«So töten wir den Wert der Zusatzversicherung»

Ein Westschweizer Spitaldirektor warnt schon lange: Die Spitäler und Krankenkassen tragen die Zusatzversicherungen zu Grabe. Weil sie immer weniger Gegenleistungen bringen.

, 20. Oktober 2021 um 06:09
image
Eine Zusatzversicherung für die halbprivate oder die private Abteilung eines Spitals ist teuer: Schnell einmal kostet sie 100 bis 200 Franken pro Monat. Was es dafür gibt? Ein Doppel- oder ein Einzelzimmer und eine breitere Menüwahl als mit der obligatorischen Versicherung. Also neben der freien Arztwahl einfach etwas mehr Hotelkomfort.
Nun zeigt auch der gesantschweizerische Vergleich des Preisüberwachers, dass die Spitaltarife für Halbprivat- und Privat-Versicherte in allen Spitälern überhöht sind - und dementsprechend auch die  Versicherungsprämien.

Mehr medizinischer Wettbewerb

Ein Westschweizer Spitaldirektor warnt schon lange vor dieser Entwicklung. So hätten die Zusatzversicherungen keine Zukunft, ist Rodolphe Eurin überzeugt. Seine Forderung lautet: Viel mehr medizinischer Wettbewerb unter den Spitälern.
Der Chef des Genfer Klinik La Tour sagt: «Wichtiger als ein Einzelzimmer mit gutem Abendessen ist den Versicherten die Sicherheit, nach einer orthopädischen Operation den Lieblingssport schnell wieder ausüben zu können.» Dass Zusatzversicherungen zwar mehr Komfort, aber zu wenig zusätzliche medizinische Leistungen versprechen, mache den Markt für solche Versicherungen zunichte.

Markt für Zusatzversicherungen schrumpft

Was Rodolphe Eurin wundert: «Keine Versicherung scheint das ändern zu wollen, obwohl diese sogar früher als die Spitäler die Konsequenzen des schrumpfenden Marktes spüren werden.»
Schon vor dem Preisüberwacher hat sich auch die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) eingeschaltet, die zuständig ist für die Überwachung der Krankenzusatzversicherungen. Sie stellte aufgrund ihrer Analysen fest, dass Rechnungen im Bereich der Krankenzusatzversicherung häufig intransparent, zu hoch oder sogar ungerechtfertigt seien.

Neuer Schwung für die Zusatzversicherungen

Die Finma hat auch schon versucht, Druck zu machen. Sie erwartet von den Krankenkassen eine wirksamere Kontrolle. Zudem müssen die Versicherer ihre Verträge mit den Spitälern überprüfen und wo nötig verbessern. Die Finma bewilligt sonst keine neuen Spitalzusatzversicherungsprodukte.
Dringend für Rodolphe Eurin ist nun, dass Versicherer und Spitäler zusammen den Mehrwert von herausragenden medizinischen Leistungen richtig verkaufen, dann würden die Zusatzversicherungen neuen Schwung erhalten. Allerdings sei das mit dem alten Tarifmodell und der Abrechnung nach Spitalnächten nicht möglich. Es müssten Fallpauschalen vereinbart werden können.

Behandlungspauschale für zwei Jahre?

Ein Beispiel: In der Orthopädie gebe es in gewissen Ländern Behandlungspauschalen von zwei Jahren. So könne bei Spitälern und Ärzten die Verantwortung für die ganze Behandlungsdauer erhöht werden.
In der Schweiz hingegen bestünden Fehlanreize: Wenn Spitäler ihre zusatzversicherten Patienten länger behalten, erhalten sie mehr Geld. Das führe sogar dazu, dass schlechte Behandlung - etwa ein Fehler in der Dosierung der Medikamente – zu einem Gewinn fürs Spital werde, weil sich der Patient nach der Operation sechs statt vier Nächte im Spital erholen müsse.

Übertherapie und Übermedikation

Solche klaren Fehlanreize kritisiert auch der Preisüberwacher. Die hohen Tarife würden die Spitäler dazu verlocken, bei zusatzversicherten Patienten medizinische Behandlungen auch dann durchzuführen, wenn keine zwingende medizinische Indikation bestehe.

Ein Anreiz für Spitäler, besser zu werden

Patienten wüssten mittlerweile, wie wichtig die Auswahl des richtigen Arztes und des richtigen Spitals sei. Die Zusatzversicherung sollte nach Eurins Ansicht ein Anreiz für die besten Spitäler sein, die Entwicklung der Medizin zu beschleunigen. Ziel wäre die stete Verbesserung aufgrund von messbaren Ergebnissen.
Das ganze System könnte profitieren, wenn neue Standards zur Qualität und Effizienz der einzelnen Behandlungen definiert würden. «In der Gesundheitsbranche ist Wettbewerb noch ein Tabu, aber es ist eine gute Sache», ist Eurin überzeugt.

