Psychiatrie: Lange Wartelisten und Ärzte, die an ihre Grenzen stossen

Im Kanton Bern mangelt es an Psychiatern – sogar Suizidgefährdete müssen monatelang auf eine Behandlung warten. Immer häufiger springen Hausärzte ein. Nun will der Kanton handeln.

, 15. September 2022 um 06:18
image
Vor allem Kinder und Jugendliche müssen oft Monate lang auf einen Behandlungsplatz warten. | Symbolbild Freepik
Die psychiatrische Versorgung durch Spezialisten entwickelt sich im Kanton Bern zusehends zu einem Problem. Immer häufiger springen Hausärzte ein, um ihre Patientinnen und Patienen mit schweren psychischen Problemen zu betreuen – etwa dann, sollten suizidgefährdete Personen im Wartezimmer sitzen. Ein Beispiel ist Corninne Sydler. Die Betreuung von Menschen mit psychischen Schwierigkeiten gehöre zwar auch zur Arbeit von Hausärztinnen und Hausärzten. Sie seien allerdings bei komplexen Störungen darauf angewiesen, die Patienten möglichst rasch an Spezialisten verweisen zu können, wird die Co-Präsidentin der Berner Haus- und Kinderärzte in der «Berner Zeitung» zitiert.
Mittlerweile erhalten Hausärzte laut Sydler immer häufiger die Rückmeldung «Aufnahmestopp». Bis ein passender Behandlungsplatz gefunden werde, brauche es oft mehrere Zuweisungsversuche. Zudem ist Geduld angesagt: Insbesondere Kinder und Jugendliche müssen oft Monate lang auf einen Behandlungsplatz warten.

Kein Nachwuchs in Sicht

Längst schlagen die niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiatern Alarm. Um die Suche nach einem Behandlungsplatz zu erleichtern, listet die Bernische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (BGPP) auf der Homepage des Verbandes seit einiger Zeit jene Ärztinnen und Ärzte auf, die noch Patientinnen aufnehmen können.
image
Printscreen Hompage der BGPP Stand 15. September 2022
Die Anzahl der Erwachsenenpsychiater nimmt laut der «Berner Zeitung» laufend ab: «Zwischen 2018 und 2021 um 11 Prozent von 218 auf 193.»
Wie die BGPP ausführt, ist die Versorgung noch nicht zusammengebrochen, weil viele von ihnen über das Pensionsalter hinaus arbeiten. Eine aktuelle Analyse zeige, dass 2021 fast 40 Prozent der niedergelassenen Erwachsenenpsychiater in der Region Bern über 65 Jahre alt waren (2018 waren es noch 26 Prozent). Gibt diese Altersgruppe ihre Praxistätigkeit auf, stehe ein Drittel der Patienten ohne Betreuung da. Nachwuchs sei kaum in Sicht.

Die Sorgen der UPD und des PZM

Die Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD) und das Psychiatriezentrum Münsingen (PZM) kämpfen auch mit Fachkräftemangel. Die Situation sei bedrohlich, äussert der ärztliche Direktor der UPD, Michael Kaess, gegenüber der Zeitung, während PZM-Chefarzt Ingo Butzke für ein Praxisassistenzprogramm plädiert.
Zudem müsse die psychiatrische Grundversorgung im Studium gestärkt werden, sodass endlich wieder mehr junge Nachwuchskräfte ausgebildet werden. Denkbar sei etwa die Gründung eines eigenen Instituts. «Zudem muss die psychiatrische Grundversorgung im Studium gestärkt werden, sodass endlich wieder mehr junge Nachwuchskräfte ausgebildet werden.»
Die BGPP wünsche sich, dass der Kanton mit Unterstützung der Bezirksvereine der niedergelassenen Psychiater eine Übersicht über die aktuelle Situation erstelle. Nur so könne eine bedarfsgerechte Versorgung garantiert werden, so die BGPP.

Gesundheitsdirektion will einschreiten

Bei der kantonalen Gesundheitsdirektion (GSI) soll die BGPP laut der «Berner Zeitung» mit ihren Forderungen zumindest teilweise offene Türen einrennen. Ab 2023 soll es möglich werden, Fachrichtungen, bei welchen es eine Unterversorgung gebe, gezielt zu fördern. Dazu geöhren die Kinderund Jugendpsychiatrie sowie Psychiatrie und Psychotherapie.
Finanziell beteiligen will sich der Kanton neu an «innovativen Programmen», ist weiter zu lesen. In deren Rahmen soll etwa ein Weiterbildungskonzept (ähnlich jenem des Berner Instituts für Hausarztmedizin) erarbeitet werden können. Dieses habe dazu geführt, dass wieder mehr Studierende diese Medizinrichtung einschlagen.
Die GSI geben sich auch offen gegenüber einem Praxisassistenzprogramm. Dazu müsste aber ein entsprechender Antrag eingereicht werden, der «geprüft und allenfalls bewilligt» würde.
  • psychiatrie
  • kanton bern
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Angebote der Rehaklinik Seewis

Die Rehaklinik Seewis hat sich auf kardiologische, psychiatrisch-psychosomatische und internistisch-onkologische Rehabilitation sowie Prävention spezialisiert. Dieser Artikel stellt die Situation für Patientinnen und Patienten beim Eintritt sowie die Angebote der Rehaklinik vor.

image

Sozialarbeitende wollen UPD-Sparkurs nicht hinnehmen

Die Sozialarbeit-Verbände künden Widerstand gegen die Sparmassnahmen der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern an.

image

Psychiatrie: UPD muss Stellen streichen

Sinkende Einnahmen, steigende Kosten: Berns Psychiatriedienst baut mehrere Angebote ab.

image

Niklas Brons wird Chefarzt am Clienia Schlössli

In Sommer wechselt er von den Psychiatrischen Diensten Aarau an die Privatklinik.

image

KI wird zum Hilfsmittel für die Psychotherapie

Eine Studie der Universität Basel zeigt: Künstliche Intelligenz misst kurze Gefühlsregungen sensibler als geschulte Psychologen. Sie dürfte bald helfen, Therapie-Fortschritte zu messen.

image

Thun: Privatklinik Meiringen eröffnet Psychiatriezentrum

Das Angebot richtet sich an junge Erwachsene und soll eine relevante Versorungslücke schliessen.

Vom gleichen Autor

image

Kinderspital verschärft seinen Ton in Sachen Rad-WM

Das Kinderspital ist grundsätzlich verhandlungsbereit. Gibt es keine Änderungen will der Stiftungsratspräsident den Rekurs weiterziehen. Damit droht der Rad-WM das Aus.

image

Das WEF rechnet mit Umwälzungen in einem Viertel aller Jobs

Innerhalb von fünf Jahren sollen 69 Millionen neue Jobs in den Bereichen Gesundheit, Medien oder Bildung entstehen – aber 83 Millionen sollen verschwinden.

image

Das Kantonsspital Obwalden soll eine Tochter der Luks Gruppe werden

Das Kantonsspital Obwalden und die Luks Gruppe streben einen Spitalverbund an. Mit einer Absichtserklärung wurden die Rahmenbedingungen für eine künftige Verbundlösung geschaffen.