Hirslanden probt in Bern neues Geschäftsmodell

Hirslanden will auch bei ambulanten Operationen Privat-Tarife einführen: Im neuen Operationszentrum in Bern gibt es deshalb unterschiedliche Erholungszonen.

, 9. Juni 2021 um 05:39
image
Immer mehr Operationen sind kein Geschäft mehr für die Spitäler. Lassen sich nämlich Privat- oder Halbprivatpatienten das Kniegelenk spiegeln, Krampfadern entfernen oder den Hallux operieren, geschieht das heute meistens ambulant – und bei solchen Eingriffen gibt es keine Privilegien für die Versicherten mit Spitalzusatz. Und damit auch keine höheren Tarife für die Spitäler.

Mehr Raum für Zusatzversicherte

Die Schweizer Privatklinikgruppe Hirslanden will nun aber auch im zunehmenden Markt der ambulanten Eingriffe mehr Geld verdienen mit gutbetuchten Patienten. Im geplanten neuen Operationszentrum in Bern hat es deshalb spezielle Erholungsräume für Halbprivat- und Privatpatienten.
Statt bloss gut 4 Quadratmeter Aufwachraum erhalten die Halbprivat-Patienten gut 7 Quadratmeter Raum, die Privatpatienten sogar über 10 Quadratmeter, inklusive eines eigenen WCs.
image
Grössere Kojen für die halbprivaten und privaten Patienen: Das sehen die Baupläne für das neue Operationszentrum in Bern vor. | Grafik: em. Quelle: Baugesuch Hirslanden

Wer zahlt diese Operationen?

Patienten mit herkömmlichen Halbprivat- oder Privatversicherungen erhalten bei ambulanten Operationen keine Vorzugsbehandlung. Diese kommen erst bei Spitalaufenthalten ab zwei Tagen zum Zug.

Hirslanden hofft auf mehr Zusatzversicherte

Doch warum richtet Hirslanden trotzdem Halbrivat- und Privatzonen in seinem neuen Operationszentrum ein? Hirslanden-Sprecher Claude Kaufmann sagt: «Es entspricht einem wachsenden Bedürfnis der Patientinnen und Patienten, dass sie auch im ambulanten Bereich eine Zusatzversicherung mit entsprechendem Mehrwert abschliessen können.»

Helsana hat seit acht Jahren Primeo

So eine Zusatzversicherung hat Helsana schon seit acht Jahren im Angebot. Bisher hatte sie aber nur mässigen Erfolg, wie Medinside hier berichtete.

Auch Taxi und Hotelnacht inbegriffen

Die Prämie für die Zusatzversicherung Primeo beträgt je nach Alter zwischen 16 und 95 Franken monatlich. Die Versicherten dürfen ihren Arzt selber wählen, haben bei ambulanten Operationen eine separate Erholungszone und erhalten eine Taxifahrt nach Hause. Auch eine Übernachtung vor oder nach dem Eingriff erhalten sie bezahlt.
Das neue Operationszentrum richtet Hirslanden im ehemaligen Druck- und Verlagsgebäude der Hallwag im Berner Lorrainequartier ein. In den drei Räumen für die ambulanten Eingriffe sollen anfangs bis zu 10, später bis zu 50 Ärzte operieren.

Eigentliche Operation kostet gleich viel

Vorerst werden dies vor allem Ärzte der beiden nahe liegenden Hirslanden-Spitäler Beau-Site und Salem sein, welche dort künftig ihre ambulanten Operationen vornehmen. Grundsätzlich billiger werden die Operationen im neuen Zentrum nicht sein.
«Bei der eigentlichen Operation wird die gleiche Leistung in der gleichen Qualität erbracht, und es wird auch identisches Material verwendet wie im Spital», sagt Hirslanden-Sprecher Claude Kaufmann auf Anfrage von Medinside.

Nebenkosten sind tiefer

Tiefer seien aber die übrigen Kosten, bestätigt Claude Kaufmann. So braucht es im Operationszentrum kein Personal für die Nachtschicht und auch keine Notfallstation, die rund um die Uhr besetzt ist. Das heisst: Im Operationszentrum sind die Infrastruktur und die Abläufe so eingerichtet, dass die Eingriffe letztlich weniger kosten als im klassischen Spital.
Im ehemaligen Hallwag-Gebäude will Hirslanden besonders jene Operationen vornehmen, die von der Grundversicherung nur noch ambulant bezahlt werden, etwa Kniegelenk-Spiegelungen, Leistenbrüche, Krampfadern und Eingriffe am Gebärmutterhals oder an der Gebärmutter. Claude Kaufmann rechnet jedoch auch mit weiteren Operationen: etwa Handchirurgie oder hautärztliche Eingriffe.

Das fünfte Operationszentrum

Rund drei Millionen Franken investiert Hirslanden in den Umbau für das neue Berner Operationszentrum. Es wird das fünfte in der Schweiz sein. In den vier bisherigen Zentren in Zürich, Zumikon, Luzern und in St. Gallen werden pro Jahr gut 7500 Operationen durchgeführt. Das sechste und grösste Zentrum will Hirslanden in gut drei Jahren in Genf gemeinsam mit dem Universitätsspital HUG eröffnen.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Hochspezialisierte Medizin: Warnschuss aus dem Thurgau

Die Kantonsregierung prüft den Austritt aus der Interkantonalen HSM-Vereinbarung. Und sie vermeldet den Unmut weiterer Kantone.

image

Klinik Hirslanden: Philippe Diserens neu im Management

Der Gesundheitsökonom übernimmt die Leitung des Performance Management.

image

CEO der Krebsliga wird COO der Tertianum Gruppe

Daniela de la Cruz übernimmt ihre neue Funktion im September.

image

Behandlungsrekord am Kantonsspital Baden

Mehr stationäre Patienten, eine Zunahme der ambulanten Konsultationen, weniger Notfälle – und mehr Benefits für die Angestellten.

image

KSGL: «Wir wollen üsärs Spital retten!»

Die Personalkommission des KSGL stellt sich hinter ihr Spital und kritisiert das Vorgehen des SBK.

image

Gewalt im Spital: Es betrifft nicht nur den Notfall

Und die Lage ist am Wochenende keineswegs besonders kritisch. Eine grosse Datenauswertung in den USA setzt neue Akzente.

Vom gleichen Autor

image

Schönheitsoperationen: Lieber ins Nachbarland

Weltweit boomt die Schönheitschirurgie. Aber Zahlen zeigen: Schweizerinnen lassen sich lieber im Ausland operieren.

image

Südkoreas Ärzte protestieren - gegen mehr Studienplätze!

In Südkorea streiken die Ärzte. Sie fürchten die Konkurrenz, wenn es wie geplant 2000 Studienplätze mehr geben sollte.

image

Betroffene mit seltener Krankheit warnen vor QALY-Bewertung

Patienten fürchten, dass ihnen wegen der Messung von «qualitätskorrigierten Lebensjahren» nützliche Behandlungen verweigert werden.