«Es genügt nicht, am Eingang eine Plakette anzubringen»

Seit Anfang Jahr ist Raymond Loretan der neue Präsident von Swiss Leading Hospitals. Er erklärt, weshalb es die Gruppierung immer noch braucht und wie sie sich erneuern will.

, 9. März 2017 um 05:00
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Herr Loretan, die Mitglieder der Swiss Leading Hospitals (SLH) müssen gewisse Qualitätsstandards erfüllen. Das war das Hauptziel bei der Gründung im Jahr 1999. Heute gibt es unzählige Qualitätlabels. Braucht es die Gruppierung noch?
Eindeutig ja.
Es gibt ANQ, sQmh, Iso-Zertifikat. Genügt das nicht?
Nein, diese sind zum Teil zu wenig spezifisch auf eine Klinik ausgerichtet und eben zu «basic». Die SLH kann auch schneller auf Trends reagieren und die wichtigen Q-Themen aufgreifen. Gerade wegen dieser zum Teil neuen Qualitätsstandards werden wir unsere Anforderungen anpassen.
Wie das?
Statt eine eigene Qualitätsprüfung mit 117 Kriterien durchzuziehen, sollten unsere Mitglieder eine anerkannte Mindestzertifizierung vorweisen können, wie EFQM oder ISO. Daneben wollen wir Zusatzkriterien schaffen, die unsere Mitglieder erfüllen müssen. Wir nennen das Exzellenz-Kriterien. Über die definitive Ausgestaltung ist aber noch nichts entschieden. Die neue Strategie wird derzeit in unseren Gremien diskutiert und ausgearbeitet.
Warum braucht es Exzellenz-Kriterien?
Um zu dokumentieren, dass in der Qualitätssicherung und Patientensicherheit mehr getan werden kann, als es bei anderen Labels und für die Grundversicherung verlangt wird.
Sie denken hier vorab an die Hotellerie, nicht an medizinische Qualitätskriterien.
Nein, eben gerade nicht. Exzellenz-Kriterien haben wir bei den Prozessen, im medizinischen Bereich, in der Hotellerie und auch in der Kommunikation zu erfüllen. Der Begriff Hotellerie ist übrigens veraltet. Heute sprechen wir vom Service am Patienten. Aber nochmals: Wir arbeiten daran. Noch ist nichts entschieden. SLH soll für unsere Mitglieder eine Unique Selling Proposition sein und damit im Wettbewerb mit anderen Spitälern einen Mehrwert schaffen.
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    Raymond Loretan

    Der 62-jährige Vater dreier Kinder ist vielen bekannt als früherer Generalsekretär der CVP. Weniger bekannt ist, dass der Jurist während mehr als 20 Jahren im diplomatischen Dienst tätig gewesen war, unter anderem als Generalkonsul in New York. Der 62-jährige ist Vizepräsident der börsenkotierten Aevis Victoria und Präsident von Swiss Medical Network. Seit Anfang Jahr ist Raymond Loretan zudem Präsident von Swiss Leading Hospitals.

Woran denken Sie bei der Kommunikation?
Es genügt nicht, am Spitaleingang eine Plakette anzubringen. Wir müssen die neuen Kommunikationsmittel nutzen und den Mehrwert des SLH-Labels gegenüber Patienten, Versicherern und auch Ärzten bekannt machen.
Ein ausgeklügeltes Qualitätsmanagement ist teuer. Gewisse Spitäler haben SLH gerade aus diesem Grund verlassen.
Spitäler sind wegen der Doppelspurigkeit ausgetreten, weil sie zwei verschiedene Qualitätsprüfungen von A bis Z absolvieren mussten. Neu müssen unsere Mitglieder neben einem anerkannten Qualitätslabel wie ISO oder EFQM nur noch zusätzliche Exzellenz-Kriterien erfüllen. Der Aufwand wird geringer und fokussierter. Es wird nur noch an echten Mehrwerten gearbeitet.

«Ich habe bereits in früheren Funktionen gezeigt, dass ich einige Erfahrungen mitbringe und dass weiss, wie man unabhängig handelt»

Privat, unabhängig und in Schweizer Besitz: Das waren bei der Gründung weitere Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft bei SLH. Mit dem Eintritt von Swiss Medical Network sind diese Voraussetzungen nicht mehr erfüllt.
Swiss Medical Network ist privat, unabhängig und in Schweizer Besitz. Wir sind nicht als Gruppe Mitglied. Nur vier unserer Kliniken sind Mitglied von SLH. Alle waren es bereits, bevor sie zu Swiss Medical Network gestossen sind.
Nun ist aber der VR-Präsident von SLH gleichzeitig auch der VR-Präsident von Swiss Medical Network.
Ja, aber bei Swiss Leading Hospitals vertrete ich nicht die Gruppe von Swiss Medical Network, sondern alle SLH-Mitglieder. Meine Vorstandsmitglieder und ich glauben an die Zukunft dieser Vereinigung und an die Notwendigkeit, sich mit Qualität intensiver auseinanderzusetzen. Persönlich habe ich bereits in früheren Funktionen gezeigt, dass ich einige Erfahrungen mitbringe und dass ich weiss, unabhängig zu handeln.
Von aussen betrachtet sieht es so aus, dass Swiss Medical Network bei SLH das Sagen hat.
Gemäss Statuten ist das Stimmrecht von Gruppenspitälern auf vier beschränkt. Selbst wenn alle 16 Spitäler von Swiss Medical Networks zur SLH stiessen – was keinesfalls unsere Absicht ist –, hätten wir bloss vier Stimmen. Zudem haben wir neu eine starke Geschäftsstelle mit Andreas Faller als Generalsekretär. Er ist ein ausgewiesener und unabhängiger Fachmann. Er ist auch Garant, dass keine Einzelinteressen privilegiert werden.

«Ich werde mich dafür einsetzen, dass Merian Iselin wieder Mitglied wird»

Immerhin ist Merian Iselin aus diesem Grund ausgetreten.
Merian Iselin hat den Austritt angekündigt, lange bevor ich Kandidat fürs Präsidium war. Ich werde mich dafür einsetzen, dass Merian Iselin wieder Mitglied wird. Auch mit anderen Kliniken, die ausgetreten sind oder auszutreten gedenken, suche ich aktiv das Gespräch.
Sie haben grosse Auslanderfahrung. Können wir davon ausgehen, dass die Auslandvermarktung der Marke Swiss Leading Hospitals einer Ihrer Schwerpunkte sein wird?
Das hat nicht erste Priorität. Wir müssen zuerst unsere Hausaufgaben machen, diese neue Strategie der Exzellenz definieren und umsetzen. Das ist die erste Phase. Zweitens müssen wir zunächst in der Schweiz als anerkannte Gemeinschaft gegenüber anderen Akteuren im Gesundheitswesen auftreten, etwa Versicherungen. Und dann werden wir in einer dritten Phase möglicherweise im Ausland unseren Brand aktiv bekannt machen. Eins nach dem andern.
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