Hohe Gesundheitsausgaben: Was liegt am Angebot – und was an den Menschen?

Seit Jahren konzentriert sich die Kostendebatte auf das medizinische Angebot. Doch eine neue Studie zeigt: Persönliche Gewohnheiten und Bedürfnisse wiegen insgesamt schwerer als das Angebot vor Ort.

, 9. Januar 2026 um 04:00
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Die beobachteten Spitalregionen und ihre Gesundheitsausgabern (günstigere Gebiete weiss, teurere dunkelblau dargestellt). Und die beobachteten Umzugsströme.  |  Grafik aus der zitierten Studie.
Warum hat ein Mensch in Genf, Basel oder im Tessin so viel höhere Gesundheitskosten (und Krankenkassenprämien) als ein Mensch im Appenzell oder in Obwalden? Die gängige Antwort lautet: wegen dem Angebot. In den Städten treiben all die vielen Praxen und Kliniken, Spezialisten und Therapeuten die Nachfrage nach oben. Und damit auch die Ausgaben.
Ist das wirklich so? Dieser Frage gingen zwei Ökonomen des CSS Instituts für empirische Gesundheitsökonomie nach, indem sie einen Blick auf die Schweizer Binnenmigration warfen. Die gängige These würde ja besagen: Sobald jemand aus Appenzell nach Basel zieht, geht er dort auch öfter zu irgendwelchen Spezialisten oder in die Physio.
Die CSS-Autoren Caroline Chuard und Philip Hochuli beobachteten also Personen, die innerhalb der Schweiz in neue Spitalregionen zogen. Sie nutzten dafür Daten ihrer Krankenkasse sowie andere BAG- und BfS-Daten.
  • Philip Hochuli, Caroline Chuard: «Unpacking regional variation in health care: Insights from internal migration in Switzerland», CSS Institut WP 2025/2, Januar 2026.
Ihre Test-These lautete: Wenn jemand umzieht und seine Gesundheitskosten sich danach deutlich an das Niveau seiner neuen Region anpassen, dann spricht dies für einen starken Einfluss des Angebots – also regionaler Versorgungsstrukturen.
Bleiben die Kosten jedoch weitgehend auf dem Niveau des Herkunftsortes, so deutet dies auf eine prägende Rolle der Nachfrage hin – also auf individuelle Gewohnheiten oder gesundheitliche Bedürfnisse, die jemand ohnehin bereits hat.

Verhältnis 3 zu 2

In der Gesamtschau machten Nachfrageseite-Faktoren bis zu 60 Prozent der beobachteten regionalen Unterschiede aus, während Versorgungsangebot-Faktoren bloss rund 40 Prozent beitrugen. Mit anderen Worten: Persönliche Verhaltensweisen und gesundheitliche Bedürfnisse spielen weiterhin eine grosse Rolle – eine grössere als die Ärzte-Dichte oder die Gesundheitsangebote vor Ort.
Laut den statistischen Hochrechnungen erklärt die Angebotsseite bei den Medikamente-Ausgaben nur rund 14 Prozent der Unterschiede (ein verständliches Ergebnis – wer würde wegen einer etwas höheren Apothekendichte mehr Pillen kaufen?). Bei der Physiotherapie sind es rund 33 Prozent, bei Laborleistungen 42 Prozent.
Die Studie deutet also an, dass eine «Versorgungs-Orientierung» allein nicht genügt, um regionale Kostenunterschiede zu erklären. Unterschiede in der «Patientenkultur» erscheinen weitaus wichtiger. Andererseits: Die Arbeit von Caroline Chuard und Philip Hochuli zeigt auch, dass «Ärzte-Stopps» (die ja primär mit den steigenden Kosten erklärt werden) doch eine gewisse dämpfende Wirkung haben könnten.
Denn für Allgemeinärzte zeigt sich ein Anteil von 57 Prozent auf der Angebotsseite; hier erklärt sich also in der Tat eine gewisse Nachfrage aus der grösseren Praxis-Dichte. Und bei den Fachärzten reicht der Angebotsanteil von 33 Prozent bei Gynäkologie bis 67 Prozent bei den chirurgischen Leistungen.
  • Gesundheitskosten
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