Abschaffung des NC? «Finden wir nicht gut»

Dass der Numerus Clausus abgeschafft wird, stösst bei Medizinstudenten auf wenig Begeisterung. Sie fürchten Qualitätseinbussen.

, 6. November 2024 um 14:56
image
Medizinstudenten an der KSA Summerschool. Bild: Screenshot/Youtube KSA
Die Abschaffung des Numerus Clausus (NC) sorgt unter Medizinstudenten für kontroverse Diskussionen. Sara, Medizinstudentin im dritten Semester, sagt: «Die meisten von uns sind wenig begeistert.»
Ein zentraler Kritikpunkt: Die Änderung wird den Ärztemangel nicht beheben, da die Anzahl der Masterstudienplätze weiterhin begrenzt bleibt. Viele Studierende befürchten, dass das Medizinstudium nun mit weniger geeigneten Kandidaten überlaufen wird, die nach ein bis zwei Jahren wieder ausscheiden.
Ein möglicher Ansatz, die Studierenden im laufenden Studium auszusieben – wie es beispielsweise in der Psychologie üblich ist –, trifft bei Sara und ihren Kommilitonen auf Skepsis. «Das könnte bedeuten, dass bis zu 70 Prozent der Studierenden nach wenigen Jahren exmatrikuliert werden. Das führt nur zu Zeitverlust und Frustration.»

Auswahlverfahren

Zugleich weckt es bei vielen Medizinstudierenden die Sorge, dass die Ausbildungsqualität durch eine Überlastung sinken könnte. Für sie steht fest, dass ein Auswahlverfahren am Anfang des Studiums wichtig bleibt, um eine Überfüllung und den damit verbundenen Nachteilen zu vermeiden.
Die Idee, ein Spitalpraktikum als Auswahlkriterium einzuführen – ein Vorschlag des Zürcher Arztes und Kantonsrats Josef Widler – hält Sara hingegen für überlegenswert. Ein solches Praktikum könnte den Einstieg ins Studium realistischer gestalten und sicherstellen, dass die Studierenden frühzeitig Praxisluft schnuppern und ihre Motivation testen.
«Es wundert mich nicht, dass jene Studenten, die den NC bestanden haben, diesen verteidigen.» — Yvonne Gilli, Präsidentin FMH.
Widlers Vorschlag: Im Kanton Zürich soll künftig ein mindestens sechsmonatiges Pflegepraktikum zur Pflicht werden für den Zugang zum Medizinstudium. Diese Forderung hat der Mitte-Politiker im Kantonsparlament eingereicht.

Vorerst bleibt der NC

Yvonne Gilli, Präsidentin der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH), versteht die Vorbehalte der Studierenden; sie sagt aber auch: «Es wundert mich nicht, dass jene Studenten, die den NC bestanden haben, diesen verteidigen.»
Seit Jahren spricht sich Gilli für die Abschaffung der rein kognitiven Aufnahmeprüfung aus und fordert ein gemischtes Verfahren: «Neben dem Numerus Clausus könnten Kurzinterviews eingeführt werden, um emotionale und soziale Kompetenzen zu bewerten», sagte sie gegenüber «SRF». Sie betont jedoch, dass eine langfristige Lösung mehr als nur die Abschaffung des NC erfordere: «Es reicht nicht, einfach den Zugang zum Studium zu erleichtern, wenn die Kapazitäten in der Ausbildung begrenzt bleiben.»

«Es wird dauern»

Bis zu einer Reform des Zulassungsverfahrens wird es jedoch noch dauern, «der Ball liegt jetzt bei der Politik», so die FMH Präsidentin.
Der Bundesrat muss jetzt einen Umsetzungsvorschlag machen für die angenommene Motion. Und dieser wird einige Gesetzesänderungen bedingen, da die Selektionsverfahren bei den Kantonen liegen.
«Ich gehe pragmatisch eher davon aus, dass die Universitäten zusammen mit den Kantonen die Situation in einem ersten Schritt reflektieren. Es wird also noch dauern», sagt Yvonne Gilli.
Wer ein Medizinstudium anstrebt, sollte sich also weiterhin auf den NC vorbereiten.
Rückblickend bewertet Sara den NC als sinnvolle Hürde: «Mit der richtigen Vorbereitung war der Test machbar und spiegelte bereits die Anforderungen des Medizinstudiums wider.»
Hintergrund: Am 23. September 2024 nahm der Ständerat eine Motion an, die eine grundlegende Überarbeitung des Zulassungsverfahrens zum Medizinstudium fordert. Ziel ist es, den Numerus Clausus anzupassen, um in den kommenden Jahren mehr Medizinstudierende im Inland auszubilden. Der Entscheid fiel mit einer klaren Mehrheit von 32 zu 9 Stimmen, obwohl sich der Bundesrat gegen die Motion ausgesprochen hatte.

  • numerus clausus
  • studium
  • medizinstudium
  • politik
Artikel teilen

Loading

Kommentar

Mehr zum Thema

image

Waadt: Gesundheitsdirektorin Rebecca Ruiz tritt zurück

Die Vorsteherin des Gesundheits- und Sozialdepartements des Kantons Waadt hört nächstes Frühjahr auf – aus gesundheitlichen Gründen und mangels Rückhalt in der Partei.

image

Das sind die ersten 4 von 16 geplanten Kostendämpfern fürs Gesundheitswesen

Apotheken und Hebammen sollen mehr Kompetenzen erhalten. Ausserdem müssen die Kantone faire Referenztarife für ausserkantonale Behandlungen festlegen.

image

Nun lässt der Bund das Kostenwachstum bei den Krankenkassen-Leistungen überwachen

In einem Monat beginnt die Kommission für das Kosten- und Qualitätsmonitoring EKKQ, die Preisentwicklung im Gesundheitswesen zu beobachten.

image

Beschwerde gegen das SIWF: Der medizinische Nachwuchs verliert die Geduld

Eine Gruppe von Nachwuchsmedizinern geht vor das Bundesverwaltungsgericht: wegen «ungerechtfertigter Verzögerung» bei der Vergabe von Facharzttiteln.

image

Für Apotheken wird der Verkauf von Medikamenten der Kategorie B einfacher

Die Apotheken sollen nicht unter der Umteilung der Arzneimittel-Kategorien leiden. Der Bundesrat erleichtert ihnen deshalb die obligatorische Dokumentation.

image

Reha-Gruppe startet Doktoratsprogramm

Die Kliniken Valens starten eine Kooperation mit der Universität in Liechtenstein: Ab sofort können ihre Fachleute berufsbegleitend zum «Dr. scient. med.» promovieren.

Vom gleichen Autor

image

Patrick Bader wird Chefarzt am Kantonsspital Glarus

Ab Oktober 2026 übernimmt Patrick Bader die Leitung der Medizinischen Klinik und des Departements Medizin am Kantonsspital Glarus. Er folgt auf Thomas Brack, der nach über 20 Jahren in den Ruhestand tritt.

image

Schweiz lockert Regeln für Blutspender

Ab Anfang Februar dürfen in der Schweiz wieder mehr Menschen Blut spenden – darunter Personen mit früheren Transfusionen, längeren Aufenthalten in Grossbritannien oder nach bestimmten medizinischen Eingriffen.

image

PDAG: Weniger Fremdpersonal, höhere Patientensicherheit

Seit einem Jahr können Mitarbeitende der Psychiatrischen Diensten Aargau ihre Dienste flexibel gestalten – die Kosten für externe Fachkräfte sinken seither, CIRS-Meldungen gehen zurück.