Martinelli: Der Abstand ist wichtiger als die Maske

Enea Martinelli, schweizweit bekannter Spitalapotheker aus Interlaken, hat sich wiederholt kritisch gegenüber Masken geäussert. Was sagt er nun zur Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr?

, 6. Juli 2020, 20:24
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Herr Martinelli, im Fernsehen, auf Twitter auf ihrem Blog – überall sagten Sie, das Maskentragen nütze nichts. Im Gegenteil. War das eine Schutzbehauptung, weil es zu wenige Masken gab?

Überhaupt nicht. Ich bin ein Freund des differenzierten Ansatzes. Die Maske stand sozusagen in Konkurrenz zur Zweimeterregel. Diese Regel ist die beste aller Regeln. Sauber Abstandhalten ersetzt die Maske. Und wenn man den Abstand nicht gewährleisten kann, so muss man andere Vorkehrungen treffen. Der Bundesrat hat das mit dem Lockdown getan.

Im ÖV kann man die Zweimeterregel nicht einhalten.

Genau. Der ÖV war ja sehr eingeschränkt. Am 23. März, eine Woche nach dem Lockdown, habe ich in meinem Blog geschrieben, Ersatzmassnahmen seien dann zu prüfen, wenn man den Abstand von zwei Metern nicht gewährleisten kann. Das könne auch eine Maske sein.

Sie sagten aber auch, Maskentragen sei kontraproduktiv, weil man dann dauernd ins Gesicht langt und sich unter Umständen infiziert.

Das ist so. Wenn man die Maske vorne anfasst, dann ist das nicht gut. Eigentlich müsste man Hände desinfizieren; Maske anziehen, Maske abziehen, Hände desinfizieren. Viele Leute machen das falsch. Aber in der aktuellen Situation ist das Risiko der falschen Handhabung wohl kleiner als jene der Ansteckung. Im Sinne von: besser als nichts.

Wäre es nicht gescheiter gewesen, nach Ende des Lockdowns die Maskenpflicht im ÖV und in Restaurants einzuführen, wie uns das die Deutschen vormachten?

Im Restaurant ist das ein bisschen schwierig. Mit Masken kann man nur schlecht essen. Im ÖV hätte man das sehr rasch diskutieren müssen. Nur war der ÖV meistens leer. Auch dort bin ich ein Freund des differenzierten Ansatzes. Wenn ich alleine im Abteil sitze, dann macht eine Maske keinen Sinn. Das gilt selbst für die Billettkontrolle.

Wie das?

Ich habe einen Meter Armlänge; der Kondukteur hat einen Meter Armlänge. Die zwei Meter sind gewährleistet. Doch jetzt, wo wieder mehr Leute unterwegs sind, ist das eine andere Situation.

Noch zum Restaurant: In Deutschland muss das Servicepersonal Masken tragen. Wenn die Serviceangestellte das Teller abräumt und sagt, «hats geschmeckt», so sind die zwei Meter nicht einzuhalten.

Absolut. Im Schutzkonzept war ja vorgesehen, dass das Personal zum Schutz der Gäste Masken tragen sollte. Leider wird es nicht eingehalten.

Im ÖV ist also Maskentragen Pflicht. Müsste das konsequenterweise nicht auch in Läden gelten, wie das in Deutschland der Fall ist?

Nochmals: Überall dort, wo der Abstand von zwei Metern nicht eingehalten werden kann, sind Masken besser als nichts. Viele Leute haben gesagt, Maske rauf; Lockdown runter. Das hätte nicht funktioniert. Doch jetzt, wo man den Abstand von zwei Metern nicht überall einhalten kann, ist die Maske eine sinnvolle Massnahme, um wenigstens einen gewissen Schutz zu gewährleisten.

Wenn vermehrt Leute mit Masken herumlaufen, wird man fortwährend daran erinnert, dass das Virus noch nicht besiegt ist. Das spricht doch auch irgendwie für eine Maskenpflicht, oder?

Das könnte man so sagen. Nur: die Leute haben dann auch irgendwann genug. Eine Maske zu tragen ist ja nicht unbedingt die angenehmste Sache der Welt. Wenn man die Maske gezielt einsetzt halte ich das für besser als auf leeren Plätzen, auf dem Velo oder irgendwo auf dem Waldspaziergang eine Maske zu tragen. Das halte ich nach wie vor für einen Blödsinn.
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