MS: Grosse Studie bestätigt Vermutung von Forschern

Eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus erhöht das Risiko für Multiple Sklerose (MS) um etwa den Faktor 32. Das zeigen Beobachtungsdaten einer US-Studie.

, 18. Januar 2022, 13:00
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Weltweit leiden rund 2.5 Millionen Menschen an Multipler Sklerose (MS), in der Schweiz sind etwa 15’000 Menschen davon betroffen. Die Ursache dieser nervenschädigenden Autoimmunerkrankung ist nicht geklärt.
Wissenschaftler vermuten schon lange, dass zwischen MS und dem Epstein-Barr-Virus (EBV) ein Zusammenhang besteht. Beobachtungsdaten einer US-Studie (s. Kasten) zeigen nun, dass MS durch eine Infektion mit dem EBV kausal ausgelöst werden kann.
Eine Infektion mit dem weit verbreiteten Erreger erhöht das Risiko für die Autoimmunerkrankung um etwa den Faktor 32, zu diesem Schluss kamen die Forscher in ihrer Studie, welche in der Fachzeitschrift «Science» veröffentlicht wurde.
«Die Hypothese, dass EBV Multiple Sklerose verursacht, wird von unserer Gruppe und anderen seit mehreren Jahren untersucht. Doch dies ist die erste Studie, die einen zwingenden Beweis für die Kausalität liefert», sagte Alberto Ascherio, Professor für Epidemiologie und Ernährung an der Harvard Chan School und Hauptautor der Studie.
Die Studiengruppe erwähnte, dass eine zukünftige Impfung gegen EBV eine Option sein könnte, um die MS-Inzidenz potenziell zu senken. Allerdings bleiben noch viele entscheidende Fragen offen. Etwa: Durch welche Mechanismen wirkt das EBV an der Entstehung einer MS mit?
«Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen», sagte Jens Kuhle in einem Interview, das auf der Webseite der Universität Basel erschienen ist. Kuhle ist am Departement Klinische Forschung der Universität Basel/des Universitätsspital Basel tätig und war an der Studie beteiligt. «Zum einen könnte das EBV direkt die Nerven angreifen und sie so verändern, dass das Immunsystem beginnt, die Myelinscheide – also quasi die Schutzschicht der Nervenzellfortsätze – zu attackieren», so Kuhle. Das führe dann zur MS-typischen Schädigung und zur Zerstörung der Myelinscheide. Er führte weiter aus: «Zum anderen könnte es sich um einen Fall von sogenannter molekularer Mimikry handeln: Bestandteile des Virus ähneln Bestandteilen der Myelinscheide. Wenn das Immunsystem das Virus erkennt und bekämpft, könnten die Immunzellen in der Folge auch fälschlicherweise die körpereigene Schutzschicht als fremd erkennen und angreifen.» 
Das seien aber nur zwei aus einer Reihe von möglichen Erklärungen, die zurzeit erforscht werden. Wie genau das EBV zur Entwicklung einer MS beitrage, müsse in künftigen Studien untersucht werden, so Kuhle. 
Um einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Epstein-Barr-Virus (EBV) und Multipler Sklerose (MS) zu prüfen, griffen die Forscher auf eine grosse Biobank des US-Militärs zurück. Blutproben von über 10 Millionen US-Militärangestellten wurden untersucht, dies im Zeitraum von 1993 bis 2013. Durch Analyse der Proben, die zu Beginn der Militärzeit und dann im Abstand von zwei Jahren gesammelt wurden, konnten die Wissenschaftler Folgendes nachweisen: In fast allen Fällen ging eine EBV-Infektion den ersten Anzeichen einer MS im Blut voraus – von 35 Personen, die zum Zeitpunkt der ersten Blutentnahme noch EBV-negativ waren und später MS entwickelten, infizierten sich 34 vor Beginn der MS mit EBV. 
Noch vor erstmaligem Ausbruch der MS-Erkrankung konnte bei diesen Personen auch eine erhöhte Konzentration der leichten Kette der Neurofilamente – einem sehr sensitiven Biomarker für MS-typsische Schädigung von Nervenzellen – nachgewiesen werden.
Die Studienergebnisse zeigen keinen Zusammenhang zwischen MS und dem zu den Herpesviren zählenden Cytomegalievirus – das bestärkt die Annahme, dass das EBV bei der Entstehung von MS eine besondere Rolle spielt. 
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