Welche älteren Menschen lassen sich nicht impfen?

Dieser Frage ging ein Münchner Forschungsteam nach. Das sind die Antworten der europaweiten Befragung bei Menschen ab 50 Jahren.

, 11. Oktober 2021, 14:20
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Zur altersbedingten Risikogruppe gehören und sich trotzdem nicht gegen das Sars-CoV-2-Virus impfen lassen wollen. Wer sind diese Menschen? Um mehr über ihre demografischen, sozioökonomischen und gesundheitlichen Merkmale herauszufinden, hat ein Münchner Forschungsteam des Lehrstuhls für Economics of Aging der TUM und des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik die Daten des Survey on Health, Ageing and Retirement in Europe (Share) ausgewertet. Sie gilt als die grösste sozialwissenschaftliche Panelstudie Europas: Von Juni bis Anfang August wurden in der zweiten sogenannten Share-Corona-Umfrage 47'000 Personen im Alter ab 50 Jahren in 27 europäischen Ländern und Israel befragt.

Unterschiede bei den Ländern gross

Zirka 18 Prozent der befragten Personen gaben an, nicht geimpft worden zu sein. Dabei gab es grosse Unterschiede zwischen den Ländern: Während Malta, Dänemark und Spanien mit einem Anteil von mehr als 95 Prozent an Geimpften über 50 Jahren an der Spitze standen, waren in Rumänien und Bulgarien nur etwa 28 beziehungsweise 21 Prozent geimpft. Deutschland lag mit einer Impfquote von 89 Prozent der Über-50-Jährigen im oberen Mittelfeld. In der Schweiz haben bis dato 65,14 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfung erhalten; 60,5 Prozent gelten als vollständig geimpft. Bei den Menschen ab 65 Jahren sind gemäss BAG über 80 Prozent der Bevölkerung geimpft. 
33 Prozent von den nicht geimpften Befragten aus allen Ländern gaben an,  unentschlossen zu sein; 45 Prozent erklärten, dass sie sich nicht impfen lassen wollen. In Rumänien lag diese Zahl bei 54 Prozent, in Bulgarien bei 45 Prozent. Ähnlich viele Personen wollten sich in Lettland (46 Prozent) und Litauen (43 Prozent) weiterhin nicht impfen lassen. Auch in Deutschland war der Anteil der Impfunwilligen an den Nichtgeimpften mit 50 Prozent hoch. Dieser Wert ist aufgrund der deutlich kleineren Fallzahl mit einer relativ grossen Unsicherheit behaftet.

Wirtschaftliche Situation hatte Einfluss

In einem nächsten Schritt untersuchten die Spezialisten die demografische, sozioökonomische und gesundheitliche Situation der Befragten, die noch unentschlossen waren oder die Impfung ablehnten. Dabei stellte sich heraus, dass die wirtschaftliche Situation einen sichtbaren Einfluss hatte: 
Rund 30 Prozent der Personen im unteren Viertel der Einkommensverteilung wollten sich häufiger nicht impfen lassen als die mit einem höheren Einkommensviertel. Bei denjenigen, die angaben, leicht über die Runden zu kommen, lag der Wert bei lediglich 7,8 Prozent. Dieses Muster zeigte sich bei der Auswertung in fast allen Ländern.
In der Gruppe der Menschen mit niedrigerer Schulbildung lag der Anteil der Unentschlossenen und denjenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, bei 14,7 Prozent. Bei Menschen mit mittlerer Schulbildung betrug er 16,1 Prozent, bei Menschen mit höherer Schulbildung nur 9,2 Prozent. 
Ebenso einen Zusammenhang gab es zwischen Berufsstatus und Impfbereitschaft: 28,5 Prozent der Arbeitslosen lehnte eine Impfung ab, oder war noch unentschlossen. Bei den Befragten im Ruhestand waren lediglich 11,5 Prozent einer Impfung gegenüber ablehnend oder unentschlossen. Hier könnte der Alterseffekt eine Rolle spielen: Befragte zwischen 50 und 65 Jahren lehnten den Impfstoff eher ab als ältere Befragte, was für beinah alle Länder galt. 
Einen weiteren Einfluss hatte das Geschlecht: Im Schnitt waren 14,5 Prozent der Frauen unentschlossen oder lehnten die Impfung ab, während es bei den Männern nur 12,8 Prozent waren. Dieser Unterschied galt für die meisten, aber nicht für alle Länder. So gab es in Ungarn, Portugal und der Schweiz mehr Männer, die noch unentschlossen waren oder sich nicht impfen lassen wollten.
 
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