«Wir haben die Zutaten für den digitalen Wandel»

Was die digitale Transformation im Gesundheitswesen anbelangt, hat die Schweiz Nachholbedarf. Die Digitalisierungsexpertin Sunnie J. Groeneveld sagt im Interview, dass vorallem politische Rahmenbedingungen gefragt sind.

, 1. Dezember 2020 um 12:00
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Das «Daten-Debakel» im Zusammenhang mit Covid-19 hat uns den Rückstand der Schweiz hinsichtlich der Digitalisierung des Gesundheitssystems deutlich vor Augen geführt. Woher kommt dieses Defizit?
Bis vor Kurzem war schlicht die Dringlichkeit nicht gegeben. Entsprechend fehlten sowohl Anreize als auch eine schweizweite Koordination. Und schliesslich tragen auch die eng gefassten regulatorischen Rahmenbedingungen zum Erhalt des Status Quo bei.
Die Schweiz liegt im Digital-Health-Rating 2019 der Bertelsmann-Stiftung unter 18 Industrieländern nur auf Rang 14. Was machen andere Länder besser?
Länder wie Estland, Kanada und Dänemark, die in diesem Rating die ersten drei Plätze belegen, haben eine entschlossenere gesundheitspolitische Führung, eine effektivere nationale Digitalisierungsstrategie sowie besser verankerte Institutionen zur Koordination des Digitalisierungsprozesses im Gesundheitsbereich.
Können Sie uns Beispiele nennen?
Rezepte werden selbstverständlich digital übermittelt, die wichtigsten Gesundheitsdaten der Patienten sind in digitalen (Kurz-)Akten gespeichert und die Bürgerinnen und Bürger können ihre Untersuchungsergebnisse, Medikationspläne oder Impfdaten online einsehen – und entscheiden, wer Zugriff auf ihre Daten haben darf. In der Schweiz hingegen warten wir noch auf die Einführung des elektronischen Patientendossiers, das einen Teil der genannten Funktionen abdecken würde.
Stichwort EPD. Die schleppende Umsetzung verdeutlicht, dass die digitale Transformation im Gesundheitsbereich ein Mindset aller Beteiligten erfordert. Wie kann ein solcher Kulturwandel gelingen?
Ein entscheidender Impulsgeber dieser neuen Kultur wird der Gesundheitskunde sein. Digitale Lösungen wie das EPD werden zunächst vor allem über den Nutzen akzeptiert, den sie zunächst für Patientinnen und Patienten und dann natürlich auch für das Gesundheitspersonal mit sich bringen. Um den Kulturwandel zu ermöglichen, braucht es aber auf allen Ebenen und insbesondere in den Spitzenpositionen in der Politik, im Gesundheitssektor und in der Zivilgesellschaft mehr Digital Leaders, also Führungskräfte, die einerseits über ein solides Technologieverständnis verfügen und andererseits mit ihrer – im Vergleich zu ihren Vorgängern – offeneren, flexibleren und mutigeren Art andere für die digitale Zukunft begeistern.
Wie beurteilen Sie denn die politischen, rechtlichen und technischen Voraussetzungen für eine solche Transformation?
Der Rückstand der Schweiz liegt nicht an fehlenden Technologien oder mangelndem Innovationspotenzial. Es gibt seit Jahren erfolgreiche digitale Projekte in der Gesundheitsversorgung, allerdings oft nur auf einzelne Regionen oder Akteure begrenzt. Wo wir Potenzial nach oben aufweisen, ist beim politischen Willen, zukunftsorientiert und digital zu handeln.
Somit wäre es vor allem an der Politik, bessere Bedingungen hierfür zu schaffen?
Unbedingt. Die Politik muss Rahmenbedingungen für Innovation, Verbesserungen und Veränderungen schaffen, die dann nicht zwingend aus der Politik selber kommen müssen.
Anders formuliert: Wir haben die „Zutaten“ für den digitalen Wandel in der Schweiz, doch es fehlt am passenden „Rezept“ im Sinne einer übergreifenden strategischen Orientierung, an der richtigen „Zusammenarbeit in der Küche“ und an einem „Chefkoch“, der diese Zusammenarbeit gut leitet.
Der Chefkoch wäre dann wohl der Bundesrat…
Ja, es sollte mehr politischer Gestaltungswille vom Bundesrat kommen und zwar mit dem Ziel, gemeinsam mit den Kantonen alle nötigen Massnahmen zu treffen, um den Digitalisierungsprozess unseres Gesundheitssystems landesweit zu beschleunigen.
Das heisst, er sollte sich konkret dafür einsetzen, dass das elektronische Patientendossier für alle Akteure rasch zur Norm wird, der Einsatz der Telemedizin anerkannt und gefördert wird und jegliche Korrespondenz zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen soweit als möglich digital erfolgt. Ebenfalls sollte der Online-Bezug von Medikamenten erleichtert werden.
Sie sind Verwaltungsrätin bei einem Krankenversicherer. Wie können diese das Thema vorantreiben und gleichzeitig davon profitieren?
Die ungenutzteste Ressource im Gesundheitswesen ist der Patient. In Zukunft wird es jedoch immer mehr so sein, dass der informierte, selbstbestimmte Mensch in den Mittelpunkt des Gesundheitswesens gestellt wird. Dieser macht zunehmend von präventiven, personalisierten und in den Alltag integrierten digitalen Angeboten Gebrauch. Krankenkassen sollten ihm auf Augenhöhe begegnen und ihm entlang seinen Bedürfnissen über ihre Apps mehr solche Angebote zugänglich machen.
Welche Visionen haben Sie persönlich für eine digitale Schweiz im Gesundheitswesen?
Ich stelle mir eine Schweiz vor, in der keine grundsätzlichen Ängste in Bezug auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens und den Umgang mit unseren Gesundheitsdaten herrschen. Eine Schweiz, in der wir als Bürgerinnen und Bürger berechtigterweise die volle Kontrolle und Verwaltung der eigenen Daten innehaben und eigenständig je nach Verwendung über den Datenzugang entscheiden. Das beinhaltet auch die Möglichkeit, unsere Daten für Forschungszwecke spenden zu können, so wie wir das heute mit unseren Organen tun können.
Doch digitaler Wandel braucht Akzeptanz und eine landesweit geteilte Vision. Dafür sollte die Politik den Dialog über notwendige und wünschenswerte Entwicklungen als strategische Aufgabe stärker angehen sowie die Kommunikation dazu mit allen Anspruchsgruppen intensivieren. Das mag nach einer Mammutaufgabe klingen, aber ich bin überzeugt, dass es sich jetzt mehr denn je lohnt, sie anzupacken!
Sunnie J. Groeneveld ist Unternehmerin, Autorin, Dozentin und Verwaltungsrätin u.a. bei der Krankenversicherung Sympany.
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