Hepatitis C: BAG will tiefere Medikamenten-Preise

Das Bundesamt für Gesundheit hat es am Montag bekräftigt: Die Vergütung der neuen Arzneimittel gegen Hepatitis C soll auf weitere Patientengruppen ausgedehnt werden.

, 31. Oktober 2016, 10:44
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Konkret geht es dabei um Patienten, bei denen die Krankheit schneller fortschreitet. Die neue Mitteilung hält dazu aber auch fest: «Gleichzeitig möchte das BAG die Preise der entsprechenden Arzneimittel senken.»
Heute vergütet die Grundversicherung die neuen und wirksamen Arzneimittel gegen Hepatitis C, sobald eine moderat fortgeschrittene Lebererkrankung (Fibrosegrad 2) vorliegt oder sich die Krankheit ausserhalb der Leber manifestiert. Das BAG erinnert daran, dass diese Einschränkung internationalen Leitlinien und der Vergütungspraxis der meisten europäischen Länder entspreche.

Um wen es geht

Allerdings: Nach erneutem Austausch mit medizinischen Experten sei man zum Schluss gekommen, dass die Vergütung auf weitere Patientengruppen mit chronischer Hepatitis C erweitert werden soll. Dazu gehören Menschen, die sich mit dem HIV-Virus und/oder dem Hepatitis B-Virus infiziert haben, ferner die Nutzer von intravenös konsumierten Drogen wie Heroin. 
Verbessert werden soll schliesslich auch der Zugang der erfolglos behandelte Hepatitis-C-Patienten, die eine nochmalige Behandlung brauchen.
Die Überlegung: Bei diesen Patienten schreitet die Lebererkrankung schneller voran. Auch ist hier das Risiko erhöht, die Krankheit zu übertragen.

Preise «nach wie vor sehr hoch»

Das BAG stellt diese Erweiterungs-Absichten aber auch in einen Zusammenhang zu den Preisen für die Hepatitis-C-Mittel. Man erachte die Preise «nach wie vor als sehr hoch», so die Mitteilung. Allein: «Die gesetzlichen Grundlagen, um Preismodelle wie in anderen Ländern festzulegen, sind jedoch eingeschränkt.»
Das BAG werde also auf die betroffenen Pharmaunternehmen zugehen, «damit die Preise dieser teuren Arzneimittel weiter gesenkt werden können».

«Heikel, einzelne Gruppen herauszupicken»

«Die Ausweitung ist richtig», sagt Philip Bruggmann in einer ersten Reaktion. «Davon können wohl ein paar tausend Menschen profitieren.» Zugleich bleibt der Leiter der Schweizerischen Hepatitis-Strategie bei der Forderung, dass die Begrenzung komplett aufgehoben und ein universeller Zugang Betroffener zu den neuen Medikamenten ermöglicht wird – einhergehend mit Preissenkungen durch die Hersteller. «Wenn man anfängt, einzelne Gruppen herauszupicken, wird es auch wieder heikel», so Internist Bruggmann. 
Der Ball, so Bruggmann, liegt also bei den Herstellern. Beim Einsatz der neuen Medikamente gegen Hepatitis C hatte das BAG ursprünglich klare Grenzen gezogen: Angesichts der gewaltigen Preise der jungen Hepatitis-Produkte bezahlte die Grundversicherung solch eine Therapie erst bei stark fortgeschrittener Lebererkrankung (Fibrosegrad 3 und 4). Ende 2015 wurde dann eine erste Lockerung verkündet: Nachdem sich das Bundesamt mit den Herstellern auf gewisse Preissenkungen einigen konnte, bewilligte es den bezahlten Einsatz der neu-teuren Hepatitis-Mittel bereits bei Patienten mit weniger fortgeschrittener Lebererkrankung (Fibrosegrad 2).

Vergleichsland Frankreich

Freilich: Die Forderung, die wirksamen US-Mittel bei allen Infizierten und auch bei leicht Erkrankten einzusetzen, ebbte seither nicht ab. Betroffene witterten in der Fibrosegrad-Grenze eine unethische Zweiklassen-Medizin. Diverse Medien berichteten von Patienten, welche sich die Therapien auf eigene Rechnung in Indien beschafften. Und auf der anderen Seite rechneten Epidemologen und Leberspezialisten vor, dass ein früher Einsatz der teuren Wunderwaffen am Ende helfen könnte, Kosten einzusparen.
Hinzu kam, dass andere Staaten dazu übergingen, die Einschränkungen bei der Abgabe aufzugeben und die teuren Mitteln allen Betroffenen zur Verfügung zu stellen. Im Juni beschloss das Gesundheitsministerium von Frankreich, universellen Zugang zu ermöglichen; derzeit läuft die schrittweise Umsetzung.

Das epidemologische Argument

Denn letztlich hätte eine Therapie mit Mitteln wie Harvoni und Sovaldi (Gilead) respektive Viekirax und Exviera (AbbVie) selbst bei Gesunden respektive nur leicht erkranken Menschen den Vorteil, dass zugleich eine Ansteckungsquelle versiegen würde.
Bislang hatte das BAG noch argumentiert, dass es wenig sinnvoll sei, «diejenigen zu behandeln, die einmal krank werden könnten, es aber noch nicht sind und vielleicht auch nie werden».
Entscheidend wird also die Frage, ob dieser Sinneswandel der Behörden mit Preisschritten der Hersteller unterstützt wird. Die erste Lockerung – die Ausweitung auf Fibrosegrad 2 – erfolgte, nachdem die US-Hersteller zu Konzessionen bereit gewesen waren. Dabei sank beispielsweise der Preis einer Standardtherapie mit Sovaldi um gut 9'300 Franken auf 48'306 Franken. Bei Harvoni betrug die Reduktion sogar gut 12'000 Franken – auf 50'245 Franken.

AbbVie: Noch kein Wegfall einer Limitierung

Bei AbbVie (Viekirax, Exviera) zeigt man sich zum neusten Vorstoss aus Bern offen: «Wir hatten schon bei der Ausweitung auf Fibrosegrad 2 bewiesen, dass wir für Gespräche bereit sind – und werden auch jetzt wieder an den Runden Tisch sitzen», sagt Philipp Kämpf, der Direktor External Affairs von AbbVie Schweiz. «Denn grundsätzlich begrüssen wir eine Ausweitung: Sie nützt den Patienten.»
Allerdings sei die aktuell erwähnte Patientengruppe zahlenmässig recht eingeschränkt, so dass bei einer allfälligen solchen Lösung noch lange nicht vom Wegfall einer Limitierung gesprochen werden könnte, so Kämpf weiter.
Zudem sei es wichtig, dass solche Schritte im Rahmen des ganzen Gesundheitssystems abgestützt werden. So sei für eine erfolgreiche Lösung insbesondere ein Augenmerk auf gut koordinierte Abläufe im System zurichten – von der Awareness und dem Screening über die Diagnose bis hin zur Zuweisung der Patienten.
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