«Wir verstehen uns ganz klar als Schweizer Spitalgruppe»

Vincenza Trivigno ist seit über 100 Tagen Chefin von Vamed Schweiz. Im Interview spricht sie über ihren Jobwechsel, wie die Kliniken von der internationalen Ausrichtung profitieren und was die Reha-Gruppe in der Schweiz plant.

, 7. September 2021, 05:01
image
Frau Trivigno, Sie sind seit 1. April CEO von Vamed Schweiz. Zuvor waren Sie Aargauer Staatsschreiberin und früher in der Zuger Gesundheitsdirektion tätig. Was war der Grund für die Rückkehr ins Gesundheitswesen?
Mich hat die Übernahme der Gesamtverantwortung als CEO in der Gesundheitsbranche gereizt. Es ist eine total spannende Branche, die an der Schnittstelle zwischen privat und Staat steht.
Finden Sie eigentlich noch Zeit frühmorgens der Limmat entlang zu joggen?
Ja, fast immer. Diese Zeit nehme ich mir noch immer. Das ist mir wichtig.
Was läuft in der privaten Gesundheitswirtschaft hauptsächlich anders als in der Verwaltung?
Trotz Regulierung ist die neue Tätigkeit natürlich viel weniger von der Alltagspolitik geprägt. Das ist der grösste Unterschied. In der Privatwirtschaft habe ich in der operativen Ausgestaltung und Führung mehr Handlungsspielraum. In der Verwaltung, die in der Schweiz übrigens sehr gut funktioniert, ist das meiste vom Gesetz her vorgegeben. Das bringt eine Struktur mit klaren Regeln und Vorgaben mit sich. 
Sie haben neu über 1 000 Mitarbeitende unter sich. Welche Führungsgrundsätze sind Ihnen wichtig?
Ganz oben steht für mich die gegenseitige Loyalität. Hinzu kommen klare Verantwortlichkeiten. Es braucht ein gemeinsames Verständnis, wo wir hinwollen. Die Mitarbeitenden müssen wissen, was Sie zu tun haben und weshalb.
  • image

    Vincenza Trivigno

    CEO Vamed Schweiz

    Vincenza Trivigno (1970) ist Volkswirtschaftlerin (Uni Bern) mit einem Executive Master of Business Law der Universität St. Gallen (HSG). Vor ihrem Antritt als CEO Vamed Schweiz am 1. April 2021 war sie fünf Jahre lang Staatsschreiberin des Kantons Aargau. Sie ist ferner Präsidentin des Verwaltungsrats der Rehabilitationsklinik Adelheid sowie Vizepräsidentin von Swissmedic. Zuvor war Vincenza Trivigno Generalsekretärin der Gesundheitsdirektion des Kantons Zug. Frühere berufliche Stationen umfassten Führungsfunktionen bei Stadler Rail, Interpharma, Syngenta sowie im Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement und im Staatssekretariat für Wirtschaft Seco.

