Was tun gegen die Personalnot? Mehr Macht für die Pflege.
In Frankreich werden die Kompetenzen der Pflegefachleute bald drastisch erweitert. Die Nationalversammlung hat ein entsprechendes Gesetz durchgewunken – einstimmig.
Die Abgeordneten der französischen Nationalversammlung haben in erster Lesung einstimmig ein Gesetzesprojekt zur Modernisierung der Krankenpflege-Berufe angenommen.
«Anerkennung der Aufgaben von Pflegerinnen und und Pflegern und Entwicklung ihrer Kompetenzen», so der Titel des Pakets. Die Angehörigen der Gesundheitsberufe hatten seit Jahren darauf gedrängt, nun wurde der Text im beschleunigten Verfahren durchgewunken. Als nächstes muss die kleine Kammer, der Senat, entscheiden.
Ein Hauptgrund für diese Dringlichkeit lag im Personalmangel, der vor allem in ländlichen Gebieten zu einem grossen Problem wurde. Es geht also stark darum, den Zugang zur Gesundheitsversorgung zu verbessern, indem Pflegefachleute weitere Aufgaben übernehmen können.
Und für Frankreichs Gesundheitsminister Yannick Neuder geht es auch darum, «den Beruf in eine neue Modernität zu katapultieren».
Krankenpflegeberatung und -diagnose
Die Neuerung sieht erstens eine Führungsrolle der Pflege bei «conciliation médicamenteuse» – also bei der Harmonisierung des Patientenwegs und der Medikaktion.
Ein weiterer Schritt ist die Anerkennung der Rolle in der «Beziehungspflege» als Pflegeaufgabe, also die psychologische und therapeutische Unterstützung von Patienten.
Weitere Erweiterungen betreffen Aufgaben und Begriffe wie «Pflegeberatung» und «Pflegediagnose», die bislang den ärztlichen Berufen vorbehalten waren.
Die konkrete Liste der damit verbundenen Aufgaben wird dann in einer weiteren Stufe per Verordnung festgelegt; sie soll danach alle drei Jahre aktualisiert werden.
«Pflegefachleute führen bereits heute persönliche Gespräche, man darf es einfach nicht Beratung nennen», erinnerte Thierry Amouroux, Sprecher der Pflege-Gewerkschaft SNPI. Und weiter: «Sie können Impfungen, Nikotinersatzpräparate und medizinische Mittel wie Verbände verschreiben. Aber nicht Paracetamol, obwohl es frei verkäuflich ist. Dieser Gesetzestext gibt uns einen rechtlichen Rahmen und korrigiert einige sinnlose Praktiken, die zu einem Verlust von Chancen für die Patienten führen».
Daniel Guillerm, Président de la Fédération Nationale des Infirmiers (FNI), au micro de la «RTL»
Einige Abgeordnete und Akteure des Sektors warnen jedoch vor einer möglichen Verwischung der Grenzen zwischen pflegerischen und ärztlichen Kompetenzen. Sie erinnern daran, dass die Diagnose in den Zuständigkeitsbereich der Ärzte fällt und diese Unterscheidung für die Patientensicherheit von entscheidender Bedeutung ist.
Bessere Bezahlung?
Ein Thema bleibt in der politischen Diskussionen dabei weitgehend ausgeklammert: die Aufwertung der Ausbildung und der Entlöhnung. «Man redete nicht über die Bezahlung, über die Beiträge zur Rente oder die Arbeitsbedingungen», meinte der grüne Abgeordnete Hendrik Davi: «Mehr arbeiten, ohne mehr zu verdienen – das ist nicht unbedingt das, was die Pflege will.» Eine Erweiterung der Kompetenzen müsse mit Gehaltsaufbesserungen einhergehen.
In Frankreich erhält das Pflegepersonal laut OECD-Zahlen weniger als den Durchschnittslohn des Landes. In der EU ist das Verhältnis insgesamt umgekehrt: Im Jahr 2022 erhielten Pflegefachleute in den Spitälern im europäischen Durchschnitt 20 Prozent mehr als der Arbeitnehmer-Medianlohn im jeweiligen Land (in der Schweiz ist die Pflege-Entlöhnung allerdings auch unterdurchschnittlich).
Bereinigt um die Lebenshaltungskosten lag das Durchschnittsgehalt von Krankenpflegepersonal in Frankreich unter jenem in Spanien oder Polen.
Relative Vergütung von Spital-Pflegepersonal (2022):
Wuelle: OECD/European Commission, «Health at a Glance: Europe 2024».