«Meldeplattform dringend nötig»

Lieferengpässe bei Medikamenten sind ein wachsendes Problem in den Spitälern. Ein Spitalapotheker sorgt nun mit einer Website für Transparenz - und provoziert die Pharmabranche.

, 20. Oktober 2015, 06:43
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Enea Martinelli ist Chefapotheker der Spitalgruppe Frutigen-Meiringen-Interlaken (Spital FMI) und ärgert sich konstant über die Lieferengpässe bei zahlreichen Medikamenten. In einem Brief an etliche Spitalapotheker in der Schweiz verschaffte er nun seinem Ärger Luft. Gleichzeitig lancierte er im Internet eine Meldeplattform, auf der Spitalapotheker und weitere Fachleute die Möglichkeit haben, Engpässe zu melden. 

Drugshortage.ch

In kurzer Zeit sind auf der Website Drugshortage.ch erstaunlich viele Meldungen eingegangen, wie der Tages-Anzeiger berichtet. Obschon sie erst Anfang September gestartet ist, sind bereits 232 offene Lieferengpässe aufgeführt. In vielen Fällen handelt es sich offenbar um unterschiedliche Packungsgrössen des gleichen Medikaments. Dennoch erachten auch andere Spitalapotheker die Zahl als realistisch. 

Firmen werden angeprangert

Derweil wirft die Pharmabranche Martinelli vor, die Meldungen seien nicht in jedem Fall aktuell. Martinelli entgegnet, ihm gehe es vor allem auch darum, auf das Problem aufmerksam zu machen. Neben einzelnen Präparaten findet sich auf der Website auch eine Liste der Firmen, welche am meisten Engpässe verzeichnen.
«Eigentlich würde ich mir wünschen, dass die Industrie die Lieferprobleme von sich aus meldet», so Martinelli gegenüber dem Tages-Anzeiger. «Da viele Unternehmen dies nicht tun, ist die Meldeplattform dringend nötig.»

Engpass bei Kinderimpfstoffen

Der Tages-Anzeiger hat bei verschiedenen Spitalapothekern nachgefragt. Danach bestehen Lieferengpässe zum Beispiel beim Antibiotikum Tienam oder diversen Kinderimpfstoffen, ebenso bei Kalzium-Infusionslösungen oder dem Präparat Oncotice, einem Medikament gegen Blasenkrebs. 

Meldepflicht für alle Präparate gefordert

Die von Martinelli kritisierte Pharmaindustrie verweist auf die Bemühungen des Bundes. Dieser hat inzwischen selbst eine Meldestelle eingerichtet. Seit Anfang Oktober sind die Pharmafirmen verpflichtet, einen Engpass zu melden, wenn dieser länger als zwei Wochen dauert. Meldepflichtig sind aber lediglich 60 Wirkstoffe. Martinelli fordert vom Bund, dass die Meldepflicht auf alle Medikamente ausgeweitet wird, wo ein Lieferengpass von mehr als drei Wochen absehbar ist. 

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