Das Inselspital Bern soll seine Mitarbeiterinnen während der Schwangerschaft zu stark belasten. Dies geht aus einer Masterarbeit der Hochschule Luzern hervor,
wie die «Berner Zeitung» am Dienstag berichtet. Die Arbeit selber hatte das Spital selber in Auftrag gegeben, nun war sie der
BZ anonym zugesandt worden.
Mit dem Mutterschutz habe es «häufig nicht geklappt», heisst es in der Untersuchung. «Angesichts der Tatsache, dass es sich bei der Anpassung der Arbeitstätigkeit (...) um gesetzliche Vorschriften handelt, müssen die Ergebnisse als ungenügend betrachtet werden», so das Fazit.
Wurde die Grenze des Erträglichen überschritten?
245 Mitarbeiterinnen, die kurz zuvor Mutter geworden waren, füllten im Dezember 2013 einen Fragebogen aus. Die Ergebnisse:
- Zwei Drittel der Frauen gaben an, dass sie während der Schwangerschaft die vorgeschriebenen Pausen und Ruhemöglichkeiten zu wenig wahrnehmen konnten.
- Bei zwei Dritteln wurde keine Risikobeurteilung durchgeführt, die nötig wäre, um den Arbeitsplatz und die zu verrichtenden Arbeiten als ungefährlich deklarieren zu können.
- Knapp jede vierte Teilnehmerin war nach eigenen Angaben ungenügend vor gesundheitsschädigenden Einflüssen geschützt.
- Der Dienstplan wurde bei einem Drittel der Frauen nicht oder nur ungenügend angepasst.
Damit stütze die wissenschaftliche Arbeit vom September 2014 Vorwürfe der Ärztin
Natalie Urwyler. Die Oberärztin hatte im letzten November Kritik geäussert an ihrem damaligen Chef, den Direktor der Universitätsklinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie (KAS).
Ein zentraler Vorwurf war der Mutterschutz, der laut Urwyler systematisch missachtet worden sei. Ihre Klage gegen das Inselspital ist vor dem Regionalgericht hängig. Die Verhandlung findet voraussichtlich im Herbst statt.
Was die Studienautorin empfiehlt
Die Autorin der Masterarbeit hält fest: «In der Befragung der Vorgesetzten am Inselspital fiel ein weitgehend fehlendes Problembewusstsein bezüglich Mutterschutz auf.»
Deshalb empfiehlt sie dem Inselspital, eine «familienfreundliche Unternehmenskultur» zu entwickeln – etwa, indem verbindliche Leitsätze formuliert und die Führungspersonen geschult werden. Auch soll die Insel unter anderem ein Kurzpausensystem einführen und Räume einrichten, in denen die Mütter ihre Kinder stillen können.
Was das Inselspital dazu sagt
Das Inselspital sagt gegenüber der
«Berner Zeitung»: «Die Befunde und Empfehlungen der Masterarbeit fliessen bereits in die Personalpolitik ein».
So würden zum Beispiel werdende Mütter im internen Netzwerk der Insel über ihre Rechte und Pflichten informiert. Weitere konkrete Anpassungen werden laut der Zeitung aber trotz Nachfragen nicht genannt.