Nicht zusätzliche Leistungen, sondern «unterscheidende» Leistungen

Zusatzversicherte können ihren Arzt frei wählen. Für Rodolphe Eurin reicht das nicht. Die Spitäler müssten seiner Meinung nach eine medizinische Strategie führen: Etwa die Koordination der Behandlungen, Erfolgsmessungen, Qualitätsmessungen und die Auswahl von Ärzten mit hoher Kompetenz.
Für Eurin geht es nicht um zusätzliche Leistungen, sondern um solche, welche die Spitäler unterscheiden. Das können neue Projekte sein, die bessere Resultate versprechen, weil sie systematisch die Lebensqualität der Patienten messen. «Das», findet Eurim, «ist keine Zusatzleistung, sondern eine andere Leistung, die zusätzliche Kosten bedeutet – darin liegt die Subtilität.» Die Zusatzversicherung kann laut Eurin künftig der Anreiz für ein Spital sein, mehr in die Verbesserung der Resultate zu investieren, um neue Standards für das ganze Gesundheitssystem zu definieren. Davon würden dann alle profitieren.

Das hat der Preisüberwacher festgestellt:

Die Mehrleistungen der Spitäler für zusatzversicherter Patienten kosten laut der Untersuchung des Preisüberwachers Stefan Meierhans viel zu viel.
Durchschnittlich wird Halbrivat-Versicherten Fr. 6'745.- und Privat-Versicherten sogar Fr. 8'960.- mehr verrechnet als jenen Patienten, die bloss grundversichert sind.
Meierhans findet, es sei «stark erklärungsbedürftig», was denn so viel teurer sei bei den zusatzversicherten Patienten. Denn die Grundversicherung decke ja bereits das überwiegende Gros der Spitalleistungen ab.
Meierhans folgert daraus: «Es bestehen klare und unübersehbare Hinweise darauf, dass die Krankenzusatzversicherungstarife in der Schweiz flächendeckend überhöht sind. Dies schlägt sich in überhöhten und nicht zu rechtfertigenden Prämien für die Halbprivat- und Privatversicherungen in unserem Land nieder. Es braucht deshalb regulatorische Änderungen.»

Zur Person

Rodolphe Eurin ist Direktor der Genfer Klinik La Tour. Sie ist mit 220 Millionen Franken Umsatz und 300 Ärzten die wichtigste Privatklinik der Romandie. Und sie ist eine der wenigen Privatkliniken, die weder zu Hirslanden noch zu Swiss Medical Networkt (SMN) gehört.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Das Spital Uster kehrt in die Gewinnzone zurück

Eine Fusion mit dem angeschlagenen Nachbarspital Wetzikon stehe nun nicht mehr zur Diskussion.

image

«Die Spitäler sind selber schuld»

Santésuisse-Präsident Martin Landolt über defizitäre Spitäler, den Tardoc-Streit, ambulante Pauschalen und unnatürliche Kooperationen.

image

Neue Direktorin für das Spital Nidwalden

Ursina Pajarola ist ab Oktober die Direktorin des Spitals Nidwalden. Sie leitet derzeit noch eine Altersresidenz.

image

Deshalb bauten die Stararchitekten das neue Kispi

Seid ihr noch bei Trost, fragte sich ein SVP-Politiker beim Anblick des neuen Kinderspitals Zürich. Es gibt aber Gründe für den exklusiven Bau.

image

Swissmedic und BAG müssen Frauen mehr berücksichtigen

Frauen haben andere Gesundheitsrisiken als Männer. Deshalb müssen Swissmedic und das BAG nun etwas ändern.

image

KPT will nur noch einen Krankenkassenverband

Nach ihrem Austritt aus Curafutura will die KPT nicht zur Konkurrenz Santésuisse. Sondern einen einzigen Verband.

Vom gleichen Autor

image

SVAR: Neu kann der Rettungsdienst innert zwei Minuten ausrücken

Vom neuen Standort in Hundwil ist das Appenzeller Rettungsteam fünf Prozent schneller vor Ort als früher von Herisau.

image

Kantonsspital Glarus ermuntert Patienten zu 900 Schritten

Von der Physiotherapie «verschrieben»: In Glarus sollen Patienten mindestens 500 Meter pro Tag zurücklegen.

image

Notfall des See-Spitals war stark ausgelastet

Die Schliessung des Spitals in Kilchberg zeigt Wirkung: Nun hat das Spital in Horgen mehr Patienten, macht aber doch ein Defizit.