Ein Drittel der Internisten erwägt einen Ausstieg

Müdigkeit, Desillusionierung, emotionale Überlastung: Eine landesweite Umfrage belegt Stress bei den Fachärzten für Allgemeine Innere Medizin.

, 9. Juli 2025 um 12:09
letzte Aktualisierung: 5. September 2025 um 07:31
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Symbolbild: Zaki Ahmed / Unsplash.
Es ist die erste Studie dieser Grösse, die sich mit dem Befinden der Fachärzte für Allgemeine Innere Medizin in der Schweiz befasst. Die Umfrage, die jüngst im «Swiss Medical Weekly» erschienen, zeigt ernstzunehmende Signale aus diesem Berufsfeld.
Der Fragebogen dazu wurde im November 2022 an die Mitglieder der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) verschickt. Das Ergebnis: 1'672 Fachärzte nahmen teil, das war ein gutes Fünftel der angeschriebenen Ärzte. Die Stichprobe zeichnet das Bild eines Berufsstandes mit dem Medianalter 53 Jahre, mit einem bedeutenden Frauenanteil (44 Prozent), der weitgehend im ambulanten Bereich tätig ist (76 Prozent).
Eine gewisse Dominanz der Antworten aus der Deutschschweiz (84 Prozent) könnte gewisse regionale Verzerrungen nach sich gezogen haben.
  • Rahel Villiger, Carlota Beneyto Afonso, Damiana Pulver, Odile Stalder, Andreas Limacher, Drahomir Aujesky: «Well-being of the Swiss general internal medicine workforce: a nationwide survey», in: «Swiss Medical Weekly», April 2025.
  • doi: 10.57187/s.4073. PMID: 40450736
Ein Drittel der Befragten (33 Prozent) berichtet von einer Verschlechterung ihrer Befindlichkeit, gemessen am Physician Well-Being Index. Dies betrifft vor allem Frauen und junge Ärzte. Die Autoren erklären dies unter anderem mit dem anhaltenden Ungleichgewicht bei der häuslichen Arbeitsteilung und dem Spannungsfeld zwischen Berufs- und Privatleben. Auch eine ambulante Tätigkeit scheint mit einem eher geringeren Wohlbefinden verbunden zu sein.
Weitere Erkenntnisse:
  • Mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) berichtet von einem Gefühl des Ausgebranntseins, von Überlastung und starkem emotionalen Druck.
  • Mehr als ein Drittel (36 Prozent) gibt an, dass sie darüber nachgedacht haben, die klinische Praxis aufzugeben.
  • Ein Viertel berichtet von depressiven Gefühlen oder Verzweiflung.
  • Einer von zwanzig Ärzten (5 Prozent) gibt an, in letzter Zeit Selbstmordgedanken gehabt zu haben.
  • Ein Drittel ist der Ansicht, dass ihre körperliche Gesundheit ihre Fähigkeit zu arbeiten beeinträchtigt.
  • Fast jeder fünfte Befragte (17 Prozent) gab an, dass er wahrscheinlich nicht noch einmal die gleiche Berufswahl treffen würde.
  • Und: Zwei von fünf Ärzten befürchten, dass sie emotional «härter» werden.

Faktoren der Fragilisierung

In einer multivariaten Analyse wurden die Faktoren ermittelt, die am stärksten ins Gewicht fallen: zu lange Arbeitstage, zu wenig befriedigende Aufgaben, administrativer Druck, Unzufriedenheit mit dem Lohnniveau.
All dies vor dem Hintergrund einer alternden Ärzteschaft und Rekrutierungsproblemen in der Grundversorgung.
Die Allgemeine Innere Medizin ist jedoch eine der Säulen des schweizerischen Gesundheitssystems. Der Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Ärzte in Ausbildung beträgt mittlerweile fast 60 Prozent.
Die Studie zeigt eine strategische Herausforderung auf: Wie kann ein nachhaltiges Gesundheitssystem gewährleistet werden, wenn die Menschen, die es am Leben erhalten, ausbrennen? Die Autorinnen und Autoren fordern dazu auf, die Organisation der medizinischen Arbeit zu überdenken – und sich um jene Menschen zu kümmern, die sie ausüben.
  • akut
  • innere medizin
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