«Aggressionen und Suizidalität haben sich verstärkt»

Angelo Bernardon ist Chefarzt der KJP. In einem Interview spricht er über die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die langen Wartezeiten und über die Corona-Krise.

, 12. Juli 2021, 11:53
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Herr Bernardon, Sie behandeln Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen – seit der Corona-Krise mit einer Schutzmaske. Die Mimik eines Menschen ist ein bedeutender Aspekt bei der Kommunikation. Freude, Trauer oder Wut – an der Mimik lesen wir die seelischen Vorgänge des Gegenübers am besten ab. Macht das Masken-Tragen die Therapie nicht schwierig?

Das Tragen einer Schutzmaske während der Abklärung und Therapie war eine grosse Umstellung – vor allem bei den jüngeren Kindern. Wir haben verschiedene Massnahmen getroffen, um dies ausgleichen zu können. So haben wir zum Beispiel das Gesicht vor der Besprechung oder Visite gezeigt; natürlich mit dem nötigen Abstand. Bei längeren Konsultationen im Kleinkinderbereich, das sind Kinder unter fünf Jahren, haben wir Scheiben aufgestellt. Die Kinder haben erstaunlich gut reagiert. Sie konnten verstehen, wozu es diese Schutzmassnahmen braucht. 

Studien zeigen, dass die Corona-Krise einen grossen Einfluss auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen hat. Welche Erkrankungen zählen aktuell zu den häufigsten?

Ängste und depressive Erkrankungen zählen über die ganze Lebensspanne zu den häufigsten Erkrankungen. Der Beginn und die Art der Erkrankung sind bei Kindern und Jugendlichen anders und abhängig vom Entwicklungsalter: Während jüngere Kinder eher unter Trennungsängsten leiden, sind soziale Ängste ab dem Schulalter oder andere Angststörungen bei Jugendlichen häufiger. Davon unterscheiden muss man die nicht krankhaften entwicklungstypischen Ängste wie etwa die Achtmonatsangst, das «Fremdeln», oder die Angst vor der Dunkelheit im Vorschulalter. Auch depressive Erkrankungen können schon im frühen Kindesalter auftreten. Weitere häufige Erkrankungen sind die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung und die Störung des Sozialverhaltens.

Hat die Corona-Krise die Symptome der Kinder und Jugendlichen verstärkt?

Es gab Experten, die davor gewarnt haben, dass diese Krise für die psychische Befindlichkeit Folgen haben wird. Wir waren jedoch zurückhaltend, die Zunahme der Inanspruchnahme von psychiatrischer Hilfe eins zu eins auf die Covid-Krise zurückzuführen, ohne die wissenschaftlich im Rahmen von Begleituntersuchungen zu überprüfen. Jetzt sind wir froh, dass die Beobachtungen, die wir gemacht haben, in klinischen Studien bestätigt wurden. Symptomatiken wie etwa Ängste, depressive Erkrankungen oder Suizidalität haben sich verstärkt.

Suizidalität – heisst das, dass die Suizidrate gestiegen ist?

Was wir vor allem bei Jugendlichen vermehrt sehen, ist ein suizidales Verhalten sowie Suizidversuche.

Die Jugendlichen waren lange Zeit aufgrund der Massnahmen des Bundes isoliert, ein möglicher Grund für den Anstieg der Suizidalität?

Beziehungen zu anderen Menschen und die Einbindung in die Gemeinschaft sind sehr wichtige Punkte. Wenn spontane Kommunikationsmöglichkeiten wegfallen und es keine persönlichen Begegnungen mehr gibt, steigt auch das Gefühl, isoliert und alleine mit seinen Problemen zu sein. Natürlich gibt es die sozialen Kanäle, um sich mitteilen zu können. Doch es ist etwas anderes jemanden in Person zu treffen, um sich mitteilen zu können, oder gefragt zu werden, wie es einem geht. In der sozialen Isolation können sich beispielsweise Suizidgedanken verstärken.

Sind neue Symptomatiken während der Krise entstanden?

Was wir besonders beobachtet haben, ist die Zunahme von aggressivem Verhalten – vor allem ab dem Jugendalter. Wir hatten in unserem stationären Bereich vermehrt Situationen, in denen Gegenstände und Mobiliar beschädigt wurden. Zudem gab es vermehrt Fremdaggressionen gegenüber unseren Mitarbeitenden

2020 wurden in den Ambulatorien der Kinder- und Jugendpsychiatrie 2438 Fälle registriert – das ist ein Anstieg von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ist dieser Anstieg wirklich «nur» auf die Corona-Krise zurückzuführen?

