion zustimmen würden»: SP-Ständerätin Flavia Wasserfallen | Screenshot Parlament
Der Nationalrat will die Zulassung für Medikamente seltener Krankheiten, den Orphan Drugs, erleichtern. Dies entschied er im Herbst vergangenen Jahres. Eine knappe Mehrheit des Ständerats will aber davon nichts wissen. Die kleine Kammer lehnte am Donnerstag die entsprechende Motion mit 22 zu 18 Stimmen bei 3 Enthaltungen ab.
Man muss sich in Erinnerung rufen: Wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich muss ein Medikament sein, damit es über die obligatorische Krankenpflegeversicherung abgerechnet werden kann.
Hat Swissmedic ein Arzneimittel zum Verkauf freigegeben, überprüft das Bundesamt für Gesundheit (BAG), ob die WZW-Kriterien erfüllt sind. Dabei stützt sich das BAG auf Empfehlungen der eidgenössischen Arzneimittelkommission.

«Early Dialogue»

Die Motion der nationalrätlichen Gesundheitskommission verlangt für Orphan Drugs eine bessere Koordination zwischen Swissmedic und dem BAG. Dabei soll mit der Zulassung durch Swissmedic auch eine Vergütungslösung über die Spezialitätenliste vorliegen. Der Fachausdruck dazu heisst «Early Dialogue».
Die frühe Kontaktaufnahme ermöglicht es Pharmaunternehmen, die Einschätzung des BAG zur Preisfestsetzung im Rahmen ihres Gesuchs zu berücksichtigen. Dadurch sollen lange Schriftenwechsel und Diskussionen vermieden und der Zugang zur Vergütung über die Spezialitätenliste beschleunigt werden.

580'000 Menschen betroffen

Man muss auch wissen: In der Schweiz sind zirka 580'000 Personen von einer seltenen Krankheit betroffen, aber nur für etwa 5 Prozent solcher Erkrankungen gibt es eine zugelassene Therapie. «Wenn eine neue Behandlungsmöglichkeit zugelassen wird, sollen Betroffene nicht noch Jahre warten müssen, bis eine Vergütungslösung über die Spezialitätenliste gefunden wird», steht in der Begründung der Motion.
Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider sagte in der Debatte, mit der Motion würde kein rascherer Zugang zur Vergütung von Orphan Drugs erreicht, nur weil das BAG die Wirksamkeit nicht mehr überprüfe. Denn die Verzögerungen bei der Aufnahme von Orphan Drugs erfolge meistens aufgrund zu hoher Preisforderungen. Diese Medikamente seien erfahrungsgemäss sehr teuer. Müssten alle Orphan Drugs als wirksam erachtet werden, hätte dies hohe Kosten zur Folge.

Nicht mehr notwendig

Auch SP-Ständerätin Flavia Wasserfallen, die im Nationalrat noch für die Motion stimmte, lehnt sie mittlerweile ab. Es seien inzwischen in den Verordnungen etliche Anpassungen vorgenommen worden, «welche den raschen Zugang und die Zugangsgerechtigkeit verbessern.»
Zudem erinnert die Bernerin daran, dass der Ständerat im Rahmen der Beratungen zum Kostendämpfungspaket soeben entschieden habe, die beiden Verfahren – die Wirksamkeitsprüfung bei Swissmedic und die relative Wirksamkeitsprüfung beim BAG - beizubehalten. «Deshalb wäre es ein Widerspruch, wenn wir jetzt dieser Motion zustimmen würden.»
  • politik
  • Seltene Krankheiten
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Monsieur Prix mag das Réseau de l’Arc

Preisüberwacher Stefan Meierhans schlägt vor, dass die Politik viel stärker auf grosse Gesundheitsnetze mit festen Budgets setzt.

image

Kinder- und Jugendpsychiatrie: Nun soll's der Bundesrat richten

Der Nationalrat verlangt, dass der Bundesrat in die Kompetenz der Kantone und der Tarifpartner eingreift.

image

Forschung muss Frauen und Alte mehr berücksichtigen

Der Bund regelt die Forschung an Menschen stärker. Künftig sollen mehr Frauen und Alte teilnehmen.

image

Braucht es ein Bundesgesetz über die Gesundheit?

Ja, findet die Akademie der Medizinischen Wissenschaften – und formuliert gleich einen Vorschlag: So sähen ihre Paragraphen aus.

image

Bei der Gesundheit gibt es keine Bundes-Subventionen zu kürzen

Die Eidgenössische Finanzkontrolle will bei den Subventionen sparen. Der Gesundheitsbereich wird aber vom Bund kaum subventioniert.

image

Swissmedic und BAG müssen Frauen mehr berücksichtigen

Frauen haben andere Gesundheitsrisiken als Männer. Deshalb müssen Swissmedic und das BAG nun etwas ändern.

Vom gleichen Autor

image

«Frau Bundesrätin, lassen Sie den lächerlichen Streit beiseite...»

In der Ständerats-Debatte zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen waren auch Tarmed und Tardoc ein Thema.

image

Wieder ein Ausbau des Leistungskatalogs

Der Nationalrat will ärztliche Beratungen im Zusammenhang mit der Patientenverfügung von der Grundversicherung bezahlen lassen.

image

Was kostet der Leistungsausbau? Keine Ahnung

Was sind die finanziellen Folgen des Leistungsausbaus in der Grundversicherung? Der Bundesrat will das nicht wissen.