Clever statt teuer: Neue Wege für die Pflege

Die zweite Etappe der Pflegeinitiative lässt sich stemmen – auch ohne höhere Prämien oder mehr Steuergeld. Wenn man bereit ist, über den Tellerrand zu schauen. Denn der Staatshaushalt hätte Spielraum.

, 10. Oktober 2025 um 21:00
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«Wir brauchen ein zentrales Fast-Track-Verfahren für die Anerkennung ausländischer Diplome, Aufenthaltstitel und Arbeitsbewilligungen»: Autorin Alessia Schrepfer.
Mehr Pflege, aber keine höheren Prämien. Bessere Betreuung, aber keine neuen Steuern. So lauten die politischen Erwartungen an die zweite Etappe der Pflegeinitiative.
Der Handlungsspielraum des Bundes ist dabei eng, also werden die Kosten vor allem bei den Krankenkassen beziehungsweise bei den Gemeinden und Kantonen liegen.
Drei Wünsche prallen direkt aufeinander:
  • Wir wollen die Pflege stärken.
  • Wir wollen keine höheren Krankenkassenprämien.
  • Wir wollen nicht noch mehr Steuern.
Gefragt sind also neue Finanzierungsideen. Im Jahr 2024 hatte der Bund ein Budget von über 84 Milliarden Franken. Natürlich wird man jetzt sofort einwenden: So einfach ist das nicht – Gelder umschichten ist politisch kompliziert, und sowieso ist die Gesundheitsstruktur primär Sache der Kantone. So ist es in der Schweiz seit jeher geregelt.
Alessia Schrepfer ist ausgebildete FaGe sowie Dipl. Pflegefachfrau BSc FHO und hat einen Master in gerontologischer Pflege ZHAW. Im Jahr 2022 (mit-)gründete sie WeNurse, einen Freelance-Pool für Gesundheits- und insbesondere Pflege-Personal. Dafür wurde sie vom Swiss Economic Forum als «Young Entrepreneur of the Year» 2024 ausgezeichnet.
Das stimmt. Doch gesucht sind unkonventionelle Denkanstösse. Und ein genauer Blick auf die diversen Posten im Bundesbudget zeigt, dass es öfters um Gesundheit geht, auch wenn nicht Gesundheit draufsteht. Genau dort aber könnte man vielfach Pflege-Aufgaben ansiedeln – und mitfinanzieren.

1. Pflege als Teil der zivilen Sicherheit:

Bundes-Budgettopf «Sicherheit» (6’889 Millionen Franken)

Eine Armee ohne ein starkes Gesundheitssystem ist im Krisenfall wenig wert. Ob Pandemie oder Katastrophe – ohne genügend Pflegepersonal bleibt die beste Ausrüstung wirkungslos.
Darum: Nicht beim Militär kürzen, aber im Bereich «Zivile Sicherheit» die Pflege mitdenken. Sicherheit ist umfassend – ein funktionierendes Gesundheitssystem ist genauso wichtig wie militärische Verteidigungsfähigkeit. Wer das trennt, denkt zu kurz.

2. Migration und Integration gezielt nutzen:

Budgettopf «Soziale Wohlfahrt» (29’433 Millionen Franken) & Budgettopf «Beziehungen zum Ausland» (3’670 Millionen Franken)

Der Bund gibt Milliarden für soziale Wohlfahrt und internationale Zusammenarbeit aus. Vieles davon ist sinnvoll, manches lässt sich auch hinterfragen. Warum nicht einen Teil dieser Gelder zweckgebunden in eine Integrationsoffensive für die Pflege investieren?
Konkret also für Sprachkurse, Ausbildungsprogramme und gezielte Förderung von Menschen, die bereits in der Schweiz leben und hier arbeiten möchten.
Natürlich wird nicht jede Person mit Migrationshintergrund automatisch Pflegefachperson. Aber wenn Menschen die Motivation haben, hier zu arbeiten, ist es unsere Aufgabe, ihnen die notwendigen Sprach- und Fachkenntnisse zu eröffnen. Das ist keine Utopie, sondern eine realistische Chance, gleichzeitig Fachkräftemangel und Integrationsfragen zu lösen.

3. Föderalismus ja – aber effizient

Die Schweiz leistet sich 26 kantonale Gesundheitsverwaltungen – jede mit eigenen Abläufen, Formularen und Standards. Das kostet viel Geld und blockiert wertvolle Zeit. Ein Beispiel: Berufsausübungsbewilligungen (BAB). Diese betreffen nicht nur die Pflege, sondern auch Ärztinnen und Ärzte sowie weitere Gesundheitsberufe.
Heute muss das gleiche Verfahren in jedem Kanton erneut durchlaufen werden. In einem so kleinen Land ist das schlicht überholt. Eine einmalige Bewilligung mit gesamtschweizerischer Gültigkeit wäre effizienter und kostengünstiger.
«Im Gesundheitswesen werden wir seit Jahren mit Lean Management-Programmen geradezu 'gequält'. Dann wäre es nur folgerichtig, diese Disziplin auch auf die Verwaltung selbst anzuwenden.»
Ein weiteres Beispiel sind Qualitätskontrollen: Hier geht es etwa um Betriebsbewilligungen von Pflegeheimen, Spitallisten oder andere Einrichtungen. Die Papierflut mit 26 unterschiedlichen Standards verschlingt Tausende Arbeitsstunden, die am Patientenbett (und auch in anderen Gesundheitsberufen wie Medizin, Therapie etc.) fehlen.
Lösungen wären also: BAB vereinheitlichen oder gar abschaffen, Administration digitalisieren und vereinfachen, zentrale E-Health-Plattform schaffen. Das spart Millionen – und bringt die Pflege (und andere Gesundheitsberufe) wieder dorthin, wo sie gebraucht werden.

Bürokratie: unser Kostentreiber

Auch jenseits des Gesundheitswesens liessen sich Milliarden effizienter einsetzen. Allein unter «Übrige Aufgabenbereiche» gibt der Bund 8,2 Milliarden Franken aus. Dort findet sich ein bunter Strauss an Themen, wobei man manchmal das Gefühl hat, das Geld werde nach Lust und Laune verteilt.
Im Gesundheitswesen werden wir seit Jahren mit «Lean Management»-Programmen geradezu «gequält». Immer wieder sollen Abläufe verschlankt, Prozesse gestrafft und Effizienz gesteigert werden – oft bis an die Schmerzgrenze.
Dann wäre es nur folgerichtig, diese «Disziplin» auch auf die Verwaltung selbst anzuwenden. Ein Vorschlag dazu: eine jährliche «Lean-Challenge» für die Bundesverwaltung, bei der alle Angestellten mindestens einen Vorschlag zur Vereinfachung einbringen müssen.

Und ein ganz konkreter Vorschlag:

Ein zentrales, digitales Fast-Track-Verfahren für die Anerkennung ausländischer Diplome, Aufenthaltstitel und Arbeitsbewilligungen in systemrelevanten Berufen. Denn Fachkräftemangel ist nicht Theorie, sondern tägliche Realität – und lange Fristen sind ein hausgemachtes Problem.

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