Der Schlaf-Schalter

Berner Neurologen haben einen Mechanismus im Gehirn entdeckt, der für das rasche Aufwachen aus Schlaf und Narkose verantwortlich ist. Die Entdeckung könnte zu neuen Therapien gegen Schlafstörungen führen.

, 22. Dezember 2015, 09:26
image
  • studie
  • forschung
  • universität bern
Der Mangel an genügend und genügend gutem Schlaf gilt als Anzeichen von neurologischen Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Schizophrenie. Medikamentöse Behandlungen kombiniert mit einem bewussten Lebensstil haben laut Studien nur eine begrenzte Wirkung. 
«Es fehlt an personalisierter Medizin, um entweder die ungenügende Menge oder unzureichende Qualität des Schlafs zu behandeln», sagt Antoine Adamantidis vom Departement für Klinische Forschung der Universität Bern und der Universitätsklinik für Neurologie am Inselspital Bern. Die experimentelle Schlafforschung befasst sich darum intensiv mit den noch mehrheitlich unbekannten Mechanismen im Gehirn, die den Schlaf-Wach-Zyklus und unser Bewusstsein steuern. 

Schaltkreis steuert den Schlaf

Zusammen mit seiner Kollegin Carolina Gutierrez Herrera sowie Forschenden in Deutschland und den USA hat Adamantidis Entdeckungen gemacht, die im Journal Nature Neuroscience veröffentlicht wurden.  
Der Schlaf von Säugetieren und Menschen wird in zwei Phasen unterteilt: NREM-Schlaf oder leichter Schlaf und REM-Schlaf oder tiefer, träumender Schlaf. Die Hauptschaltkreise im Gehirn für diese beiden Zustände sind bereits bekannt, nicht aber, wie sie genau funktionieren. 

Neues Ziel von Therapien

Die Forscher haben nun einen neuronalen Schaltkreis zwischen zwei Hirnregionen des Zwischenhirns, dem Hypothalamus und dem Thalamus, entdeckt. Wird dieser Schaltkreis aktiviert, kommt es zu einem vorübergehenden Aufwachen aus leichtem Schlaf. Die chronische Aktivierung führt zu einer längeren Wachphase. 
Blockierten die Forscher hingegen den Schaltkreis, wurde der leichte Schlaf tiefer. «Analog dazu vermuten wir, dass eine Hyperaktivität dieses Schaltkreises zu Schlaflosigkeit führt, während dessen Unterbrechung verantwortlich sein könnte für Schlafsucht», so Adamantitis. Damit sei dieser Schaltkreis von Nervenzellen ein potenzielles Ziel für Therapien gegen Schlafstörungen. 

Starke Weckkraft

Interessant war die Weckkraft des Schaltkreises. Sie ist so stark, dass bei einer Aktivierung sogar das Aufwachen aus einer Narkose und das Wiedererlangen des Bewusstseins ausgelöst werden. Für Adamantitis ist dies eine «spannende Entdeckung, da es bislang kaum therapeutische Ansätze gibt, um aus einem bewusstlosen Zustand aufzuwachen».
Die Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf den Aufwachmechanismus im Gehirn und eröffnen neue Möglichkeiten für eine medikamentöse Behandlung von Schlafstörungen. 
Studie
Carolina Gutierrez Herrera, Marta Carus Cadavieco, Sonia Jego, Alexey Ponomarenko, Tatiana Korotkova and Antoine Adamantits. Hypothalamic feed-forward inhibition of thalamocortical network controls arousal and consciousness. Nature Neuroscience 2015
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Zürcher Forschende entdecken neues Virus in Schweizer Zecken

Erstmals wurde der Erreger in China nachgewiesen. Nun ist das sogenannte Alongshan-Virus in der Schweiz aufgetaucht. Ein Diagnosetest ist in Erarbeitung.

image

Das sind die «Young Talents» der klinischen Forschung in der Schweiz

Der diesjährige «Young Talents in Clinical Research» unterstützt diese 14 jungen Ärztinnen und Ärzte aus Spitälern in der ganzen Schweiz.

image

Studie: Klarspüler beschädigt Schutzschicht des Darms

Professionelle Geschirr-Spülmaschinen sind mit gesundheitlichen Risiken verbunden. Dies zeigen Forschende um die Universität Zürich.

image

Unispital Lausanne und Kernforscher entwickeln Super-Strahlengerät

Das Unispital Lausanne und die Kernforschungs-Einrichtung Cern haben grosse Pläne: In zwei Jahren wollen sie eine Weltneuheit in der Krebs-Strahlentherapie präsentieren.

image

Dieses Rüstzeugs fehlt den Gesundheitsfachpersonen

Eine Studie zeigt: Im Hinblick auf die Herausforderungen im Berufsalltag gibt es bei der Vermittlung von Kompetenzen an Schweizer Fachhochschulen Nachholbedarf.

image

Leberkrebs: So gerät eine gesunde Zelle auf Abwege

Leberkrebs gehört zu den tödlichsten Krebsarten. Basler Forschende haben nun herausgefunden, wie eine gesunde Leberzelle zur Tumorzelle wird.

Vom gleichen Autor

image

Pflege: Zu wenig Zeit für Patienten, zu viele Überstunden

Eine Umfrage des Pflegeberufsverbands SBK legt Schwachpunkte im Pflegealltag offen, die auch Risiken für die Patientensicherheit bergen.

image

Spital Frutigen: Personeller Aderlass in der Gynäkologie

Gleich zwei leitende Gynäkologen verlassen nach kurzer Zeit das Spital.

image

Spitalfinanzierung erhält gute Noten

Der Bundesrat zieht eine positive Bilanz der neuen Spitalfinanzierung. «Ein paar Schwachstellen» hat er dennoch ausgemacht.