«Psychedelika sind nicht von selbst therapeutisch»

Helfen illegale Drogen wie Liquid Ecstasy bei Demenz, LSD und Psilocybin bei Depressionen? Der Spezialist Oliver G. Bosch erklärt, was man in der Forschung zum Einsatz von Psychedelika weiss.

, 3. Mai 2021, 12:49
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Oliver G. Bosch ist Psychiater und Oberarzt am Zentrum für Psychiatrische Forschung der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK). | zvg

Herr Bosch, Sie sind Psychiater und Oberarzt am Zentrum für Psychiatrische Forschung der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK). Muss man als Researcher die Substanzen auch an sich selbst testen?

Müssen nicht; es ist bei einigen Substanzen sicherlich von Vorteil. Man kann gut Forscher sein, ohne sein Forschungsobjekt selbst ausprobiert zu haben.

An der PUK arbeiten Forscher seit über 20 Jahren legal mit bewusstseinsverändernden Wirkstoffen. Mit welchen Substanzen haben Sie sich auseinandergesetzt?

Ich habe mich lange Zeit mit Halluzinogenen auseinandergesetzt und an Forschungsprojekten dazu teilgenommen. Als ich 2010 an der PUK anfing, habe ich ein Forschungsprojekt mit GHB, oder Liquid Ecstasy, aufgebaut, woran ich immer noch arbeite. Zudem habe ich in den letzten Jahren mit Ketamin gearbeitet und 2011 die Ketamin-Behandlung der therapieresistenten Depression an der PUK eingeführt.

GHB, oder Liquid Ecstasy, ist als Partydroge bekannt. Was wissen Sie über die Wirkung von GHB auf die Psyche in der Therapie?

GHB wirkt über den haupthemmenden Neurotransmitter im Gehirn: Wenn man die Substanz tagsüber in niedrigen Dosierungen zu sich nimmt, hat sie eine stimmungsaufhellende, euphorisierende, Libido steigernde Wirkung sowie einen positiven Einfluss auf die soziale Interaktion. Deshalb ist GHB interessant für die Depressionsforschung. Und: Im Vergleich zu beruhigenden Substanzen wie Benzodiazepinen verstärkt GHB den Tiefschlaf tatsächlich.

Dann könnte GHB ebenso bei Schlafstörungen helfen?

Interessant ist, dass man im Tiefschlaf Gedächtnisinhalte abspeichert und mit der Substanz möglicherweise sein Gedächtnis verbessern kann. Dies könnte Patienten, die einen gestörten Tiefschlaf sowohl als auch eine kognitive Störung haben, zugutekommen. Das trifft vor allem auf Patienten mit Depressionen, aber auch mit Demenz zu – aktuell führen wir eine vom Schweizerischen Nationalfonds gesponserte Studie durch, die dies bei depressiven Patienten untersucht.

Die Psychotherapie mit bewusstseinsverändernden Substanzen nennt man Psycholytische Therapie. Bestehende Studien zeigen, dass diese  funktioniert …

Wie gut diese Therapie tatsächlich funktioniert, weiss man noch nicht, muss ich dazu kritisch sagen. Die Fallzahlen der Studien sind gering.

Die neuesten Forschungen zu Psilocybin zeigen, dass der Wirkstoff aus den Zauberpilzen antidepressives Potential haben soll. Das könnte ein neuer Ansatz in der Psychotherapie sein?

Es gibt Studien, die erste positive Hinweise liefern; es ist wichtig, diese zu beachten. Wir sind aber noch nicht auf dem Stand, dass diese Substanz unmissverständlich als wirksam bezeichnet und guten Gewissens über die Krankenkasse abgerechnet werden kann. Therapiemethoden mit Psychedelika müssen sich noch etablieren und grosse, intensive Studien durchlaufen.

Was können Sie denn konkret zur Forschung über den Einsatz von Psychedelika sagen?

Es gibt Studien mit MDMA, Psylocibin und LSD, die erste und positive Effekte bei Abhängigkeit, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörung zeigen. Aber: es sind kleine Studien mit zwischen zehn und sechzig Personen, zum Teil ohne Placebo-Gruppe. Um mehr zu wissen, braucht es grössere Studien, die eine gute wissenschaftliche Struktur haben, sprich eine grosse Fallzahl aufweisen und aus einer Placebo- sowie einer Verum-Gruppe bestehen. Eine Placebo kontrollierte Studie ist bei Halluzinogenen schwierig, weil das Erlebnis zentral ist.

Lösen nur hohe Dosen einen «Bad-Trip» aus?

Je höher die Dosis desto wahrscheinlicher ist das Gefühl von Überforderung. Das kann aber auch schon in niedrigen Dosierungen passieren, zum Beispiel bei ängstlichen Menschen, die ein starkes Kontrollgefühl haben.

Gefährlich sind Halluzinogene für Menschen mit Psychosen, Schizophrenie oder einer Prädisposition für solche Erkrankungen. Was wenn ich eine Veranlagung habe und es nicht weiss ...

