Ein Satz, der den Unterschied macht: «Machen Sie sich Sorgen?»

Angehörige erkennen oft früher als medizinische Profis, wenn sich der Zustand eines Kindes verschlechtert. Eine neue Studie belegt die Bedeutung solcher Bedenken – und plädiert für einen Kulturwandel in der Notfallmedizin.

, 18. Juli 2025 um 03:00
letzte Aktualisierung: 3. Dezember 2025 um 09:06
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Symbolbild: Taufiq Hasan / Unsplash
Der «Blick» thematisierte unlängst einen Fall, bei dem – so die Darstellung – die Ärzte eines Kinderspitals die Sorgen einer Mutter überhört oder ignoriert hatten. Der einjährige Bub wurde nach Hause entlassen, musste aber wenig später wieder ins Spital eingeliefert werden und verstarb dort.
In der LUKS-Gruppe wird nun geprüft, «Martha’s Rule» einzuführen – also jenes Prinzip, das seit 2024 im englischen NHS-System getestet wird. Die Idee dabei: Sorgen und Bedenken von Angehörigen werden systematisch erfasst und in den Behandlungsprozess integriert.
Interessanterweise erschien in diesem Sommer auch eine grosse Kohortenstudie, die das Thema neu belegt. Ziel war es, die Beziehung zwischen der Besorgnis von Angehörigen («caregiver concern») und dem Auftreten kritischer Vorfälle bei Kindern zu untersuchen.
Dabei wurden die Daten von über 70'000 Kindern und Jugendlichen ausgewertet, die in der pädiatrischen Notaufnahme eines Universitätsspitals in Melbourne, Australien, wegen akuter Beschwerden behandelt worden waren. Berücksichtigt wurden dabei rund 24'000 Fälle, bei denen jemand bei der Erstaufnahme den Angehörigen oder Betreuungspersonen eine simple Frage gestellt hatte: «Are you worried that your child is getting worse?». Machen Sie sich Sorgen? — Zugleich waren klinische Parameter wie Vitalzeichen, Symptome und der allgemeine Zustand des Kindes erfasst worden.
Der primäre Endpunkt war das Auftreten eines kritischen Vorfalls innert 24 Stunden – definiert beispielsweise als Aufnahme auf die Intensivstation, als Bedarf an mechanischer Beatmung oder an Kreislaufunterstützung.

Faktor Intuition

Am Ende ergab sich eine signifikante Beziehung zwischen der Besorgnis und der kritischen Entwicklung – oder kurz gesagt: Je ängstlicher sich die Angehörigen äusserten, desto eher wurde die Lage des Kindes dann auch kritisch. Der «Caregiver concern» erwies sich als präziserer Indikator als aussergewöhnliche Befunde alleine.
In einem Fünftel der Fälle (19,3 Prozent) warnten Eltern vor einer Verschlechterung, bevor die Vitalzeichen andeuteten, dass sich der Zustand des Kindes verschlimmern könnte.
Mit anderen Worten: Die Intuition der Eltern kann Leben retten. Und ihre Besorgnis spiegelt womöglich subtile Veränderungen im Allgemeinzustand des Kindes, die für Ärzte noch nicht messbar sind.
Bemerkenswert ist aber ein anderer – umgekehrter – Aspekt der Studie aus der Monash University: Bloss eine kleine Minderheit der «Caregivers» äusserte überhaupt die Besorgnis, dass sich der Zustand ihres Kindes verschlechtern könnte; die Quote lag bei 4,7 Prozent. Was wiederum heissen dürfte, dass man sich von der Vorstellung überbesorgter, übereifriger und dramatisierender Eltern verabschieden könnte – sondern man mit gutem Grund zuhören sollte, wenn Angehörige Alarm schlagen.
Die Autorinnen und Autoren empfehlen denn auch, in den Notfallstationen den «caregiver concern» in die Risikoeinschätzungen und Entscheidungswege einzubeziehen.


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