Swisscom bricht Verhandlungen ab: Müssen 160 Spitäler bald wieder per Papier abrechnen?

Heute können Spitäler elektronisch mit Versicherern und Kantonen abrechnen. Aber wie lange noch? Swisscom Health hat den Vertrag mit dem Dienstleister Medidata einseitig gekündigt.

, 17. November 2022, 15:18
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Foto: Sear Greyson / Unsplash
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Anfang November erhielten verschiedene Spitäler und andere Gesundheitseinrichtungen einen Brief, der «Inside IT» vorliegt. Darin schreibt Medidata, Betreiber einer Datenaustausch-Plattform des Gesundheitswesens, dass Kunden von Swisscom Health nur noch bis Ende Jahr von der elektronischen Abrechnung mit Versicherungen und Kantonen profitieren könnten. Swisscom Health zählt nach eigenen Angaben 5'000 Ärzte, 750 Therapeuten, 160 Spitäler sowie 70 Labore und Institute zu seiner Kundschaft – sie alle sind potenziell betroffen.
Grund dafür sei, dass «Swisscom Health nach mehrmonatigen Verhandlungen die Zusammenarbeit mit uns beendet.» Deshalb müssten Rechnungen an Krankenkassen wie Helsana, CSS, Suva, Sanitas, Concordia oder KPT ausgedruckt und per Post verschickt werden, heisst es im Brief weiter. «Papierrechnungen haben eine längere Bearbeitungszeit, was wiederum eine spätere Zahlung einer Papierrechnung gegenüber einer elektronisch versendeten Rechnung zur Folge hat», warnt Medidata weiter.

Müssen Rechnungen bald wieder gedruckt werden?

Hintergrund der ganzen Geschichte ist, dass per Ende 2022 ein in die Jahre gekommenes System namens Mediport abgestellt und durch das Medidata Netz abgelöst wird. Deshalb führt der Plattformbetreiber Medidata seit mehreren Monaten Verhandlungen mit angeschlossenen Partnern. Mit Swisscom Health waren diese offenkundig nicht erfolgreich. Warum, bleibt offen. «Mit anderen Intermediären wie der Ärztekasse wurde der Wechsel abgeschlossen», schreibt Robert den Otter von Medidata auf Anfrage.
Für Swisscom-Health-Kunden hat das Konsequenzen: «Solange Swisscom Health selbst keinen Anschluss an die über 70 Versicherer in Form einer datensicheren elektronischen Schnittstelle gewährleisten kann», erklärt den Otter, «können Rechnungen nicht mehr standardisiert an Versicherer übermittelt, geprüft und verarbeitet werden». Medidata sei von verschiedenen Versicherern, Kassen und Kantonen dringend gebeten worden, die Partnerschaft mit Swisscom weiterzuführen, so den Otter.

Swisscom will Services weiter anbieten

Swisscom will sich nicht äussern. «Wir nehmen grundsätzlich keine Stellung zu Vertragsbeziehungen mit Kunden und Partnern», schreibt Sprecher Armin Schädeli auf Anfrage. Aber das Unternehmen will festhalten, dass man ab dem 1. Januar 2023 «den Service der elektronischen Rechnungsübermittlung im gewohnten Umfang, der gewohnten Qualität und zum gewohnten Preis» gewährleisten wolle. Dasselbe wiederholt Swisscom auch in einem Brief, der als Reaktion auf das Medidata-Schreiben an Kunden und Partner verschickt worden ist, der «Inside IT» ebenfalls vorliegt.
Robert den Otter sagt, dass dies technisch nicht möglich sei, solange Swisscom eben nicht über die entsprechenden Anschlüsse an Versicherer und Kantone verfüge. «In diesem Fall droht der Rückschritt ins Papierzeitalter.» Deshalb würden ohne neue elektronische Anbindung «sowohl Leistungserbringern wie auch Versicherern ab dem 1. Januar 2023 direkte und indirekte Mehrkosten drohen», unabhängig aller Garantien Swisscoms, bekräftigt den Otter. «Aus Wettbewerbsgründen machen wir keine Angaben dazu», sagt Swisscom auf die Frage, wie die technische Weiterführung bewerkstelligt werden soll.

Es drohen massiv höhere Kosten

Diese Kosten könnten sich bei Versicherungen, Krankenkassen oder Spitälern insbesondere in erhöhten Administrations-Aufwänden äussern, vor allem aufgrund der drohenden manuellen Verarbeitung von zehntausenden Rechnungen, so Robert den Otter. Hinzu kämen Zurückweisungen von Rechnungen aus dem Jahr 2022, welche nicht mehr elektronisch an den ursprünglichen Sender geschickt werden könnten. Medidata betont jedoch die Bereitschaft, die Gespräche mit Swisscom jederzeit wieder aufzunehmen und die unterbrochenen Tests abzuschliessen.

  • Dieser Beitrag ist zuerst auf dem IT-Nachrichtenportal «Inside IT» erschienen.

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