Covid: Spital-Mitarbeiter sind doch keine Impfmuffel

Skeptisch, kritisch und zurückhaltend: so standen die Gesundheitsprofis der Covid-Impfung gegenüber. Eine Medinside-Umfrage zeigt, wie die Impfquote in Spitälern und Heimen heute ist.

, 17. Juni 2021 um 06:59
image
«Mehr als jeder zweite Mitarbeiter im Gesundheitswesen zeigt sich gegenüber einer Covid-19-Impfung zurückhaltend». Das ging aus einer Medinside-Umfrage im November 2020 hervor. «Versuchskaninchen» und eine «politisch erzwungene Schnellschuss-Impfung»: Als Gründe für die Zurückhaltung und die Skepsis nannten die Gesundheitsprofis hauptsächlich die fehlenden Langzeitstudien der mRNA-Impfstoffe, die Angst vor Nebenwirkungen und deren Spätfolgen.  
War die Skepsis der Impfgegner aus dem Gesundheitswesen ein Sturm im Wasserglas? Konnten Impfkampagnen oder die «Sensibilisierung der Arbeitnehmer», auf welche Schweizer Spitäler und Heime setzten, greifen? Seit der Umfrage im November sind sieben Monate vergangen. Heute mangelt es kaum an Impfterminen oder Impfstoff. Der richtige Zeitpunkt für eine Umfrage bei Deutschschweizer Spitälern und Heimen. Das sind die Ergebnisse (eine Übersicht gibt es am Ende des Textes).

Die «LUKS» ist Spitzenreiterin

In Anbetracht der grossen Skepsis der Gesundheitsprofis gegenüber der Covid-Impfung, ist die Bereitschaft für einen Pikser bei Spital-Angestellten teils erstaunlich hoch: Spitzenreiterin ist die «LUKS»-Gruppe: «Per Anfang Juni haben 80 Prozent unserer Mitarbeiter die erste Impfung erhalten, mehr als zwei Drittel sind bereits zweifach geimpft», schreibt Mediensprecher Markus von Rotz. Die Impfbereitschaft sei in allen Berufsgruppen durchgehend sehr hoch und die Nachfrage nach wie vor ungebrochen. 
Am Universitätsspital Zürich (USZ) und am Stadtspital Waid/Triemli haben sich 70 Prozent der Mitarbeitenden impfen lassen. Selbige Zahl verzeichnet die Insel-Gruppe. Während die Impfquote in den Häusern der Insel-Gruppe und im Stadtspital Waid/Triemli im Bereich des Erwarteten liegen, «wurden die Erwartungen am USZ übertroffen», so Katrin Hürlimann, USZ-Kommunikationsbeauftragte.
image
Der Impfstuhl sieht zwar etwas bedrohlich aus, wird aber rege genützt. (ejo)

Drei Häuser der «Hirslanden» mit Zahlen

Keine konkreten Zahlen über die gesamte Gruppe hat die «Hirslanden»: «Unsere Häuser unterliegen eigenständigen, kantonalen Impfkampagnen. Es hat sich gezeigt, dass die Priorisierung in den Kantonen und die Impfung des Gesundheitspersonals unterschiedlich umgesetzt wurde», erklärt Marco Binder von der Medienabteilung.
Das Personal der Hirslanden-Gruppe konnte sich teils am eigenen Standort impfen lassen. «Teilweise haben sich verschiedene Gesundheitseinrichtungen zu einem Impf-Verbund zusammengeschlossen.»
Ein Teil der Mitarbeitenden habe sich an externen Standorten angemeldet. «Diese Gesundheitsdaten können und werden aus datenschutzrechtlichen Regulierungen nicht an uns weitergeleitet», informiert Binder. Zudem seien die Mitarbeitenden nicht dazu verpflichtet, die Impfung am Arbeitsort zu melden. Das ist auch in allen anderen Spitälern der Fall. Denn dafür gibt es keine rechtliche Grundlage.
Verlässliche Zahlen präsentieren diese drei Standorte der «Hirslanden»: In der Klinik Linde in Biel haben sich etwa 66 Prozent, in der Klinik Im Park in Zürich rund 67 und in der Klinik St. Anna um die 70 Prozent der Mitarbeitenden mindestens einmal impfen lassen. Darüber sei man sehr erfreut, so Binder.

