«Es ist belegt, dass private Spitäler effizienter arbeiten als öffentliche»

Immer ärgerer Fachkräftemangel, immer mehr Regulierung durch die Kantone: Für Marco Gugolz werden dies drängende Problemfelder der Privatkliniken. Als Direktor der Kliniken Bethanien und Lindberg ist Gugolz einer der wichtigen Player im Zürcher Spitalwesen. Das Interview.

, 17. Januar 2018, 07:14
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Herr Gugolz, Sie sind nun Direktor zweier Häuser – der Privatklinik Lindberg in Winterthur und von Bethanien in Zürich. Was war die Überlegung dabei?
Swiss Medical Network hat letztes Jahr begonnen, die Kliniken unter regionalen Leitungen zusammenzufassen. Mit dieser Bündelung der Kräfte werden die Positionen gestärkt, die Zusammenarbeit zwischen den Kliniken wird verbessert, und Synergien können noch besser genutzt werden. Dabei wurde mir im Sommer 2017 zusätzlich zur Privatklinik Lindberg auch die Privatklinik Bethanien unterstellt.
Wo können Sie nun konkret diese Synergien zwischen Lindberg und Bethanien verstärken?
Synergien werden bei uns permanent geprüft und unmittelbar umgesetzt. Wir haben in den letzten Monaten alle Prozesse analysiert und sofort Massnahmen getroffen. Wir haben die Geschäftsleitungen zusammengelegt, Termine angeglichen und so weiter. Mit solchen Vereinheitlichungen können wir Abläufe weiter verschlanken. Wir haben die Fakturierungen und die Patientenabrechnungen zusammengelegt, ebenso das Zentrallager und die ganze Logistik. Wir haben einen Hygieneverantwortlichen und einen einheitlichen Standard.
Marco Gugolz ist seit Sommer 2017 Regionaldirektor der Zürcher Kliniken von Swiss Medical Network, nachdem er zuvor bereits seit 2013 die Privatklinik Lindberg in Winterthur geleitet hatte. Seine Klinik-Karriere hatte er 2001 bei Hirslanden begonnen, wo er zuletzt – von 2006 bis 2013 – als Head of Operations & Services und Direktionsmitglied der Klinik St. Anna arbeitete. Er verfügt über einen Master of Commerce der Universität Kapstadt.
Bei den Fachgebieten überlappen sich die beiden Häuser nicht schlecht. Steht am Ende eine Klinik – einfach aufgeteilt in zwei Standorte?
Tatsächlich haben wir etliche gleiche Fachgebiete in beiden Kliniken. Das ist aber auch gut so, denn wir haben nur sehr geringe Patientenströme von Zürich nach Winterthur und umgekehrt. Mit der Privatklinik Lindberg decken wir vor allem die östliche Region bis in den Thurgau, nach Schaffhausen und auch Teile von St. Gallen ab; mit der Privatklinik Bethanien die ganze Stadt Zürich, das linke und das rechte Seeufer, das Zürcher Oberland und Teile des Unterlands. 

«Swiss Medical Network legt grossen Wert auf regionale Besonderheiten»

Wir verfügen damit über zwei eigenständige Marken im Kanton Zürich, die hervorragend positioniert sind und die ein ausgezeichnetes Renommee haben. Durch die gemeinsame Akkreditierung können die Belegärzte aber an beiden Standorten arbeiten.
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Klinik Bethanien, Zürich | PD
Oder geht es sogar auch um Differenzierung?
Es geht in unserem Geschäft immer um Differenzierung. Swiss Medical Network legt bei seinen 16 Kliniken grossen Wert auf die spezifischen regionalen Besonderheiten. Die Qualität muss bei Bethanien und Lindberg natürlich auf dem gleichen, hohen Niveau stehen. Bei den Abläufen definieren wir das Beste aus beiden Häusern als Standard. Aber die Kliniken, die stark lokal verankert sind, haben unterschiedliche Kulturen und sollen diese auch behalten. Beide Häuser tun dies ganz hervorragend, in Winterthur seit 111 Jahren, in Zürich seit 106 Jahren.
Wo gibt es Unterschiede bei den Angeboten der Kliniken?
In der Privatklinik Bethanien haben wir eine einzigartige Familienabteilung und Geburtenstation. Rund 500 Babys kommen jährlich hier zur Welt, seit wir Ende 2015 schon die Geburten in Zürich konzentriert haben. In der Privatklinik Lindberg gibt es ab 2018 eine neue Dialysestation mit acht Betten – es ist wahrscheinlich die schönste Dialysestation der Schweiz. 

