Brustkrebs: «Die schweren Nebenwirkungen werden unterschätzt»

Das sagt Holger Hass, Chefarzt Onkologie Klinik Gais, und erklärt, weshalb es mehr Aufklärung betreffend die Reha bei und nach Brustkrebs braucht.

, 24. Oktober 2022, 05:57
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Holger Hass, Chefarzt Onkologie und Leiter Integrierte Onkologische Rehabilitation der Klinik Gais, im Gespräch mit einer Patientin. | zvg
Über 6000 Frauen erkranken in der Schweiz jährlich an Brustkrebs. Wird das Mammakarzinom früh entdeckt, stehen die Heilungschancen sehr gut: Rund 80 Prozent der erkrankten Frauen sind fünf Jahre nach der Diagnose noch am Leben. Trotz modernsten onkologischen Therapien wie zum Beispiel Operation, Bestrahlung, Chemo- oder Immuntherapie können die Nebenwirkungen beträchtlich sein.
Die Krux: «Diese sehr belastenden Nebenwirkungen werden sogar von Fachpersonen oft unterschätzt. Zudem ist es in der Schweiz noch nicht flächendeckend bekannt, dass Frauen mit Brustkrebs Anspruch auf einen Rehabilitationsaufenthalt haben», sagt Holger Hass, Chefarzt Onkologie der Klinik Gais.
Die Kliniken Valens bieten seit Anfang Oktober an den Standorten der Klinik Gais und der Ambulanten Reha St.Gallen ein vertieftes Therapiekonzept für die Rehabilitation bei und nach Brustkrebs an. Holger Hass, der ebenso die stationäre Integrierte Onkologische Rehabilitation für Brustkrebs-Patientinnen an der Klinik Gais leitet, beantwortet im Gespräch einige Fragen der Redaktion:

Herr Hass, wie kommt es, dass die Brustkrebs-Reha in der Schweiz wenig bekannt ist? Informieren die behandelnden Ärzte der Krebstherapien zu wenig?

Die Onkologische Reha ist der jüngste Reha-Bereich in der Schweiz. Als wir neulich das Konzept in einem onkologischen Zentrum vorstellten, sagte eine Kollegin erstaunt, sie habe gar nicht gewusst, dass man auch bei Brustkrebs-Patientinnen eine Reha anmelden könne! Tatsächlich gibt es da teilweise noch mehr Aufklärungsbedarf bei den Akut-Kollegen. Auch die Patientinnen und Patienten denken oft, dass sie zur «Kur» gehen, obwohl eine moderne Reha heutzutage ganz andere evidenz-basierte Therapien anbietet.

Woran liegt das?

Das liegt unter anderem daran, dass die Voraussetzung für eine stationäre Rehabilitation die sogenannte Spitalbedürftigkeit ist. Weil Brustkrebs-Patientinnen die Akutbehandlung zunehmend ambulant durchführen, verstehen viele nicht, weshalb die Reha stationär sein sollte, beziehungsweise warum gerade die jüngeren Frauen mit Brustkrebs «spitalbedürftig» sind. Fakt ist aber, dass eine ambulante Therapie bei der Vielzahl von Reha-Zielen wie Sport, Physio, Ergotherapie, Lymphtherapie, Psychoonkologie und so weiter nicht adäquat umsetzbar ist. Gerade junge Frauen mit Brustkrebs und sozialer Doppelbelastung wie Haushalt, Familie und Beruf können so oft nicht an einer ambulanten Reha teilnehmen.

«Spitalbedürftigkeit» heisst also nicht nur, gebrechlich im Bett zu liegen ...

Nein, in unseren Augen ist «Spitalbedürftigkeit» nicht nur, wenn man gebrechlich im Bett liegt, sondern wenn man unterschiedliche Therapien oder eine hohe Therapiedichte zur Rekonvaleszenz benötigt. Zudem wird bei einer Fokussierung auf die «Spitalbedürftigkeit» der hohe psychoonkologische Therapiebedarf, sprich: eine ganzheitliche Therapie, nicht berücksichtig. Hier ist nach unserer Meinung noch sehr viel Aufklärungsarbeit bei den Kostenträgern, aber auch den Kollegen in den onkologischen Akut-Zentren notwendig.

Die Kliniken Valens bieten neu eine vertiefte Brustkrebs-Reha an: Wie sind die Reaktionen seitens der Ärzteschaft auf dieses Angebot bisher?

Generell haben wir von den Kollegen eine sehr positive Rückmeldung erhalten, weil sich die onkologische Rehabilitation – ebenso wie die Akut-Onkologie – zunehmend auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen spezialisieren sollte. So haben natürlich Patientinnen nach Brustkrebs-Erkrankung und –therapie ganz andere Nebenwirkungen und Therapie-Ziele wie zum Beispiel Patienten nach Magen-Operationen.

Mit welchen Nebenwirkungen müssen Betroffene rechnen?

Weil die Therapie von Brustkrebs zunehmend auf unterschiedlichen Behandlungskonzepten wie OP, Strahlentherapie, Chemotherapie, Immuntherapie oder antihormonelle Therapie aufgebaut ist, bestehen neben der hohen psychischen Belastungen oft eine Vielzahl von Folgestörungen und Nebenwirkungen wie Fatigue, Lymphödem, Wechseljahrbeschwerden, Schulter-Arm-Syndrom nach OP, Polyneuropathie nach Chemo und so weiter. Diese Nebenwirkungen sind typisch und leider auch sehr häufig. Doch es gibt noch weitere Fragen, mit denen sich Betroffene beschäftigen.

Können Sie Beispiele machen?

Betroffenen sind mit Fragen konfrontiert wie etwa: Wie sollte ich nach einer Therapie leben? Was sollte ich essen? Oder: Gibt es sinnvolle Komplementärmedizinische Massnahmen? Alle diese geschilderten Faktorn unterstreichen die Bedeutung dieses spezialisierten Reha- und Nachsorgekonzeptes.

Zum Schluss: Wie viele Patientinnen sind aktuell in einer Brustkrebs-Reha in den Kliniken Valens?

Zur Zeit haben wir bei insgesamt 35 bis 40 Krebspatienten noch etwas wechselhaft täglich zwischen drei und sieben Patientinnen mit Brustkrebs in unserer Klinik.

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