Gleichstand: Uni-Spital Basel und St. Gallen

Um die 50 Prozent des Personals zeigten am Universitätsspital Basel und am Kantonsspital St. Gallen eine Impfbereitschaft gegen Covid-19. Während die Erwartungen betreffend die Impfbereitschaft am Basler Unispital übertroffen wurden, ist man in St. Gallen noch etwas zurückhaltend mit der Freude: «Es ist sicher erfreulich, dass bereits über die Hälfte aller Mitarbeitenden eine zweite Impfung erhalten haben. Allerdings liegt die detaillierte Analyse der Anteile geimpfter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch nicht vor», schreibt das Spital.

Aargauer Spitäler schweigen

Keine Zahlen liefern wollten die beiden Aargauer Spitäler in Baden und in Aarau: «Wir haben leider keine aktuellen Zahlen zu Ihren Fragen», schreibt Isabelle Wenziger, Mediensprecherin Kantonsspital Aarau (KSA).
Das Kantonsspital Baden betreibt zwei Impfzentren, eines in Baden und eines in Windisch. «Den KSB-Mitarbeitenden wurde frühzeitig die Möglichkeit geboten, sich impfen zu lassen. Ein Grossteil ist auf dieses Angebot eingetreten», teilt Omar Gisler, KSB-Mediensprecher, mit. Dabei habe sich sowohl bei der Ärzteschaft als auch beim Pflegepersonal gezeigt: Je direkter der Kontakt mit Covid-Patienten, desto höher die Bereitschaft, sich impfen zu lassen.
image
Die Impfbereitschaft in Alters- und Pflegezentren war anfangs verhalten. (Symbolbild Pixabay)

Quote in Zürcher Alterszentren «zufriedenstellend»

Die Impfquote bei den rund 4900 Pflegemitarbeitenden in den städtischen Alterszentren und Pflegezentren in Zürich beträgt gesamthaft 55 Prozent. Erfasst werden nur diejenigen, die sich über die interne Registrierung für die Impfung angemeldet haben. Betrieben werden 23 Alterszentren, acht Pflegezentren, vier Tageszentren und zwölf Pflegewohngruppen.
«Die Impfquote, gerade bei Mitarbeitenden aus der Pflege, lag vor allem anfangs unter den Erwartungen. Unsere interne Impfkampagne hat aber dazu beigetragen, dass die Impfquote mittlerweile einen – für den Pflegebereich – zufriedenstellenden Wert erreicht hat», sagt Gaby Bieri, Chefärztin Geriatrischer Dienst der Stadt Zürich und Ärztliche Direktorin der Pflegezentren der Stadt Zürich. Zudem sei zu erwarten, dass die Impfquote weiter steigen werde, da weiterhin in den Betrieben geimpft werde. 
Ebenso etwas mehr als die Hälfte (56 Prozent) des Pflegepersonals der Senevita-Gruppe hat inzwischen einen Pikser bekommen. Auf die Frage, ob die Impfquote den Erwartungen entspreche, antwortet Brigitte Hager, Mediensprecherin: «Wir befürworten die Impfung, damit die Pandemie hoffentlich bald eingedämmt sein wird.» Die Gruppe betreibt Häuser an 29 Standorten und beschäftigt um die 4300 Mitarbeiter. 

«Tertianum» und «Domicil» ohne Listen

Wie viele Mitarbeitende sich in den 87 Häusern der Tertianum-Gruppe Schweiz inzwischen geimpft haben, konnte Marianne Häuptli, COO Deutschschweiz, nicht sagen. Aufgrund der Fluktuation habe man aufgehört, Listen zu führen. Die Durchschnittsrate sei am Anfange zwischen 30 bis 40 Prozent gewesen. «Am Anfang hatten wir die Befürchtung, dass sich unser Personal nicht impfen lassen will. Heute steigt die Nachfrage stetig. Das Interesse hat unsere Erwartungen übertroffen», freut sich Häuptli und gibt ein Beispiel: «Eine konkrete Zahl habe ich. Im Haus Letzipark liegt die Impfquote bei etwa 78 Prozent.»
Keine konkrete Zahlen über die Impfbereitschaft des Personals geben kann «Domicil»: «Alle Mitarbeitenden von Domicil hatten Gelegenheit, sich am Arbeitsort impfen zu lassen. Als Arbeitgeberin hat Domicil auf verschiedenen Kanälen auf die Wichtigkeit der Impfung hingewiesen und unterstützt diese», schreibt Stefanie Diviani, Verantwortliche Kommunikation. Da die Impfung freiwillig sei, «führen wir keine Listen über geimpfte und nicht-geimpfte Mitarbeitenden. Alle Mitarbeitenden – ob geimpft oder nicht – müssen weiterhin die Schutz- und Hygienemassnahmen an allen 23 Standorten von Domicil einhalten.»