«…es ist wahrscheinlich die schönste Dialysestation der Schweiz»

Beide Kliniken verfügen über eine Orthopädie samt Wirbelsäulenchirurgie und über weitere Fachdisziplinen wie Viszeral- und Allgemeinchirurgie. Zudem haben wir eine starke Urologie mit DaVinci-Robotertechnik. In beiden Kliniken sind übrigens in den nächsten fünf Jahren Erweiterungsbauten angedacht, in Zürich gegen 9’000, in Winterthur gegen 13’000 Quadratmeter.
Sie suchen immer noch einen operativen Leiter, eine operative Leiterin für die Klinik Bethanien. Ist das so schwierig?
Die neu organisierte Führung der beiden Kliniken ist wieder komplett. Die Gesamtleitung der beiden Kliniken obliegt mir als Regionaldirektor Zürich. In der Privatklinik Lindberg unterstützt mich, wie bereits kommuniziert, ab 2018 Eva Heller als operative Direktorin. In der Privatklinik Bethanien bleibt die operative Führung direkt bei mir.
Was erwarten Sie: Von wo kommen in den nächsten drei bis fünf Jahren die grössten Bedrängungen auf Sie als Direktor einer Privatklinik zu?
Ein Problem ist einerseits der Fachkräftemangel. Ein anderes ist die immer weiter zunehmende Regulierung durch die Kantone. Es wird eine Herausforderung sein, die Spezifizität und Unabhängigkeit der Vertragsspitäler im zunehmend regulierenden Umfeld zu bewahren.
Die Spitze von Swiss Medical Network hat mehrfach angedeutet, man sei daran interessiert, das Management öffentlicher Spitäler zu übernehmen, beispielsweise auch in Winterthur. Halten Sie es wirklich für politisch realistisch, dass in der Schweiz die Leitung öffentliche Häuser vermehrt an Private übergeben wird?
Es stimmt, Swiss Medical Network ist an einer Zusammenarbeit mit öffentlichen Spitälern interessiert. Das kann bei einzelnen Fachgebieten sein, es kann auch die Übernahme des gesamten Managements sein – der der Klinik als Ganzes. Es ist eine belegte Tatsache, dass private Spitäler effizienter arbeiten als öffentliche. Der Druck auf die Öffentlichen wird wachsen, wie sich auch in der aktuellen Diskussion über die Zürcher Stadtspitäler zeigt. Die Steuerzahler sind immer weniger gewillt, die grossen Defizite zu berappen. 

«Die Übernahme der betrieblichen Führung durch Private ist nicht nur denkbar, sondern wünschbar»

