Demenz: Nur keine Panik

Britische Wissenschafter geben Entwarnung: Entgegen vieler Befürchtungen ist die Zahl der Demenzkranken in Westeuropa stabil oder sogar rückläufig. Grund ist die bessere Prävention - denn Demenz ist kein unabwendbares Schicksal.

, 25. August 2015, 10:00
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Der britische Premierminister David Cameron malte schwarz. Vor Demenz- und Finanzspezialisten in London warnte er vor einer «Demenz-Epidemie» als eine der «grössten Bedrohungen der Menschheit». Er steht mit seinen Befürchtungen nicht alleine da. Rund um den Globus gelten Demenzerkrankungen als unvermeidbare Folge der steigenden Lebenserwartung, die die Gesundheitsversorgung vor unlösbare Probleme stellt und untragbare Kosten verursacht. 
Carol Brayne vom Cambridge Institute of Public Health der University of Cambridge gibt nun weitgehend Entwarnung. Sie legt eine Analyse von fünf grossen Kohortenstudien aus Schweden (2 Studien), den Niederlanden, Grossbritannien und Spanien vor, die eher auf das Gegenteil schliessen lassen. «Die Zahl der demenzkranken Menschen stabilisiert sich in einigen westeuropäischen Ländern. Dies betrifft sowohl die neuen Fälle als auch das Total der Erkrankungen», heisst es in der Mitteilung zur Studie.  
Danach litten 2011 sogar relativ gesehen 22 Prozent weniger Men­schen über 65 Jahre an einer Demenz als im Jahr 1990. In Saragossa/Spanien kam es zwischen 1987 und 1996 bei den Männern sogar zu einem Rückgang um 43 Prozent. Bei den Frauen änderte sich die Prävalenz kaum. In den schwedischen Kohorten aus Stockholm und Göteborg sowie in der niederländischen Kohorte aus Rotterdam gab es in beiden Geschlechtern keine wesentlichen Veränderungen in der Zahl der Demenz­kranken. Auch bei einer steigenden Lebenserwartung sei deshalb nicht mit einem Anstieg zu rechnen, schreibt Brayne. 

Demenz ist kein Schicksal 

Die Epidemiologin führt die günstige Entwicklung auf eine Verbesserung der Lebens­bedingungen zurück, die viele Menschen vor der Entwicklung einer Demenz schützen kann. Die Demenz ist nämlich nicht, wie vielfach angenommen, ein unabwendbares Schicksal einer genetisch bedingten zunehmenden Ablagerung von Amyloiden im Gehirn. Eine wichtige Ursache sind Durchblutungsstörungen wegen einer Athero­sklerose der Blutgefässe im Hirn. Sie können durch Vermeidung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder hohen Cholesterinwerten verhindert werden.
Trotz der Zunahme der Lebenserwartung und der Tatsache, dass etwa 40 Prozent aller Menschen im Alter über 85 Jahre eine Demenz entwickeln, rechnet Brayne deshalb in Zukunft zumindest mit einer Stabilisierung in der Zahl der Demenzkranken. Ihrer Ansicht nach sollte der Schwerpunkt auf der Prävention der Demenz liegen, die bereits möglich ist, während es bislang kein Medikament gebe, das eine Demenz heilen kann. 
Wie passt das relativ optimisische Bild zur Panikmache von Regierungen, Gesundheitsversorgern und Medien? Laut Carol Brayne liegt ein Grund in der Komplexität der Demenzdiagnose. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Diagnosekriterien stark gewandelt, parallel zum öffentlichen Bewusstsein. Viel mehr Menschen erhalten nun schon in einem frühen Stadium die Diagnose Demenz, obschon gar nicht klar, ist dass sich daraus eine ernsthafte Erkrankung entwickelt. 



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