Vamed erscheint im Vergleich zur Konkurrenz weniger in Erscheinung. Täuscht das?
Ja, diese Meinung teile ich. Der Brand Vamed ist in der Schweiz nicht so präsent. Dafür stellen wir immer wieder fest, dass unsere drei Kliniken Dussnang, Zihlschlacht und Seewis in der breiten Bevölkerung und in der Branche bekannt sind und wahrgenommen werden. Das ist uns wichtig. 
Wie stellen Sie diese Bekanntheit fest?
Den Bekanntheitsgrad unserer Kliniken konnten wir etwa jüngst wieder feststellen, als die Reha-Klinik Seewis komplett das Bündner Hotel Scesaplana angemietet hat. Das wurde wahrgenommen und wurde insbesondere in der Region kommentiert.
Die Reha-Gruppe betreibt derzeit drei Kliniken in der Schweiz. Welche Rolle spielt Wachstum?
Vamed Schweiz ist mit ihren drei Kliniken gut aufgestellt und wir wollen organisch und extern wachsen. Der Reha-Markt ist immer stärker mit Auflagen reguliert. Zum Beispiel ST Reha. Das kostet. Um das zu stemmen, benötigt es irgendwann eine Mindestgrösse, die wir haben. Wenn wir wachsen, können wir auch hier von Synergien profitieren und das Kostenkorsett ist so weniger eng. 
Wie sieht es mit Kooperationen und Partnerschaften aus?
Die sind für uns sehr wichtig. Am 18. Oktober eröffnen wir zum Beispiel in Kooperation mit Kieser Training ein innovatives ambulantes Therapiezentrum im «The Circle» am Flughafen Zürich. Im ambulanten Bereich arbeiten wir zudem mit der ZHAW zusammen und betreiben in Volketswil ein ambulantes Robotikzentrum in Kooperation mit dem Gerätehersteller Hocoma.
Suchen Sie auch gezielt Kooperationen mit Akutspitälern?
Ja. Zum Beispiel eröffnen wir im Februar 2022 eine neue Abteilung auf dem Spitalcampus Münsterlingen in den neuen Räumlichkeiten vom Herz-Neuro-Zentrum Bodensee. Geplant ist eine intensive Frührehabilitation und Überwachungsstation. Auf dieser Abteilung werden Patientinnen und Patienten mit schwersten Erkrankungen aus den Bereichen Neurologie, Neurochirurgie und Neurotraumatologie intensivmedizinisch rehabilitiert.
Es ist ein strategischer Entscheid, die beiden Thurgauer Rehakliniken Zihlschlacht und Dussnang unter eine Führung zu stellen. Dadurch lassen sich Synergien nutzen und übergreifende Aufgaben künftig noch enger aufeinander abstimmen. An der rehabilitativen Ausrichtung der beiden Kliniken wird sich nichts ändern.
Welche Bedeutung kommt einer international tätigen Spitalgruppe wie Vamed in einem nationalen Gesundheitssystem wie der Schweiz zu?
Wir verstehen uns ganz klar als Schweizer Spitalgruppe. Die Regulierungen in der Schweiz, in Österreich oder in Deutschland sind sehr unterschiedlich. Vamed Schweiz ist autonom und der ganze Konzern relativ dezentral organisiert. Wir haben zum Beispiel einen eigenen Verwaltungsrat mit Hans-Peter Schwald als VR-Präsident.
Und wie profitiert Vamed Schweiz von der internationalen Ausrichtung?
Der grosse Vorteil ist sicher der Austausch innerhalb Vamed, vor allem mit Deutschland und Österreich. Im Fokus stehen Synergien in Bezug auf das medizinische und therapeutische Know-How mit dem Ziel neue Therapien und innovative Behandlungspfade für unsere Patientinnen und Patienten zu entwickeln. So pflegen wir nebst zahlreichen informellen Gesprächen auch verschiedene Boards, unter anderem ein institutionalisiertes Internationales Medical Board.
Sie kennen die Schnittstelle zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft bestens, auch im Gesundheitsbereich. Wie beurteilen Sie die gesundheitspolitische Entwicklung in der Schweiz?
Ich stelle fest, dass die Politik immer mehr Bereiche regulieren, planen und lenken will. Das schafft zwar Sicherheit, aber führt auch zu höheren Kosten und weniger Handlungsspielraum und indirekt zu mehr Staatsmedizin. Kann ein Privatspital unter diesen Bedingungen nicht mehr wirtschaftlich arbeiten, wird es sich aus dem Markt zurückziehen. Ein öffentliches Spital hingegen verfügt über eine indirekte Defizitgarantie.
Nächstes Jahr wird der schweizweit einheitliche Reha-Tarif eingeführt. Was wird sich für die Vamed-Kliniken ändern?
Ins Gewicht fallen die Einführungskosten. Wir müssen in die IT investieren und es stehen zusätzlich Kosten für das Personal an, etwa für die Codierung. Das ist ein grosser Mehraufwand. Neues führt zudem generell zu Unsicherheit in Unternehmen. Bereits durch die Corona-Pandemie hatten und haben wir einen zusätzlichen Aufwand sowie finanzielle Einbussen wegen der fehlenden elektiven Eingriffen und entsprechend der fehlenden Reha-Nachfrage zu bewältigen. Die Reha-Branche und damit auch wir hätten es deshalb begrüsst, wenn der neue Tarif, der kostenneutral sein muss, später eingeführt worden wäre.
Was sind denn die Vorteile des neuen Reha-Tarifs?
Insbesondere werden die von uns angebotenen Leistungen transparenter und wir können als Klinikgruppe zeigen, was wir für unsere Patientinnen und Patienten leisten. Das wird helfen, die Qualität unserer Reha besser aufzuzeigen. 
Über Vamed:
Vamed ist in der Schweiz seit 2012 in der Rehabilitation tätig und führt unter dem Dach der Schweizer Ländergesellschaft Vamed Management und Service Schweiz AG die Rehakliniken Zihlschlacht (neurologische Rehabilitation), die Rehaklinik Dussnang (muskuloskelettale und geriatrische Rehabilitation) und die Rehaklinik Seewis (kardiologische, psychosomatische und internistisch-onkologische Rehabilitation). Die Vamed Schweiz Gruppe beschäftigt rund 1 000 Mitarbeitende und zählt damit zu den grössten Anbietern von Rehabilitationsleistungen. Daneben bietet Vamed mit der Vamed Health Project Schweiz AG auch eine umfassende Dienstleistungspalette für die Projektierung, Planung und Errichtung von Gesundheitseinrichtungen an.
Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
2 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Annette Ciurea verlässt das Spital Männdorf

