«Die Ärzte sind Teil des Problems»

Für den Gesundheitsökonomen Heinz Locher verhindern die grossen Akteure dringend notwendige Innovationen im Gesundheitswesen. Er will dies nicht akzeptieren.

, 5. April 2019 um 09:01
image
  • gesundheitskosten
  • spital
  • psychologie
  • politik
  • innovationen
Mit seinen 80 Milliarden Franken Umsatz (Stand 2015) ist das Gesundheitswesen wirtschaftlich ein Koloss - und von zentraler Bedeutung für die Bevölkerung der Schweiz. Doch die Kosten steigen und steigen. Doch Kurskorrekturen sind schwierig, wie die Vergangenheit und Gegenwart zeigen. Das liegt nicht zuletzt an der schieren Grösse des Gesamtsystems. Doch nicht nur, davon ist Heinz Locher überzeugt. 
Für den Gesundheitsökonomen fehlen schlicht Ideen für positive Veränderungen. Und wenn es doch welche gebe, dann häufig die falschen. Doch woran liegt das? 
Die grossen Akteure lähmen das System
Der ehemaligen Spitalplaner und Krankenkassenfunktionär sagt, dass neue Modelle durch die etablierten Akteure verhindert werden. Dies «aus Angst vor Machtverlust» - Locher nennt den Ärzteverband FMH als Beispiel  - oder «aus Ängstlichkeit» - Locher nennt die Santésuisse. 
Eine Folge davon sei etwa, dass keine neuen Berufsgruppen direkt mit den Versicherern abrechnen, sondern dies höchstens nach einer Auftragserteilung durch eine Ärztin oder einen Arzt tun können - oder sich gar anstellen lasse müsse, wie etwa Psychologinnen und Psychologen. Das sei nicht sinnvoll.
Die starke Position und das Beharren der grossen Akteure sorge derweil für Produkte- und Geräteinnovationen an der Spitze der Versorgungskette. Dort komme es in der Folge zu einem Leistungsausbau, der mit einem Kostenwachstum einhergehe.
Weg von den Institutionen
Für Locher ist dies die falsche Entwicklung. Man müsse nicht Institutionen stärken, sondern die Versorgung - dies patientengerecht und dezentral. Er zitiert dabei IT-Pionier Bill Gates, der einmal sagte, «Banking is necessary banks are not» - es brauche Bankdienstleistungen, aber keine Banken. 
Lahmer Experimentierartikel?
Um Änderungen im System zu ermöglichen und anzustossen, plant der Bund die Einführung eines Experimentierartikels. Durch diesen sollen neue Modelle getestet werden. Locher begrüsst das. Doch er fürchtet,  dass der grossen Einfluss der Akteure den Experimentierartikel in der Praxis zum wenig griffigen Absichtspapier verkommen lassen wird.
Damit dies anders kommt, setzt Locher auf «disruptive Innovationen von unten». Weil sich die Akteure in der Branche gegenseitig blockierten, brauche Akteure aus der Zivilgesellschaft, die diese anstossen. Bei Bedarf auch mittels Crowdfunding.
Doch was für Innovationen wären für Locher sinnvoll? Der Gesundheitsökonom nennt einige Beispiele:

  • Modelle der integrierten Versorgung: Dabei werden die Koordinationsorgane als Leistungserbringer im Sinne des KVG zugelassen.
  • Die Zahl der Berufsgruppen, die direkt abnehmen kann, wird ausgeweitet.
  • Pilotprojekte des «Advanced care planning»: Gesundheitliche Vorausplanung der Betreuung und Behandlung für Situationen der Urteilsunfähigkeit.
  • Austesten der Anreizwirkungen sogenannter Health Saving Accounts, wie sie etwa in Singapur zur Anwendung kommen. Bei diesem Konzept sparen Personen ähnlich wie bei der Altersvorsorge Geld - spezifisch etwa für den Bezug künftiger Pflegedienstleistungen.
Was für Innovationen braucht das Gesundheitssystem aus Ihrer Sicht?
Artikel teilen

Loading

Comment

Mehr zum Thema

image

Gesundheitsbranche beschliesst 38 Spar-Schritte

Vertreter von Spitälern, Ärzteschaft, Kassen, Pharma und Kantonen haben Massnahmen beschlossen, die jährlich 300 Millionen Franken einsparen sollen. Es geht um Verwaltungskosten, ineffiziente Abläufe, smartere Medizin und um Papier.

image

Pharmagelder 2024: Zuwendungen an Schweizer Ärzte steigen leicht

2024 erhielten Ärzte, Spitäler und Fachgesellschaften zusammen 262 Millionen Franken – 16 Millionen mehr als im Jahr davor.

image

Regierung muss Lohn des LUKS-Präsidenten prüfen

195'000 Franken für den Spital-Verwaltungsrats Martin Nufer seien «ausufernd», kritisierte eine Politikerin.

image

Spitalzentrum Biel: Kristian Schneider wechselt zum BAG

Kristian Schneider wird nächstes Jahr der Stellvertreter von BAG-Direktorin Anne Lévy. Er ersetzt Thomas Christen.

image

Bundesrat: Mehr Massnahmen gegen ärztliche Gefälligkeitszeugnisse unnötig

«Ein Generalverdacht gegenüber der Ärzteschaft wäre verfehlt», findet der Bundesrat. Er will nicht intensiver gegen falsche Arztzeugnisse vorgehen.

image
Gastbeitrag von Felix Schneuwly

Eingebildete Explosionen und teure Luftschlösser

Jedes Jahr gibt es dieselbe Diskussion über steigende Gesundheitskosten. Und jedes Jahr die gleichen Rezepte: Einheitskasse, mehr Staat, Pauschalbudgets. Diesmal alles auch in Buchform.

Vom gleichen Autor

image

Covid-19 ist auch für das DRG-System eine Herausforderung

Die Fallpauschalen wurden für die Vergütung von Covid-19-Behandlungen adaptiert. Dieses Fazit zieht der Direktor eines Unispitals.

image

Ein Vogel verzögert Unispital-Neubau

Ein vom Aussterben bedrohter Wanderfalke nistet im künftigen Zürcher Kispi. Auch sonst sieht sich das Spital als Bauherrin mit speziellen Herausforderungen konfrontiert.

image

Preisdeckel für lukrative Spitalbehandlungen?

Das DRG-Modell setzt Fehlanreize, die zu Mengenausweitungen führen. Der Bund will deshalb eine gedeckelte Grundpauschale - für den Direktor des Unispitals Basel ist das der völlig falsche Weg.