Idee: Holt mehr Pflegefachleute in die Verwaltungsräte!

In jeden Aufsichtsrat im Gesundheitswesen gehört mindestens eine Person aus der Pflege. Diesen Anspruch wollen zwei Dutzend Organisationen in den USA durchsetzen: 10'000 Nurses in die Top-Gremien bis 2020. Würde die Idee auch zur Schweiz passen?

, 10. Oktober 2016 um 08:15
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Mehr Kompetenzen für die Pflege: Diese Forderung ist zum latenten Dauerthema in der Schweizer Gesundheitspolitik geworden – nächsten Monat startet der SBK sogar eine Initiative, welche sie konkretisieren will. 
In diesem Zusammenhang wird eine Aktion bemerkenswert, welche denselben Anspruch auch verfolgt – aber auf völlig anderem Wege: «Nurses on Boards», vor gut einem Jahr lanciert in den USA.

In 90 Tagen: 185 neue Verwaltungsräte

Hinter dem Projekt stehen rund 25 Institutionen des amerikanischen Gesundheitswesen, welche sich in einem ganz konkreten Ziel zusammengefunden haben: Bis zum Jahr 2020 sollen 10'000 Nurses – Pflegefachleute – in die obersten Entscheidungsgremien des Gesundheitssystems einziehen.
10'000 – das tönt nach viel. Doch zu bedenken ist, dass die USA alleine 5'700 Spitäler aufweisen.
Auf der Website der Coalition lässt sich nun live verfolgen, ob das klappt und wie die Zahl der Pflege-Leute in den Verwaltungsräten monatlich steigt. Aktuelle Zahl: In den letzten drei Monaten kamen 185 neue Nurses in Boards hinzu. 

Klarer Ausdruck fürs Ärzte-Pflege-Verhältnis

Der Gedanke dahinter ist, dass sich hier gewisse Kompetenzen finden, welche untervertreten sind an den Spitzen der Spitäler, Klinikketten, Heime, Ärztenetzwerke, Dachverbände. Und dass das Know-how des Pflegepersonals umso bedeutender wird, je wichtiger Faktoren wie Patientenzufriedenheit und Patientensicherheit im modernen Gesundheitssystem werden.
«Wir repräsentieren den Beruf, welcher den grössten Impact auf die Gesundheit der Patienten hat», erklärte Patrick Robinson, ein Professor für Pflegewissenschaften und Vertreter der NoB-Aktion, den Anspruch jüngst in einer Podiumsdiskussion. 
Das ist die eine Seite. Die andere: Der Mangel an Pflegefachleuten in den obersten Gremien ist ohnehin erstaunlich und könnte auch viel mit veralteten Rollenbildern zu tun haben. Laut Zahlen des US-Spitalverbands AHA besetzen ausgebildete Pflegefachleute etwa 5 Prozent der Verwaltungsräte von Spitälern – derweil die Ärzte etwa 20 Prozent der Sitze einnehmen.

Gleiches Bild in der Schweiz

Für die Schweiz liegen keine entsprechenden Statistiken vor, aber ein Blick durch die Verwaltungs-, Stiftungs- oder Spitalräte der wichtigsten Häuser lässt ahnen, dass die Verhältnisse hier identisch sind. Ärzten, Juristen und Ökonomen gibt es fast überall und oft mehrfach – während die Pflege hier, in den strategischen Gremien, ebenfalls ein Mauerblümchen-Dasein fristet.
Oder anders: Ausgebildete Pflege-Expertinnen wie Monika Urfer im USZ-Spitalrat und Elsi Meier an der LUKS-Spitze sind wirklich Ausnahmefälle. Wobei das Amt zudem öfters auch einfach aus einer anderen Funktion legitimiert ist – wie beispielsweise bei Solange Caillon in den Genfer Unikliniken HUG: Die Pflegefachfrau ist im Conseil d’administration als Vertreterin des Personals.

Die Sache mit dem Personalmangel

Dass die Pflege ganz oben stärker vertreten wäre, dürfte auch unterm Aspekt des Personalmangels wichtiger werden. Denn was bekommt man zu hören, wenn sich dazu in der Branche umhört? Dass ein Arbeitgeber nur attraktiv ist, wenn er auch Weiterbildungs- und Veränderungs-Möglichkeiten bieten kann. Und wie liessen sich solche Chancen schaffen – und vor allem perfekt signalisieren? Mit einer Pflege-Person im obersten strategischen Führungs-Gremium.
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Zähler: Erfolgsmeldungen auf der «Nurses on Boards»-Website
Die Aktion «Nurses on Boards» weist denn in ihrer Öffentlichkeitsarbeit darauf hin, dass damit nicht nur mehr Einfluss geschaffen wird, sondern auch 10'000 neue Funktionen für das Pflegepersonal entstehen – eine Aufwertung des ganzen Berufsstandes.
Das Anliegen deckt sich mit den Zielen des Berufsverbandes SBK in der Schweiz: «Auch wir setzen uns seit Jahren dafür ein, dass Pflegefachpersonen in den Entscheidungsgremien der Spitäler, Heime, Kliniken et cetera Einsitz haben müssen», sagt Yvonne Ribi, die Geschäftsführerin des SBK. «Die Gründe finden sich – neben der Atraktivitätssteigerung durch Karrierechancen – auch in echter Wertschätzung der Kompetenzen sowie in Entscheiden, die bereits aus pflegerischer Sicht durchdacht sind.»

Nurses on Board Coalition

Der Weg dorthin führt bekanntlich über niedrige Eintrittsschwellen. Dies beginnt damit, dass sich Pflege-Experten mit Management-Ambitionen ganz simpel bei der «Nurses on Boards»-Coalition anmelden können: Wer interessiert ist, schreibt sich einfach mal an der entsprechenden Stelle ein: «I Want to Serve» und wird je nachdem weitervermittelt. 

Ein Fünftel ist geschafft

Denn vielleicht liegt ein Teil des Problems ja auch daran, dass Vertreter der Pflege auch nicht immer selbstbewusst genug den Finger aufstrecken, um Führungsansprüche anzumelden.
10'000 Nurses in Verwaltungsräten bis 2020 – das Ziel scheint jedenfalls realistisch. Innert eineinhalb Jahren, so meldet die Organisation, konnten schon mal 2'265 solcher Positionen neu erobert werden werden.

  • Siehe auch: So sind die Schweizer Spitaldirektoren von heute

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