Care-Slam: Bühne frei für die Pflege

Mit Wortgewalt kämpfen Pflegeprofis gegen die Absurditäten ihres Arbeitsalltags. Die Care-Slam-Bewegung zieht Kreise und hat es bereits ins ZDF geschafft.

, 12. Dezember 2017, 07:46
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«Wir sind erschöpft. Wir sind frustriert. Wir sind wütend. Wir sind traurig. Manchmal resignieren wir. Manchmal sind wir kämpferisch, aber immer wissen wir, wovon wir sprechen. Wir reden nicht über die Pflege, wir reden aus der Pflege. Wir sind die Pflege und wir reden - endlich. Hört uns zu!» 
So lautet die Botschaft von Care-Slam, einem neuen künstlerischen Konzept, das Elemente von Poetry-Slam und Science-Slam mit politischen Inhalten verbindet. Während beim Poetry-Slam Poesie vorgetragen und beim Science-Slam wissenschaftliche Inhalte aufbereitet werden, so dreht sich Care-Slam um die berufliche und pflegerische Situation der Akteure. 
Care-Slam bietet laut Eigenwerbung eine Plattform für Pflegende, die über Missstände, Personalmangel und die Zwänge der zunehmenden Ökonomisierung in der Pflege sprechen möchten. Zu den Themen gehört aber auch Positives, wie die Liebe zu den Menschen, die Leidenschaft am gewählten Beruf, die täglichen Erfolgserlebnisse. Die Slams drehen sich auch um Ideen und Vorschläge zur Verbesserung der Pflege. 
«Röntgenstrahlen wie abserviert, sind Menschen Zahlen durchnumeriert. Nur ein Geräusch erfüllt den Zweck, der Zeiger täuscht drüber hinweg, er tickt so laut unter meiner Haut, der Gang ist leer und mir wird schwer.» Achim Reichert
Die Bewegung wurde vor zwei Jahren in Deutschland von den Krankenschwestern Yvonne Falckner und Mona Löffler initiiert. Ziel war es, Pflegekräfte zu ermuntern, auf die Bühne zu treten, von sich zu erzählen und damit bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. 50 Einzelpersonen und Gruppen sind schon aufgetreten. 
Bei ihren Auftritten haben sie auf unterhaltsame Weise vermittelt, wie vielfältig und umfassend Pflege wirklich ist. Dabei sprechen sie auch Erfahrungen wie Krankheit oder Tod an und betonen, dass Pflege weit mehr ist als «Kaffeerunde und Waschrunde». Mit einem Team begleitet Yvonne Falckner die Slammer von der Vorbereitung bis zum Bühnenauftritt. 
«Wir brauchen eine Pflege ohne Stacheldraht, eine Pflege ohne Rassismus.» Yvonne Falckner
Care-Slam zieht Kreise und ist nun auch im öffentlichen Fernsehen angelangt. Vergangene Woche hat die Pflegerin Sabrina Maar die Kunstform in der politischen Comedysendung «Die Anstalt» im ZDF vorgestellt. Dabei trug sie einen eigenen Text über ihre tägliche Arbeit in einem Pflegeheim vor. 
Sie sei eine Maschine, weil es viel zu wenige Pflegekräfte gebe. Der Mensch sei ihre Baustelle, dem sie wie ein Bagger einen Löffel nach dem anderen reinschaufle. Nach der Schicht fühle sie sich resigniert, allein gelassen und desinteressiert.
«Dann fange ich an nach Stellen im Ausland zu googeln und tröste mich damit, dass ich eines Tages gehen kann», gibt Sabrina Maar zu. Obwohl sie das gar nicht wolle. «Ich will nur Zeit haben, um mir ihre Geschichten anzuhören, bevor sie sterben.» Angehörige sollten nicht so viel Geld dafür bezahlen, was sie als Pfleger und Pflegerinnen sowieso nicht leisten könnten.
«Ach ja, und ich möchte kein Haldol, kein Benzodiazepin, Quetiapin oder Promethazin. Ich bitte Euch nur um eines, gebt meinem Leben dann noch irgendeinen Sinn und nehmt mir noch mehr von meiner Persönlichkeit hinter einem Schleier aus durch Antidepressiva erzwungener Heiterkeit. Überlegt Euch dreimal, welches Medikament mir wirklich etwas bringt und nicht nur Euch nicht mehr dazu zwingt, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Irgendwann muss jeder gehen.» Sabrina Maar
Der erste Care-Slam fand im Oktober 2015 statt. Seither gibt es etwa alle drei Monate einen Slam. Einzelne Akteure treten auch auf Kongressen oder Branchenveranstaltungen auf. Der nächste Care-Slam findet am 1. Februar 2018 in Berlin statt
Einen Wettbewerbscharakter hat Care-Slam im Gegensatz zu den anderen Slam-Formen nicht: Jeder Akteur soll die Möglichkeit bekommen, ohne Leistungsdruck sein Anliegen vorzutragen. 

Care-Slam in der Sendung «Die Anstalt» im ZDF

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