Keine Gratis-Schlemmereien mehr für Ärzte in den USA

Novartis darf in den USA keine Essen mehr für Ärzte spendieren. In der Schweiz sind derzeit noch Einladungen bis 150 Franken erlaubt.

, 3. Juli 2020 um 10:02
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Der allzu spendable Umgang mit Ärzten kostet das Pharma-Unternehmen Novartis viel Geld: Es muss in den USA im Rahmen eines Vergleichs 678 Millionen Dollar wegen Bestechung und weitere 51 Millionen wegen Kostenbeteiligungen für Medikamente bezahlen.

Novartis kurbelte Absatz ihrer Blutdrucksenker und Diabetes-Mittel an

Novartis soll zahlreiche Anlässe mit Ärzten organisiert haben, die angeblich der Weiterbildung dienten. Dabei soll das Unternehmen hohe Rednerhonorare  und teure Essen bezahlt haben. Im Gegenzug sollen die Ärzte bei häufigen Leiden wie Bluthochdruck oder Diabetes die Medikamente von Novartis verschrieben haben.
Die unerlaubten Machenschaften geschahen vor allem in jener Zeit, als Daniel Vasella das Unternehmen als Direktor und Verwaltungsratspräsident in Personalunion führte. Künftig will Novartis die Ärzte in den USA nur noch mit Web-Seminaren über neue Produkte informieren.

Hier sind Restaurant-Einladungen vom Geschenkverbot ausgenommen

In der Schweiz dürfen die Pharmafirmen hingegen weiterhin Ärzte zum Essen einladen. Scienceindustries, der Verband der chemisch-pharmazeutischen Industrie, hat seit 17 Jahren den so genannten Pharmakodex. Dieser schreibt vor, wie sich die Mitgliederfirmen gegenüber Ärzten zu verhalten haben. Unter anderem ist darin ein strenges Geschenkverbot verankert. Allerdings sieht es bei Restaurant-Einladungen eine Ausnahme vor.
Mahlzeiten «in angemessen bescheidenem Umfang» dürfen die Pharmaunternehmen laut Kodex den Fachpersonen bezahlen. Den «bescheidenen Umfang» definiert die Pharmabranche recht grosszügig: Eine Einladung darf immerhin 150 Franken pro Person kosten. Ab nächstem Jahr sieht der revidierte Pharmakodex nur noch 100 Franken vor. Solche Restaurant-Einladungen sind nur für Fachgespräche erlaubt und nicht zum Vergnügen der Beteiligten.

Krebsarzt Matti Aapro erhält am meisten

Seit 2015 legen viele Pharmaunternehmen offen, wie viel von ihrem Geld an Ärzte und Unternehmen fliesst. Novartis hat in den letzten Jahren jährlich zwischen 20 und 26 Millionen ausbezahlt. Die Liste der Nutzniesser ist nicht unbedingt vollständig, da die Ärzte und Organisationen der Veröffentlichung zustimmen müssen.
Derzeit ist der Krebsarzt Matti Aapro von der Westschweizer Privatklinik Genolier bei Novartis Spitzenreiter auf der Honorarliste. Er erhält vom Pharmakonzern jährlich 10 000 bis zu 54 000 Franken Honorar für Beratung und Vorträge. Auch von Sandoz flossen grössere Beträge, so dass Matti Aapro in den letzten vier Jahren auf einen Zusatzverdienst von insgesamt 244 000 Franken kam.

HUG-Dermatologe verdient ebenfalls viel

Ebenfalls ein Grossverdiener ist der Dermatologe Wolf-Henning Boehncke vom Genfer Universitätsspital (HUG). Er erhielt von Novartis, aber auch von anderen Pharmafirmen wie Abbvie und Eli Lilly seit 2015 rund 222 000 Franken. Über weitere Arzthonorare von Pharmafirmen berichtet Medinside vor einiger Zeit ausführlich hier.
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