Uni Genf überarbeitet Medizinstudium

Die medizinische Fakultät der Genfer Universität leitet mehrere Reformen in der Lehre ein. Sie reagiert damit auf neue Herausforderungen – von der Künstlichen Intelligenz bis zur Sinnkrise des Arztberufs.

, 31. Oktober 2025 um 14:12
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Hörsaal des Universitären Medizinischen Zentrums Genf | Bild: © UNIGE - Carole Parodi
Die Medizinische Fakultät der Universität Genf setzt die Umsetzung einer «ehrgeizigen Reform der medizinischen Ausbildung» fort. Der Name: ENSI 23-27.
Dabei soll die Ausbildung zukünftiger Ärzte im heutigen Umfeld überprüft werden – einem Umfeld, das geprägt ist von einer raschen Entwicklung der Behandlungs- und Betreuungspraktiken, von der Künstlichen Intelligenz und Fragen zum Sinn des Berufs.
«Dieser Schritt kam aus einer Feststellung, die sowohl von den Studierenden als auch von den Lehrkräften geteilt wurde», kommentiert die Universitätsleitung das Projekt. Letztes Jahr wurde ein gemeinsamer Reflexionstag mit Studierenden, Berufstätigen und Dozenten veranstaltet, um die Prioritäten zu ermitteln.
Zu den wichtigsten Verbesserungs-Ideen gehören
  • eine bessere Kontinuität zwischen Bachelor- und Masterstudiengängen;
  • die Verbesserung der wissenschaftlichen Ausbildung;
  • die Stärkung des Sinns des Arztberufs.

Neue pädagogische Methoden

Bei den Methoden entwickelt die Fakultät ihren Ansatz weiter. Das problembasierte Lernen (APP), das lange Zeit im Mittelpunkt der Genfer Pädagogik stand, weicht allmählich dem Case-Based Collaborative Learning (CBCL), einer Methode, die in Zusammenarbeit mit der Harvard-Universität entwickelt wurde. Dabei bereiten die Studenten klinische Fälle im Voraus vor, die sie dann in der Gruppe besprechen. Ziel ist es, eine aktive Vorbereitung und einen intensiveren Austausch zu fördern, aber auch die negativen Auswirkungen des Einsatzes von KI zu begrenzen, indem jeder gezwungen wird, seine Überlegungen vor seinen Kollegen nachzuvollziehen und zu begründen.
Nach einer Pilotphase im Jahr 2024 wurde die Methode zu Beginn des Studienjahres 2025 eingeführt.
Die Frage der Lernformate führte am Reflexionstag ebenfalls zu Diskussionen. Das Streaming von Vorlesungen brachte eine gewisse Spannung mit sich, sagt Vizedekan Mathieu Nendaz: «Einige Dozenten sahen darin einen Mangel an Respekt aufgrund physischer Abwesenheit oder eine Unkenntnis der Lehrlogik, während die Studierenden einen pragmatischen Ansatz zur Flexibilisierung ihrer Arbeit und ihrer Studienzeit forderten.»

In kritischer Bewertung schulen

Künstliche Intelligenz, massenhafter Zugang zu Informationen, die jedoch nicht immer von guter Qualität sind – auf diese Herausforderungen sollen die Medizinstudenten vorbereitet werden. Die Fakultät will daher die Vermittlung des wissenschaftlichen Ansatzes «explizit in Längsrichtung» verstärken und die Studierenden bei der Entwicklung ihres kritischen Denkens begleiten, damit sie Informationen besser überprüfen und bewerten können.
«Die KI hat sich in alle Aspekte der medizinischen Ausbildung eingefügt: zum Lehren, zum Beurteilen, zum Lernen», erklärt die Universität: «Es ist nun unerlässlich, das Thema aufzugreifen, um seinen Einsatz besser zu regeln und die Ausbildung zu begleiten».

«Ein reiferes Nachdenken»

Parallel dazu werden mehrere Projekte entwickelt, die sich mit dem Aufbau einer beruflichen Identität befassen. Die Praktika als Pflegehelfer werden wieder eingeführt und müssen am Ende des Bachelorstudiums absolviert werden. Sie werden als Möglichkeit gesehen, bei der beruflichen Orientierung zu helfen und den Übergang zum klinischen Masterstudium zu erleichtern. Diese Praktika werden seit Beginn des neuen Studienjahres durchgeführt.
Darüber hinaus bietet die Medizinische Fakultät thematische Workshops an, etwa zum Umgang mit medizinischen Fehlern, zur Betreuung chronisch Kranker oder zum Thema berufliche Entmutigung. Es sind Problemfelder der Praxis, die im Studium bislang eher unberücksichtigt blieben.
Darüber hinaus gibt es neue Angebote für Mentoring unter Studierenden und für Coaching durch Lehrkräfte.

In klinischer Supervision ausbilden

Ein weiterer Teil des Projekts betrifft die Ausbildung zur Supervision im klinischen Umfeld. Viele Spitalangestellte sind nicht immer mit dem Inhalt des Curriculums oder den Lernzielen der Studierenden vertraut. Die Universität Genf hat daher ein spezielles Programm ins Leben gerufen, das verschiedene Spitalabteilungen abdeckt, um die Qualität der Betreuung in den Kliniken zu verbessern.
Parallel dazu beschäftigt sich die Fakultät mit der Frage, wie die Lehre aufgewertet und besser über akademische Karrierewege informiert werden kann.
Damit will die Genfer Universität auch auf Bundesebene eine treibende Kraft sein. Im Auftrag von Swissuniversities beteiligt sie sich an einer Reflexion über die Auswahlmodalitäten und die Studiengänge im ersten Jahr des Medizinstudiums.
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