Die Ärztin wechselt in die Geschäftsleitung von Age Medical. Dort soll sie mitunter Angebote rund um die Palliative Geriatrie weiterentwickeln.

image

Freiburg: Das ist der neue Leiter Innere Medizin

Julien Vaucher wird Leiter des Departements Innere Medizin und Fachbereiche am Freiburger Spital. Heute herrscht dort eine Leitung ad interim.

image

Badener Spital will bessere Luft in seinen Zimmern

Dazu werden am Kantonsspital Baden im Rahmen eines Pilotprojekts neuartige Filteranlagen getestet. Ziel ist es, das Infektionsrisiko zu reduzieren.

image

Auf der Oktoberfest-Wiesn steht sogar ein Computer-Tomograph

Das Münchner Oktoberfest 2022 bietet weltweit erstmalig auf einem Volksfest eine derartige medizinische Untersuchung an.

image

Inflation: Schweizer Spitäler fordern teuerungsangepasste Tarife

Höhere Energiekosten und höhere Kosten für Materialen des täglichen Bedarfs belasten die Rechnungen der Spitäler zusätzlich.

image

Uniklinik Balgrist und Spital Davos spannen zusammen

Geplant ist eine Kooperation in den Bereichen Sport- und Präventionsmedizin, Prähabilitation und Wirbelsäulenmedizin. Mitunter soll der Bereich Forschung gestärkt werden.

Vom gleichen Autor

image

Insel Gruppe: Chefarzt Stephan Jakob gibt Leitung weiter

Joerg C. Schefold übernimmt die Klinikleitung der Intensivmedizin am Berner Inselspital. Er folgt auf Stephan Jakob, der in Pension gehen wird.

image

Ärzte greifen während Arbeit zu Alkohol und Drogen

Da die Belastung im Gesundheitswesen hoch ist, erscheinen offenbar Ärzte sogar betrunken oder high zur Arbeit. Dies zumindest geht aus einer Umfrage aus den USA hervor.

image

Ist Mikroplastik im Blut eine Gefahr für die Gesundheit?

Die Basler Nationalrätin Sarah Wyss will wissen, welchen Einfluss Mikroplastik auf die menschliche Gesundheit hat. Hier die offizielle Antwort des Bundesrates.