Übersicht Impfbereitschaft angefragte Spitäler:

  • Universitätsspital Zürich: rund 70% (7000 Mitarbeiter)
  • Universitätsspital Basel: rund 50% (7637 Mitarbeiter)
  • Stadtspital Waid/Triemli: rund 70% (4300 Mitarbeiter)
  • Kantonsspital St. Gallen: über 50% (6000 Mitarbeiter)
  • Kantonsspital Baden: keine konkreten Angaben (2500 Mitarbeiter)
  • Kantonsspital Aarau: keine Angaben (4600 Mitarbeiter)

LUKS-Gruppe: 80% (9243 Mitarbeiter, 4 Häuser)

  • Insel-Gruppe: rund 70% (11'000 Mitarbeiter, 6 Standorte)
  • Hirslanden Gruppe: rund 66% (Klinik Linde, 517 Mitarbeiter), rund 67% (Klinik Im Park, 637 Mitarbeiter), rund 70% St. Anna (1213 Mitarbeiter). (17 Standorte, 10700 Mitarbeiter)

Zahlen und allgemeine Impfbereitschaft in der Schweiz

Die «SBK» und der «VSAO» verfügen über keine Zahlen betreffend die Impfbereitschaft der Mitglieder. Eine Anfrage diesbezüglich ist bei der «FMH» hängig. 
Das sind die aktuellen Zahlen des BAG:  Über sechs Millionen Impfdosen wurden seit dem 21. Dezember in der Schweiz und Liechtenstein verabreicht; knapp 30 Prozent der Bevölkerung ist vollständig geimpft und 16 Prozent teilweise (Stand: 13. Juni). Wie viele Personen aus dem Gesundheitswesen unter den Geimpften sind, darüber gibt es keine konkreten Daten.
Bis zum 2. Juni hat Swissmedic 2701 Meldungen über vermutete unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) durch Covid-19 Impfungen in der Schweiz ausgewertet. Mit 1751 (64,8 %) war der grössere Teil der Meldungen nicht schwerwiegend, 950 (35,2 %) Meldungen wurden als schwerwiegend eingestuft.
Hier gibt es konkrete Zahlen zu der Impfbereitschaft in der Allgemeinheit.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Doppelte Rolle: Mediziner als Medien-Experten und Pharma-Partner

USZ-Professor Huldrych Günthard ist medial sehr präsent. Weniger bekannt ist, dass Pharma-Firmen ihm gern Forschungsgelder gewähren.

image

Zu Besuch bei Viktor-Gewinnerin Chantal Britt

Seit vier Jahren leidet die Präsidentin von Long-Covid-Schweiz unter postviralen Beschwerden. Was sie am meisten stört: Dass die Krankheit nicht ernsthaft erforscht wird.

image
Gastbeitrag von Marco Gugolz

Zusatzversicherte: Die Mär von der Goldmine

Preisüberwacher Stefan Meierhans macht Stimmung gegen Zusatzversicherungen. Doch die offiziellen Zahlen des Bundes zeigen, dass sein Vorwurf einer Überversorgung nicht stimmt.

image

Massenentlassung bei Hirslanden «nicht vermeidbar»

Statt 80 Angestellten erhalten im Corporate Office in Zürich nur 56 eine Kündigung.

image

Wenn es Spitzenköche in die Spitalgastronomie zieht

Der Hirslanden-Koch Euloge Malonga ist Gewinner des Bocuse d’Or Schweiz, Robert Hubmann vom GZO Wetzikon hat einst die englische Königsfamilie bekocht.

image

«Hört auf mit dem Begriff ‚Long Covid‘»

Natürlich gibt es das Syndrom. Aber laut einer neuen Studie unterscheidet es sich nicht von anderen postviralen Leiden.

Vom gleichen Autor

image

Kinderspital verschärft seinen Ton in Sachen Rad-WM

Das Kinderspital ist grundsätzlich verhandlungsbereit. Gibt es keine Änderungen will der Stiftungsratspräsident den Rekurs weiterziehen. Damit droht der Rad-WM das Aus.

image

Das WEF rechnet mit Umwälzungen in einem Viertel aller Jobs

Innerhalb von fünf Jahren sollen 69 Millionen neue Jobs in den Bereichen Gesundheit, Medien oder Bildung entstehen – aber 83 Millionen sollen verschwinden.

image

Das Kantonsspital Obwalden soll eine Tochter der Luks Gruppe werden

Das Kantonsspital Obwalden und die Luks Gruppe streben einen Spitalverbund an. Mit einer Absichtserklärung wurden die Rahmenbedingungen für eine künftige Verbundlösung geschaffen.