Senevita liefert ihrer Mutter zu wenig Geld ab

Senevita läuft die halbe Geschäftsleitung davon. Das ist bekannt. Doch erst fünf Monate nach dem Abgang von CEO Christoph Gassner fühlt sich die zweitgrösste Pflegeheimkette bemüssigt, den umstrittenen Strategiewechsel zu kommunizieren.

, 28. Januar 2020 um 07:00
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Senevita verliert die halbe Geschäftsleitung sowie ein Teil der  Regionalleitungen. Offiziell wollte die Pflegeheimkette den Exodus nicht kommentieren. Inoffiziell liegt es an einer strategischen Neuausrichtung. Die börsenkotierte Muttergesellschaft Orpea mit Sitz in Paris will Senevita mit Sitz in Muri bei Bern unter die direkte Führung in Österreich stellen. Medinside berichtete hier darüber.

Schweiz unter österreichischer Führung

Erst jetzt, fünf Monate nach dem Abgang von CEO Christoph Gassner, sieht sich Senevita bemüssigt, die Öffentlichkeit über den Strategiewechsel zu informieren. Laut offizieller Lesart  will sich Orpea neu in regionalen, länderübergreifenden Clustern organisieren. Senevita soll dabei einen Cluster mit ihrer österreichischen Partnerorganisation Senecura bilden, die auch die operative Führung innehat.
CEO Christoph Gassner war damit nicht einverstanden und verliess im August letzten Jahres das Unternehmen, nachdem er die operative Führung nur acht Monate zuvor übernommen hatte. Weitere GL-Mitglieder, darunter der Finanzchef und die oberste Pflegeverantwortliche, folgten ihm.

Nährboden für Spekulationen

Senevita versuchte, das Ganze unter dem Deckel zu halten. Mit ihrer Geheimniskrämerei schafft das Unternehmen beste Voraussetzungen, um den Faden für Spekulationen zu spinnen. 

Das ist die neue Führungscrew

Die Organisationsstruktur präsentiert sich neu wie folgt:
Die Führung des Clusters obliegt Anton Kellner, seit 2004 in der Senecura-Gruppe tätig, seit 2015 als CEO.
COO des Clusters ist Markus Schwarz, seit 2015 bei Senecura, CFO des Clusters Dita Chrastilova, seit 2017 im Unternehmen.
Das Führungsgremium der Senevita Gruppe präsentiert sich neu wie folgt:
  • Daniel Braun, COO, seit 2018 in der Senevita Gruppe tätig
  • Jürgen Kohler, Financial Manager (seit 2020)
  • Werner Müller, Leiter Unternehmensentwicklung, CDO, Gründungsmitglied der Senevita und seit 2010 in der Senevita Gruppe tätig
  • Markus Reck, Public Affairs und Unternehmenssprecher, CPAO, seit 2008 bei der Spitex für Stadt und Land und seit 2016 in der Senevita-Gruppe tätig
Doch in der Branche fragt man sich, ob der zweitgrösste Player der Schweiz den hungrigen Aktionären ihrer Muttergesellschaft womöglich zu wenig abliefert. Man kann sich sogar fragen, ob man mit dem Betrieb von Pflegeheimen genug verdienen kann, um für Aktionäre einen Mehrwert zu generieren. Börse und Pflege - so etwas wie Teufel und Weihwasser?

Das Beispiel Tertianum

Die Aktionäre von Swiss Prime Site (SPS) freuten sich jedenfalls darüber, als die Immobiliengesellschaft im August letzten Jahres vermeldete, die Tochtergesellschaft Tertianum verkaufen zu wollen. Im Dezember konnte dann die SPS verkünden, mit der Zuger Beteiligungsgesellschaft Capvis einen Käufer für Tertianum für ihre über achtzig Wohn- und Pflegezentren gefunden zu haben.
In der Zwischenzeit stieg die SPS-Aktie um 20 Prozent. Laut «Finanz + Wirtschaft» soll sich der Verkaufspreis in einer Bandbreite von 500 bis 600 Millionen Franken bewegen. SPS sprach von einem «Gewinnbeitrag in signifikanter Höhe.»
Doch was für Tertianum gilt, muss nicht auch für Senevita gelten. Wollen börsenkotierte Pflegeheimketten Gewinne erzielen, müssen sie einiges besser machen als die gemeinnützigen Institutionen. Das ist jedoch alles andere als einfach in einem derart regulierten Markt.

Pflegeheime operieren in einem engen Korsett

Die Rechnung ist schnell gemacht: Die meisten Pflegeheime sind Stiftungen oder gehören der öffentlichen Hand. Sie müssen keine Gewinne erzielen und können sich je nach Trägerschaft auch Verluste erlauben, wenn der Steuerzahler dahinter steht.
Auf der Einnahmenseite ist festgelegt, wie viel die Krankenversicherer zu zahlen haben. Es ist klar, wie viel Kanton und Gemeinden als Restfinanzierer beisteuern. Einheitlich ist ebenfalls die Subventionierung der Pflegebetten. Nur bei der Festlegung der Hotellerietaxe sind die Heime je nach Kanton mehr oder weniger frei, wobei dies nur für jene Patienten gilt, die nicht auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind.
Was die Kostenseite betrifft, so sind die Heime an einen Richtstellenplan gebunden. Theoretisch könnte man höchstens bei der Entlöhnung sparen. Da gibt es keine gesetzlichen Vorgaben; Gesamtarbeitsverträge sind in der Pflege eher die Ausnahme als die Regel.