Nein, wir hatten in den letzten Jahren einen kontinuierlichen Anstieg in unseren Ambulatorien. Allerdings stellen wir einen beträchtlichen höheren Anstieg in den letzten eineinhalb bis zwei Jahren fest.

Platzen Sie etwa aus allen Nähten?

Die Nachfrage ist gross und die Wartezeiten steigen; wir müssen unser Angebot dringend ausbauen. In unseren Ambulatorien wie zum Beispiel in Baden haben wir Wartezeiten bis zu sechs Monaten. Notfälle und Krisen werden selbstverständlich sofort behandelt.

Mit welcher Konsequenz?

Das frühe Intervenieren ist ein wichtiger Aspekt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Leider müssen viele unserer Patienten sehr lange warten – mit Ausnahme von Krisen und Notfällen; diese haben Vorrang. Die Konsequenz: Wenn ein Patient zu lange warten muss, kann es sein, dass eine die Situation sich krisenhaft zuspitzt.  Es kann aber auch sein, dass das Interesse, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen, bei langen Wartezeiten sinkt.

Wie können diese Wartezeiten verkürzt werden?

Wir haben die finanzielle Unterstützung für Sofortmassnahmen beim Kanton beantragt. Die Psychiatrischen Dienste Aargau führen 75 Prozent aller Behandlungen ambulant und 25 Prozent stationär aus. Trotzdem reichen diese Kapazitäten nicht mehr aus, um der grossen Nachfrage gerecht zu werden. Diese betrifft vor allem die KJP sowie den Bereich der Alters- und Neuropsychiatrie.  

Ist es generell nicht besorgniserregend, dass bereits kleine Kinder massive psychische Probleme haben?

Bedauerlicher Weise beginnen mehr als die Hälfte der psychischen Erkrankungen bereits vor dem 18. Lebensjahr; und mehr als 75 Prozent vor dem 24. Lebensjahr. Diese Zahlen wurden im Rahmen von Studien belegt.

Vulnerable Phasen im Leben eines Menschen …

Als Heranwachsende sind Menschen mit vielen Entwicklungsaufgaben konfrontiert. Diese können durchaus herausfordernd sein und das Entstehen psychischer Probleme und Erkrankungen begünstigen. Im Vergleich zu früher ist die Aufmerksamkeit der Umgebung der Kinder- und Jugendlichen bei auftretenden Problemen besser geworden. Wie erwähnt, ist das das frühe Intervenieren einer der wichtigsten Aspekte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie: Je früher eine psychische Erkrankung erkannt wird, desto schneller kann diese behandelt und das Leiden des Betroffenen gelindert werden. So kann verhindert werden, dass Kinder und Jugendliche aus dem System fallen.

Welchen Einfluss haben denn gesellschaftliche Faktoren wie der Leistungsdruck in der Schule, im Sport oder zu Hause auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen?

Es gibt gute Untersuchungen zu resilienzfördernden Lebensumständen und potenziell entwicklungsgefährdenden oder krankmachenden Lebensbedingungen. Stabile Lebensverhältnisse, eine verlässliche Bindung zu einer fürsorglichen Bezugsperson aber auch positive soziale Erfahrungen und Einbindung in eine peer group können beispielsweise die Resilienz positiv beeinflussen. Die Frage ist auch welche Freiräume Kinder und Jugendliche haben und wie sie genutzt werden. Eine interessante Diskussion, die auf bereiterer Ebene geführt werden müsste.

Freiräume hatten Kinder und Jugendliche während der Corona-Krise kaum: Keine Schule, kein Sport, keine Treffen, keine Partys – sie waren quasi eingesperrt. Die Konsequenz hat man etwa bei den Ausschreitungen von Jugendlichen in Basel gesehen …

Eine Studie der Universitäten Zürich und Lausanne hat gezeigt, dass mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen während des ersten Lockdowns psychische Probleme hatten. In den Untersuchungen wurde unter anderem der Frage nachgegangen, was den Stress ausgelöst hat, der zu verstärkten Ängsten, depressiven Symptomen, oder zu aggressivem Verhalten geführt hat: Als Stressoren wurden unter anderem mangelnde soziale Kontakte und die fehlende übliche Tagesstruktur identifiziert. Durch die Covid-Massnahmen sind auch die Freiräume der Jugendlichen geschrumpft.

