Corona-Pandemie lässt Lebenserwartung drastisch sinken

Im Zuge der Pandemie ist die Lebenserwartung in vielen Ländern so stark gesunken wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Dies zeigt eine internationale Studie.

, 27. September 2021, 06:15
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Von 29 analysierten Ländern führte die Covid-19-Pandemie in 27 zu einem Rückgang der Lebenserwartung. Frauen aus 15 Ländern und Männer aus 10 Ländern hatten 2020 bei der Geburt eine niedrigere Lebenserwartung als 2015. Dabei ging die Lebenserwartung bei Männern in 11 Ländern und bei Frauen in 8 Ländern um mehr als 1  Jahr zurück. Dies zeigt eine aktuelle Studie von Forschern der Universität Oxford, die ihre Resultate im «International Journal of Epidemiology» publiziert haben. Bereits im Vergleichsjahr 2015 wurde die Lebenserwartung aufgrund einer überdurchschnittlichen Grippesaison beeinträchtigt. 
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Screenshot «International Journal of Epidemiology»

In einer Grössenordnung wie im Zweiten Weltkrieg

Der Verlust der Lebenserwartung war gemäss Oxford-Studie grösstenteils auf eine erhöhte Sterblichkeit über 60 Jahre und im Zusammenhang mit offiziellen Covid-19-Todesfällen zurückzuführen. Schätzungen zufolge starben im Jahr 2020 weltweit mehr als 1,8 Millionen Menschen an Covid-19.
Die Corona-Pandemie löste im Jahr 2020 einen signifikanten Anstieg der Sterblichkeit in einer Grössenordnung aus, die seit dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa oder dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Osteuropa nicht mehr zu beobachten war, schreiben die Wissenschaftler. 
In einigen Ländern sei der Fortschritt der vergangenen Jahre in kurzer Zeit zunichte gemacht worden. «In westeuropäischen Ländern wie Spanien, England und Wales, Italien, Belgien wurde ein solcher Rückgang der Lebenserwartung in einem einzigen Jahr zum Zeitpunkt der Geburt zuletzt während des Zweiten Weltkriegs beobachtet», sagte Co-Autor José Manuel Aburto.
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Screenshot «International Journal of Epidemiology»

Am meisten sank die Lebenserwartung in den USA

 Für die Studie untersuchten die Wissenschaftler Daten aus 29 Staaten für den Zeitraum 2015 bis 2020, die meisten aus Europa, darunter Deutschland, sowie Chile und die USA. In 27 dieser Staaten sank demnach 2020 die Lebenserwartung, in 22 Ländern um mindestens ein halbes Jahr.   
Die Lebenserwartung gilt als weit verbreiteter Indikator, der ein klares und länderübergreifend vergleichbares Bild der Auswirkungen der Pandemie auf die Sterblichkeit auf Bevölkerungsebene liefert. Die Zahl bezeichnet das Alter, das ein Neugeborenes vermutlich erreicht, wenn die Todeszahlen sich weiter so entwickeln wie zum Zeitpunkt seiner Geburt.
Am meisten sank die Lebenserwartung von Männern in den USA – um 2,2 Jahre im Vergleich zu 2019. In den USA sei vor allem die gestiegene Sterblichkeit im erwerbsfähigen Alter unter 60 Jahren bemerkenswert, heisst es. 

  • José Manuel Aburto et al. «Quantifying impacts of the COVID-19 pandemic through life-expectancy losses: a population-level study of 29 countries», in: «International Journal of Epidemiology». 26. September 2021
  • Eine interaktive Version der Grafiken ist hier verfügbar.

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