Ausgetrockneter Arbeitsmarkt

In der Realität wird aber auch die Lohndrückerei nicht funktionieren. Die Pflegefachkräfte profitieren vom ausgetrockneten Arbeitsmarkt. Im Juni letzten Jahres erklärte Christoph Gassner, damals noch CEO bei Senevita: «Wenn eine Pflegefachkraft mit dem Lohn oder mit den Arbeitsbedingungen nicht zufrieden wäre, könnte sie kündigen und sofort eine neue Anstellung finden».
Und doch: «Zumindest im Kanton Bern kann man in der Langzeitpflege Geld verdienen, sofern man sich nur an die Mindestellenpläne hält». Der das sagt muss es wissen. Patric Bhend ist Geschäftsführer der Stiftung Solina mit Pflegeheimen in Steffisburg und Spiez.

Vorteile beim Einkauf

Auf die Frage, wie man im Pflegeheim Geld verdienen kann, erklärte im Juli 2017 der damalige Senevita-CEO Hannes Wittwer gegenüber Medinside: «Durch unsere Grösse haben wir Vorteile im Einkauf. Zudem haben wir Synergien zwischen betreutem Wohnen und der Pflege - auch dank der dazu gehörenden Restaurationsbetriebe.»
Dies ist auch die Meinung von Luca Stäger, CEO von Marktführer Tertianum: «Die Kombination von betreutem Wohnen und Pflege ist das Modell der Zukunft», sagte er im Juli letzten Jahres in einem Interview: «Mittelfristig werden wir an allen Standorten betreutes Wohnen mit einer integrierten Pflegeabteilung haben». An dieser Zielsetzung, so Stäger auf Anfrage, wird sich mit dem Besitzerwechsel nichts ändern.

Vertikale Integration dank Zuweisermanagement

«Für den Umsatz ist eine gute Auslastung matchentscheidend», sagt Jérôme Cosandey von Avenir Suisse. «Gerade in Ballungszentren, wo die Konkurrenz unter den Heimen grösser ist, ist ein gutes Zuweisermanagement nötig.» Dabei könne eine vertikale Integration mit eigenen betreuten Wohnungen oder Spitex-Diensten, sowie gute Kooperationen mit Spitälern und Ärztenetzwerken eine wichtige Rolle spielen.
Mit dieser Einschätzung ist Cosandey nicht allein. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist das betreute Wohnen nicht zwingend rentabler als die Langzeitpflege. Die Alterswohnungen sind aber wichtig, um den «Nachschub» für die Pflegeabteilung zu gewährleisten, um es ganz nüchtern zu beschreiben.
Das gilt auch für die Spitex-Dienste als Vorstufe zur stationären Langzeitpflege. Senevita hat vor drei Jahren die Spitex Stadt und Land nicht aus Renditeüberlegungen gekauft, sondern wegen der vertikalen Integration.

Orpea will eine Ebita-Marge von über 10 Prozent

Doch sind die Synergien und die dadurch erzielten Margen hoch genug, um Aktionäre zufriedenzustellen? Orpea strebt laut Jahresbericht eine Ebita-Marge von 10 bis 12 Prozent an. Ihre Schweizer Tochter Senevita gibt keine Geschäftszahlen bekannt. Angeblich soll die Pflegeheimkette eine Gewinnmarge auf Stufe Ebit von 6 bis 7 Prozent erzielen.
Das ist weniger als die 10 Prozent, die Spitäler als Folge der neuen Spitalfinanzierung für Investitionen selber erwirtschaften müssten. Doch für eine Pflegeheimgruppe sind solche Gewinnzahlen beachtlich, sollten sie denn auch stimmen. Bei Tertianum, auch dies ohne Gewähr, soll die Marge leicht tiefer sein. Was aber nichts heisst über die Solidität des Unternehmens.

So eine Art Schneeballsystem?

Laut einem Branchenfachmann, der die Szene seit vielen Jahren von innen und aussen kennt, unterliegt Senevita einem Wachstumszwang und somit einer Art Schneeballsystem.
Das geht so: Der Investor baut das Heim; Senevita zieht ein und unterschreibt mit dem Investor den Mietvertrag. Die Höhe der Miete ist üblicherweise gestaffelt, weil man davon ausgehen muss, dass eine Vollbelegung des Hauses seine Zeit braucht. In der Praxis ist es aber so, dass die Belegung schneller zunimmt als der Mietzins. Daraus resultiert für Senevita in den ersten Jahren ein erheblicher Gewinnbeitrag. Ist aber einmal der volle Mietzins geschuldet, schwindet die Marge dahin.
Jérôme Cosandey zweifelt an dieser These. «Ich kann mir kaum vorstellen, dass das eine neue Pflegeheim einen derart hohen Gewinnbeitrag liefert, um alleine für eine so grosse Gruppe wie Senevita mit fast 30 Pflegeheimen eine angemessene Marge zu erzielen.» 
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