Notfalldienst unter Druck: Kinderarzt-Zentrum in Genf kapituliert

Das Bundesgericht hat die systematische Notfallpauschale gestoppt – jetzt stoppt eine weitere Praxis ihren Dienst. In Genf verlagert sich die Versorgungslast auf zwei verbleibende Standorte.

, 25. Juni 2025 um 06:17
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Bild: PD Centre pédiatrique de Lancy
Die Frage der Verrechnung der Notfallgebühr schlägt weiterhin Wellen. In Genf hat nun ein weiteres Kinderarzt-Zentrum die Reissleine: Das Centre pédiatrique de Lancy kündigte auf seiner Website das Ende des Permanence-Dienstes an. Konsultationen sind nur noch zu den üblichen Öffnungszeiten möglich. Die Massnahme tritt im August in Kraft.
Für die Kinder-Versorgung in Genf ist dies ein herber Schlag: Das Betreuungsdispositiv der Genfer Pädiater baut auf drei Zentren – dem Hôpital de La Tour, dem Centre médical des Eaux-Vives und eben jenem Centre pédiatrique de Lancy. Gemeinsam wurden hier bislang fast 12'000 Kinder pro Jahr betreut.
Zur Erinnerung: Zwei Urteile des Bundesgerichts erklärten letztes Jahr die systematische Verrechnung von Inkonvenienzpauschalen – eine Entschädigung von etwa 40 Franken – für Konsultationen ohne Termin, Notfallpraxen und Bereitschaftsdienste für unzulässig. Dieses Urteil veranlasste in der Zwischenzeit einige Einrichtungen dazu, ihre Tätigkeit ausserhalb der üblichen Öffnungszeiten einzustellen. Denn eine Permanence-Struktur bringt auch höhere Kosten mit sich – und nun liess sie sich immer schwerer finanzieren.
Aus Angst vor Einkommensverlusten von bis zu 25 Prozent hatten die Genfer Kinderärzte mit einem Streik während der Weihnachtsfeiertage gedroht.

Vereinbarung ungenügend?

Die Ärztegesellschaft FMH und der neue Dachverband der Krankenversicherer, Prio.Swiss, gaben zu Jahresbeginn bekannt, dass sie eine Einigung erzielt hätten, um die Abrechnung von Notfallpauschalen zu klären.
Die Vereinbarung wird jedoch von vielen Fachleuten als zu vage und als unbefriedigend erachtet. Die Co-Präsidenten der Genfer Gesellschaft für Pädiatrie, Martine Bideau und Jean-Yves Corajod, kündigten bereits eine Wende an: Das System der Abend- und Wochenenddienste in den drei Zentren muss nun wohl grundlegend überarbeitet werden – vorerst.
Das Zentrum in Lancy wird nicht mehr am System teilnehmen. Immerhin äusserte der Direktor auf Radio RTS die Hoffnung, den Bereitschaftsdienst mit dem Inkrafttreten des Tardoc wieder aufnehmen zu können. Also nächstes Jahr.

Last auf zwei Standorte verlagert

Ein Teil der 12'000 betroffenen Kinder muss nun an das Hôpital de La Tour, das Centre des Eaux-Vives oder die Notaufnahme des Universitätsspitals Genf (HUG) verwiesen werden.
«Es wird logischerweise zu einer Verschiebung der Belastung auf die beiden verbleibenden Standorte kommen. Das sollte im Sommer, wo es eher ruhig ist, zu verkraften sein», meinen Martine Bideau und Jean-Yves Corajod gegenüber der «Tribune de Genève». Sie warnen allerdings: «Für den virenreichen Winter muss eine Lösung gefunden werden. Wenn der Bereitschaftsdienst zu voll ist, werden die Notaufnahmen der Krankenhäuser überlastet, was die Qualität der Versorgung beeinträchtigen und die Kosten erhöhen dürfte.»
Die Genfer Gesellschaft für Pädiatrie berichtet, dass eine der Optionen darin besteht, die Bereitschaftsdienste auf freiwillig teilnehmende Praxen zu konzentrieren. In diesem Szenario würden die Zeiten und Orte den Familien nicht mehr im Voraus mitgeteilt, sondern die Eltern müssten anrufen, um an eine freie Praxis verwiesen zu werden.

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