Wir weisen seit Jahren auch immer wieder darauf hin, dass es nicht sinnvoll ist, dass der Staat gleichzeitig Regulator, Kontrollorgan und Spitalbetreiber ist. Der neuste Bericht des Bundesrats vom Dezember 2017 zeigt klare Wettbewerbsverzerrungen bei den Spitälern: Öffentliche Häuser sind mehrfach bevorzugt. Die Schweizer Privatkliniken fordern nun, dass all diese Krankenhäuser verselbstständigt werden. Dabei wäre auch die Übernahme der betrieblichen Führung durch Private nicht nur denkbar, sondern wünschbar.
Betrifft Sie der Tarmed-Eingriff eigentlich auch nennenswert?
Uns als zwei echte Privatkliniken, die im Kanton Zürich einen Vertragsspitalstatus haben und keine kantonalen Subventionen erhalten, betrifft das sehr wohl. Der neue Tarmed ist für uns schlicht unverständlich und ist für die Kliniken nicht verkraftbar. Die Auswirkungen gehen aber nicht nur zulasten der Dienstleister, sondern auch der Patienten.
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Patientenzimmer in der Privatklinik Lindberg | PD
Und wie sehr die 13er/14er-Listen diverser Kantone? Die Verlagerung hin zu ambulanten Behandlungen könnte Ihnen ja doch Sorgen bereiten.
Wir beobachten das durchaus mit Sorge, obschon dies uns als Vertragsspitäler laut der Zürcher Gesundheitsdirektion nicht betrifft, sondern nur die Listenspitäler; ebenso wie die Mindestfallzahlen pro Operateur. Wir sind aber in beiden Kliniken daran, die ambulanten Bereiche auszubauen und von den stationären zu separieren.
Man bekommt den Eindruck, dass nun alle Spitäler Ambulatorien, Permanencen, Ärztezentren et cetera. aufbauen. Es fällt auf, dass Swiss Medical Network damit nicht so sehr von sich reden macht. Was ist die Überlegung?
Swiss Medical Network verfügt in den meisten Kliniken über Einrichtungen für ambulante Behandlungen. Wir, die Gruppe und der Mutterkonzern Aevis Victoria beobachten den Markt sehr genau. Wir sind in Kontakt mit potenziellen Partnern und Übernahmekandidaten.

«Mit gegen 1 Prozent im Jahr haben wir in der Pflege in der Tat eine sehr tiefe Fluktuation»

Der Konzern hält ja auch eine namhafte Beteiligung an Medgate, dem führenden Telemedizin-Anbieter. Er ist offen dafür, zur richtigen Zeit geeignete Anbieter und Mitbewerber zu übernehmen, sei es im ambulanten oder im stationären Bereich. Es gilt nach wie vor das mittelfristige Ziel, 20 bis 25 Kliniken in Swiss Medical Network zu integrieren.
Sie haben eine sehr tiefe Fluktuation in der Pflege. Wie haben Sie das erreicht?
Mit gegen 1 Prozent im Jahr haben wir in der Privatklinik Lindberg in Winterthur in der Tat eine sehr tiefe Fluktuation in der Pflege. Auch im OP-Bereich ist es uns in den letzten zwei Jahren gelungen, ein festes Team aufzustellen. Wir sind eine übersichtliche, familiäre Klinik, kein anonymer Grossbetrieb. Man kennt sich, hat direkten, unkomplizierten Zugang zur Geschäftsleitung. 

«Zu schaffen macht auch die zunehmende „Fachhochschulisierung“ bei der Hebammenausbildung»

Solche Faktoren tragen wesentlich dazu bei, dass man sich wohlfühlt. Zudem haben wir bei Swiss Medical Network ein einheitliches Personalreglement über alle 16 Kliniken, ferner sehr attraktive Fringe Benefits. Besonders geschätzt wird zum Beispiel das kostenlose Training mit unserem Personaltrainer in unserem eigenen Fitnessraum.
Wo haben Sie wegen des Fachkräftemangels dennoch Sorgen? Und was lässt sich grundsätzlich dagegen tun?
Ein regelrechter Kampf um gute Fachkräfte ist in der Schweizer Spitalwelt seit längerer Zeit spürbar. Besonders zu schaffen machen uns die zunehmende «Fachhochschulisierung» bei der Hebammenausbildung. Aber auch den Markt für gute IPS-Mitarbeitende, für OP-Fachpersonal und diplomiertes Pflegepersonal beobachten wir mit Sorge. Es ist darum wichtig, dass wir uns auch selbst in der Ausbildung engagieren. So bieten wir in der Privatklinik Bethanien 16 Lehrplätze an, in der Privatklinik Lindberg sind es 12 Ausbildungsplätze. Mit der Academy der Gruppe bieten wir attraktive Aus- und Weiterbildungen an. Zudem müssen wir offen sein für neue Arbeitszeitmodelle. Wiedereinsteigerinnen, die wegen Kindern zu Hause geblieben sind, müssen wir einen möglichst leichten Einstieg ermöglichen, etwa mit kleinen Arbeitspensen und Kinderbetreuung. 
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