Das ist eine sehr heikle Sache. Dann kann eine LSD-Erfahrung einen Schub auslösen. Ein 18-Jähriger, der zum ersten Mal LSD konsumiert und einen schizophrenen Schub hat, hätte diesen vielleicht erst mit 25 bekommen. Gekommen wäre er so oder so. Interessant: Die 60er-Jahre waren eine grosse Feldstudie; in der Zeit konsumierten Millionen von Menschen LSD. Es gab aber in der Folgezeit keine Zunahme von Schizophrenie.

Worauf sollte man sonst noch achten?

Dass die Substanzen nicht zu einer Idealisierung führen. Sie haben einen sehr starken Impact auf denjenigen, der sie nimmt. Das heisst aber nicht, dass dies Erfahrungen im Leben etwas bringen. Die Einnahme von Psychedelika ist nicht von selbst therapeutisch. Das Entscheidende ist, das Erlebte in einer Psychotherapie weiterzuverarbeiten.
Infos Forschung: https://www.pukzh.ch/
Hinweis: Dieses Interview war Bestandteil eines Artikels über die Psycholytische Therapie in der Fachzeitschrift Natürlich. Lesen Sie die ganze Reportage mit Erfahrungsbericht hier

Zur Person:

Oliver G. Bosch kommt aus Berlin und wohnt im Kanton Zürich. Sein Medizin- und Philosophie-Studium absolvierte er in Berlin (Charité / Humboldt Universität). Danach folgte eine Facharztweiterbildung an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. 2015 wurde der 40-Jährige zum Oberarzt an der Psychiatrischen Universität Zürich ernannt; seit 2016 amtet er ebenso als FMH Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. 2019 erwarb Bosch die Habilitation an der Universität Zürich. Seither ist er als Forschungsgruppenleiter an der PUK-ZH Forschungsgruppe «Experimentelle Stress- und Depressionstherapien» tätig und führt seit 2020 seine eigene Praxis in der Zürcher Innenstadt.

Begriffserklärungen:

MDMA: 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin / synthetisches Empathogen / in der Party-Szene als Ecstasy bekannt / setzt vor allem die Glückshormone Serotonin, Noradrenalin und Dopamin frei.
GHB:  Gamma-Hydroxybutyrat / kein Halluzinogen / in der Partyszene als Liquid Ecstasy bekannt / Wirkung s. Interview.
Ketamin: Ketaminhydrochlorid / Narkosemittel / löst u.a. Gefühle der Schwerelosigkeit oder des Schwebens auf.
Psilocybin: Inhaltsstoff von halluzinogen Pilzen, Bsp: Spitzkegeliger Kahlkopf / kleiner Bruder von LSD.
LSD: Lysergsäurediethylamid / stärkstes bekannte Psychedelikum / Effekte von Dosierung abhängig / Wirkung: Zustand von geistiger Klarheit über Visionen mit Formen und Farben, «out off body-Erfahrungen» bis hin zum Kontrollverlust.
Psychedelika: Nicht-abhängig machende psychoaktive Stoffe / lösen starke Veränderungen in Stimmung, Denken und Wahrnehmung aus / weitere nebst LSD und Psilocybin: Meskalin, DMT oder Ayahuasca.

Psycholytische Therapie kurz erklärt:

Die Psycholytische Therapie wird seit den 1950ern entwickelt. «Psycholyse» bedeutet «die Seele auflockernd/lösend». Zu den therapeutisch eingesetzten Medikamenten gehören Entaktogene wie MDMA und/oder Halluzinogene wie LSD oder Psilocybin (siehe Begriffserklärungen unten). In der Schweiz sind Psycholytische Therapien legal, benötigen jedoch eine Lizenz vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Bekannte behandelnde Ärzte sind Peter Gasser und Peter Oehen.
Folgende Voraussetzungen müssen gegeben sein:
  • Das BAG kann nach den Absätzen 1 und 3 des Betäubungsmittelgesetzes Ausnahmebewilligungen für die beschränkte experimentelle und medizinische Anwendung von sog. Betäubungsmitteln erteilen, wenn kein internationales Abkommen entgegensteht.
  • Dies gilt nur für in der Schweiz lebende Personen.
  • Die Therapie muss von einer/m in der Schweiz tätigen Ärztin/Arzt beantragt und ausführlich begründet werden.
  • Es muss eine bedeutende psychische Störung vorliegen, zu deren Therapie nachweislich schon schulmedizinische Behandlungsversuche mit nicht ausreichendem Erfolg unternommen wurden.
  • Die psycholytische Therapie ist stets in eine mehrmonatige vor- und nachbereitende konventionelle Psychotherapie eingebettet. Dies setzt eine gewisse Wohnortnähe und Mobilität der Patienten voraus, da diese dazu in der Lage sein muss, regelmässig persönlich zu Psychotherapiesitzungen zu erscheinen.
Im Gegensatz zur Psychedelischen Therapie, die aus einer kleinen Anzahl Sitzungen mit hohen Dosen (LSD: 400 bis 600 Mikrogram) besteht, besuchen Patienten bei der Psycholytischen Therapie während mehreren Jahren bis zu hundert Sitzungen mit mittleren Dosierungen (LSD: 50 bis 200 Mikrogramm) in ein- bis zweiwöchigen Interwallen. Diese Erfahrungen werden in den konventionellen psychotherapeutischen Sitzungen besprochen.
Weitere Informationen gibt es bei der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie SÄPT.

 

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