Nun erhalten alle ihre Freiräume zurück, sollten sie geimpft, genesen oder getestet sein. Viele Jugendliche lassen sich derzeit impfen, um ihre Freiheit zurückzubekommen. Sind allfällige Unsicherheiten betreffend die Impfung ein Thema in den Therapien?

Aktuell noch nicht. Ich denke, dass diese Frage vor allem aufgrund der neuen Virus-Varianten bald zum Thema werden könnte. Ich bin davon überzeugt, dass Kinder und Jugendliche ein Verantwortungsbewusstsein für ihre Mitmenschen haben, insbesondere jene die besonders durch Covid gefährdet sind. Das wurde übrigens auch als Stressfaktor für Jugendliche in der Basler-Studie genannt: Die meisten machen sich mehr Sorgen darüber, jemanden anzustecken als selbst krank zu werden.

Würden Sie einem Jugendlichen auf Anfrage empfehlen, sich impfen lassen?

Die Empfehlung ist, sich generell gut über Wirkungen und Nebenwirkungen der Impfung aufklären zu lassen. Als Arzt halte ich die Impfung von all den Alternativen, die derzeit zur Verfügung stehen, der Pandemie zu begegnen, als die beste Option.

Zur Person:

Angelo Bernardon ist seit dem 1. Oktober 2018 Klinikleiter und Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG). Der Österreicher mit dem Jahrgang 1973 ist verheiratet und hat drei Kinder. Sein Medizinstudium absolvierte er in Graz (Österreich) mit der Promotion im Jahr 2000. Sieben Jahre später erwarb er den Facharzttitel für Kinder- und Jugendpsychiatrie. 
Ab 2006 war Angelo Bernardon zuerst als Oberarzt im Jugendbereich, später als Leitender Arzt und Mitglied der Geschäftsleitung im Kinder-bereich in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich tätig. 
Seit 2015 und bis zu seinem Wechsel zu den PDAG ist er Ärztlicher Direktor des Sektors für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Freiburger Netzwerks für Psychische Gesundheit. Zudem ist er als Lehrbeauftragter an der Universität Freiburg tätig, wo er am Departement für Medizin sowie am Departement für Heilpädagogik unterrichtet.
Bernardon ist weiter in verschiedenen Fachgesellschaften engagiert, darunter als Präsident der Vereinigung stationärer Kinder- und Jugendpsychiatrien der deutschsprachigen Schweiz (VSKJ).

Über die PDAG

Die Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) untersuchen, behandeln und betreuen psychisch erkrankte Menschen aller Altersgruppen mit sämtlichen psychiatrischen Krankheitsbildern. Die PDAG gewährleisten die psychiatrische Behandlung, den Notfalldienst und die Krisenintervention für die Kantonsbevölkerung. Die Fachpersonen der PDAG können von Regionalspitälern und Heimen beigezogen werden, an den Kantonsspitälern sind die Konsiliar- und Liaisondienste vor Ort verfügbar, auch für Kinder und ältere Menschen. In Rechtsfällen erstellen forensische Psychiaterinnen und Psychiater zudem Gutachten. Zu den PDAG gehören die vier Kliniken
• Psychiatrie und Psychotherapie
• Konsiliar-, Alters- und Neuropsychiatrie
• Forensische Psychiatrie
• Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie ist im Kanton Aargau an fünf Standorten mit Ambulatorien vertreten: Brugg/Windisch, Aarau, Baden, Fricktal und Freiamt. Notfälle und Patientinnen und Patienten für Spezialsprechstunden werden in den Zentralen Ambulatorium in Brugg/Windisch empfangen.
Seit 2004 sind die PDAG eine Aktiengesellschaft im Eigentum des Kantons Aargau. Für die PDAG arbeiten rund 1400 Personen in über 50 Berufen. Die PDAG sind Lehrspital der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich und Aus- und Weiterbildungsstätte für Ärztinnen, Psychologen, Pflegefachpersonen und weitere Berufe.
Weitere Infos zur Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie gibt es hier.
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