Insel-Kardiologen definieren «behandlungsbedingten Herzinfarkt» neu

Der Berner Kardiologe Lorenz Räber zeigt, dass die Zahl der «behandlungsbedingten Herzinfarkte» zu hoch geschätzt wird – und beendet eine Kontroverse.

, 16. Februar 2022, 09:00
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Lorenz Räber, Leitender Arzt an der Universitätsklinik für Kardiologie am Inselspital, konnte mit seiner Forschungsgruppe zeigen, dass die Zahl der so genannten behandlungsbedingten Herzinfarkte oft deutlich überschätzt wird – und zwar wegen einer übervorsichtigen Definition.

Darum geht es

Die Behandlung der koronaren Herzkrankheit mit Stents, welche die Gefässe stützen, ist ein häufige Operation. Sie verbessert die Lebensqualität und rettet bei einem akuten Herzinfarkt Leben. Aber sie kann in seltenen Fällen auch selber die Ursache eines Herzinfarktes sein. Ein solcher behandlungsbedingter Herzinfarkt verlängert den Spitalaufenthalt.
Ob überhaupt ein behandlungsbedingter Herzinfarkt vorliegt, ist allerdings oft nicht klar und eine Frage der Definition. Die kontroverse Debatte darüber, wie ein solcher Herzinfarkt definiert werden soll, könnte dank der Berner Fachleute nun beendet sein.

20'000 Eingriffe ausgewertet

Die Universitätsklinik für Kardiologie am Inselspital misst nämlich ihre Behandlungsergebnisse nach Stent-Implantation seit 2009 routinemässig und verfügt deshalb über die Daten von über 20'000 Patienten. Diese Daten haben die Forscher ausgewertet.
Nachgewiesen wird ein behandlungsbedingter Infarkt unter anderem mit Veränderungen des EKGs durch Biomarker im Blut. Die heute verwendeten Biomarker (hsTNT) sind sehr sensibel und zeigen bereits minimalste Herzmuskelschäden an.

Drei Definitionen zur Auswahl

Ab welchem Biomarker-Schwellenwert von einem behandlungsbedingten Herzinfarkt ausgegangen werden soll, war bisher unter Fachleuten umstritten. Weltweit sind drei Definitionen in Diskussion. Aufgrund der gesammelten Daten kommen die Insel-Kardiologen nun zum Schluss: Die «Universal Definition of MI» ist zu vorsichtig und berücksichtigt auch Grenzfälle, die für die Patienten keine relevanten Konsequenzen haben.
Mit den Definitionen des Academic Research Consortium und der Amerikanischen Gesellschaft für Invasive Kardiologie sind hingegen viel weniger Patienten von echten und relevanten Herzinfarkten betroffen. «Diese beiden Definitionen sind für den alltäglichen Gebrauch aussagekräftiger», kommen die Forscher zu Schluss.
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