Todesfall wirft Fragen zur Zulassung ausländischer Ärzte auf

Rund 3000 Ärzte arbeiten in der Schweiz ohne offiziell anerkanntes Diplom. VSAO-Präsident Severin Baerlocher fordert im «Tagesanzeiger», den Ärztebestand vorrangig mit hier ausgebildeten Fachkräften zu sichern.

, 21. Oktober 2025 um 07:08
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Severin Baerlocher, Präsident des Verbands der Assistenz- und Oberärzte (VSAO). Bild: zvg
In der Klinik Königsfelden der Psychiatrischen Dienste Aargau starb 2023 ein junger Mann an einer Überdosis Methadon. Recherchen des «Tages-Anzeigers» besagen, dass die Therapie von einer Ärztin aus Osteuropa verordnet wurde, deren Diplom damals in der Schweiz nicht anerkannt war. Zudem verfügte sie über keinen Facharzttitel. Die Eltern des Verstorbenen haben eine Aufsichtsbeschwerde eingereicht.
Der Fall wirft erneut Fragen zum Umgang mit ausländischen Medizinerinnen und Medizinern auf. Nach Angaben der Tamedia-Medien arbeiten in der Schweiz derzeit über 3000 Ärztinnen und Ärzte ohne offiziell anerkanntes Diplom. Das Bundesamt für Gesundheit schreibt vor, dass diese Fachkräfte stets unter Aufsicht tätig sein müssen.
Als «ethisch fragwürdig» bezeichnet Severin Baerlocher die Praxis, Ärztinnen und Ärzte ohne anerkanntes Diplom einzusetzen. In einem Interview mit den «Tamedia»-Zeitungen forderte der Präsident des Verbands der Assistenz- und Oberärzte (VSAO) mehr Studienplätze in der Schweiz. Und er betont, dass Spitäler in der Verantwortung stehen, die Ausbildung ausländischer Bewerber genau zu prüfen.
Rund 40 Prozent der in der Schweiz tätigen Ärztinnen und Ärzte stammen aus dem Ausland; ohne sie wäre das hiesige Gesundheitssystem kaum funktionsfähig. «Wenn über 3000 Ärztinnen und Ärzte ohne anerkanntes Diplom arbeiten, zeigt das deutlich: Es müssen ausreichend Mittel bereitgestellt werden, um genügend eigene Ärztinnen und Ärzte auszubilden», so Severin Baerlocher.

Mehr Studienplätze in Zürich geplant

Einen Schritt in diese Richtung plant die Universität Zürich: Im Rahmen des Med500+-Projekts sollen ab 2030 die Medizinstudienplätze von derzeit 430 auf 700 erhöht werden, darunter 50 Plätze für Zahnmedizin und 20 für Chiropraktik. Konkret sind 270 neue Bachelor- und 230 Masterplätze vorgesehen. Damit würde die Universität Zürich künftig den grössten Medizinstudiengang der Schweiz verantworten.

Weiterer Fall

Die aktuelle Debatte erhält zusätzliche Brisanz durch einen weiteren Vorfall bei den Psychiatrischen Diensten Aargau: Im Sommer 2025 wurde eine Ärztin freigestellt, nachdem die Medizinalberufekommission (Mebeko) ihren Eintrag im Medizinalberuferegister widerrufen hatte – wie Recherchen von «SRF Investigativ» zeigen.
Zuvor waren anonyme Schreiben bei mehreren Behörden eingegangen, die der Frau Urkundenfälschung vorwarfen. Demnach habe sie kein Medizinstudium absolviert, sondern Marketing studiert. Vier Jahre zuvor hatte die Mebeko das russische Arztdiplom der Frau – die keine gebürtige Russin ist – noch als echt anerkannt.
Die Kommission rechtfertigt die Änderung mit der hohen Anzahl ausländischer Diplome, die jährlich geprüft werden müssten, und betont, man nehme die «grosse Verantwortung für die Patientensicherheit» sehr ernst.
Auch die Psychiatrischen Dienste Aargau äussern sich: Die Frau sei auf Basis des Eintrags im Medizinalberuferegister eingestellt worden. Der Klinik sei ein vollständiges Bewerbungsdossier in deutscher Sprache mit beglaubigt übersetzter Diplomurkunde vorgelegt worden, das keinerlei Auffälligkeiten gezeigt habe.
Das Departement Gesundheit und Soziales des Kantons Aargau hat Strafanzeige gegen die Ärztin eingereicht. Für die Frau, die vier Jahre als Ärztin im Medreg eingetragen war, gilt die Unschuldsvermutung.
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