Das EPD wäre in der Coronakrise hilfreich gewesen

Adrian Schmid, Leiter eHealth Suisse, nimmt im Interview Stellung zum Stand der Dinge in Sachen Elektronisches Patientendossier (EPD).

, 14. Juli 2020, 11:06
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Herr Schmid, alles dreht sich um Covid-19. Das elektronische Patientendossier (EPD) interessiert derzeit niemanden. Ist das auch Ihre Wahrnehmung?

In der breiten Öffentlichkeit ist das EPD sicher noch kein Thema. Aber viele Leute sind an der Arbeit. Momentan werden die regionalen Umsetzungsprojekte zertifiziert.

Wo stehen wir genau?

Derzeit sind zehn Umsetzungsprojekte in der Phase der Zertifizierung – sogenannte «EPD-Gemeinschaften».. Dies sind private Organisationen, die von privaten Zertifizierungsstellen überprüft werden. Ihre Planung entzieht sich unserer Kontrolle. Deshalb ist es auch schwierig zu sagen, wann die Zertifizierung abgeschlossen sein wird. Wir gehen davon aus, dass es gegen Ende Jahr soweit ist.

Zuerst hätte man im Frühjahr soweit sein wollen, dann hiess es, es werde Herbst und jetzt wird’s Ende Jahr?

Der Herbst zieht sich bis in den November hinein. Aber wie gesagt, es ist für uns schwierig, einen Termin anzugeben, weil diejenigen, die für die Umsetzung verantwortlich sind, nicht an einen konkreten Termin gebunden sind. Sie sind erst dann bereit, wenn die Zertifizierung abgeschlossen ist.

Sorgte auch das Coronavirus für diese Verzögerung?

Nein, eigentlich nicht. Die Zertifizierung tangiert vor allem die «EPD-Gemeinschaften» als neue Organisationen. Sie können weiterarbeiten. Was nicht ganz so effizient läuft, ist die Anbindung der Spitäler. Sie haben derzeit andere Prioritäten. Wir haben aber keine Hinweise, dass sich deshalb der Prozess zusätzlich verlängert.

Mit was genau können wir also gegen Ende Jahr rechnen?

Wenn das EPD verfügbar ist, können alle in der Schweiz wohnhaften Personen ihr eigenes elektronische Patientendossier eröffnen. Sie können das bei einer Eröffnungsstelle in ihrer Umgebung tun. Dann können sie davon ausgehen, dass nach einem Spitalaufenthalt die wichtigsten Dokumente im EPD gespeichert und einsehbar sind. Dann kann man Ärzte und Apotheken dazu auffordern, ebenfalls dabei zu sein. Zudem können Patientinnen und Patienten ebenfalls bestehende Dokumente im EPD ablegen und so dazu beitragen, die eigene Krankengeschichte aufzubauen.

Spitäler müssen mitmachen; Ärzte und Apotheken hingegen nicht. Ein Handicap, oder?

Für die Patienten ist es wichtig, dass auch die Unterlagen der Ärzte oder Apotheken in ihrem EPD sind. Aber ein Obligatorium kann auch Widerstand provozieren. Wertvoller ist die Einsicht aller Behandelnden, dass sie sich im Interesse ihrer Patienten am EPD anschliessen sollten. Letztlich ist das auch in ihrem Interesse, weil sie dann im EPD rasch die relevanten Unterlagen ihrer Patientinnen und Patienten finden.

Das Coronavirus hat etliche Schwachstellen in unserem Gesundheitswesen aufgedeckt. Kann auch das EPD Lehren daraus ziehen?

Direkt nicht. Aber die Diskussionen in der Öffentlichkeit - etwa beim Meldewesen – haben gezeigt, dass es bei der Digitalisierung einen Nachholbedarf gibt.

Wäre es ein Vorteil gewesen, wenn das EPD bereits etabliert wäre?

Zweifellos. Zum Beispiel für Corona-Patienten, die ins Spital eingeliefert werden. Die behandelnden Ärzte hätten sich rasch ins Bild setzen können über Vorerkrankungen, Allergien und welche Medikamente eingenommen werden. Bundesart Alain Berset hat an einer Corona-Medienkonferenz erwähnt, dass das EPD jetzt eigentlich hilfreich wäre.

Der Berner Hausarzt Beat Gafner sagte in einem Interview, die Ärzte seien zurückhaltend, weil vieles noch unklar sei. Zum Beispiel die Frage, wie der Zusatzaufwand der Ärzte für die Datenpflege abgerechnet werden kann. Weiss man da mehr?

Ich finde, man sollte nicht Probleme diskutieren, die es noch gar nicht gibt. Das EPD wird Informationen enthalten, die ohnehin vorhanden sind: Die aktuelle Medikation, Hinweise auf Allergien, Operationsberichte, Überweisungsberichte, Austrittsberichte oder Befunde aus dem Labor oder der Radiologie. Das sind alles Unterlagen, die heute bereits ausgetauscht werden. Der Vorteil des EPD besteht darin, dass sie an einem Ort vorhanden sind - und damit in der Hand der Patienten. Der zeitliche Aufwand zum Lesen oder Weiterleiten von Informationen ist mit den heutigen Tarifen abgedeckt. Wir sehen deshalb momentan keinen Handlungsbedarf. 
Das Interview mit dem Berner Hausarzt Beat Gafner über das elektronische Patientendossier finden Sie hier. 
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