«Für Gewaltopfer bleibt im Spitalalltag oft kaum Zeit»

Dominice Häni begleitet als Forensic Nurse Gewaltopfer, dokumentiert Verletzungen und sichert Spuren.

, 3. November 2025 um 07:39
letzte Aktualisierung: 4. Dezember 2025 um 08:53
image
Dominice Häni. Bild: Screenshot/SRF
In der Hektik des Spitalalltages bleibt kaum Zeit, auf Gewaltopfer einzugehen. Hier kommen Sie als Forensic Nurse ins Spiel. Wie sieht ihr Alltag aus?
Wir arbeiten eng mit den Spitälern, Ambulatorien und Kinderschutzgruppen zusammen. Betroffene und Fachpersonal können sich rund um die Uhr bei unserer 0800-Nummer melden. Wenn ein Spital anruft, kläre ich zuerst die Situation, fahre dann vorbei und treffe die Person in einem geschützten Raum. Dort kann sie in Ruhe erzählen, was passiert ist, und wir besprechen, welche Unterstützung möglich ist.
Wie gehen Sie bei einer Untersuchung vor?
Bei einer Untersuchung richten wir uns zuerst nach den Bedürfnissen der betroffenen Person. Wir schauen die Haut genau an, auf Kratzer, und Hämatome, und dokumentieren alles auch fotografisch. Viele Spuren verschwinden schon nach wenigen Stunden oder Tagen, deshalb ist es so wichtig diese zeitnah festzuhalten. Genitale Untersuchungen übernimmt immer eine Gynäkologin oder ein Gynäkologe, bei Bedarf in Anwesenheit der Forensic Nurse.
Was geschieht mit den gesicherten Spuren?
Im Kanton Zürich werden die Proben an das Institut für Rechtsmedizin übermittelt und dort neu 15 Jahre aufbewahrt. Betroffene Personen können so in Ruhe entscheiden, ob sie eine Strafanzeige erstatten möchten. Wir stellen bei Bedarf den Kontakt zu Opferberatungsstellen her – eine strukturierte Nachbetreuung ist zentral.
Wann kommt die Polizei ins Spiel?
Bei Fällen, die im Rahmen des Projekts «Aufsuchender Dienst Forensic Nurses» betreut werden, wird die Polizei häufig erst zu einem späteren Zeitpunkt eingeschaltet. Entscheidet sich eine betroffene Person nachträglich für eine Anzeige, können die Polizei oder die zuständige Staatsanwaltschaft den Bericht der Forensic Nurses anfordern.
«Viele Spuren verschwinden schon nach wenigen Stunden oder Tagen, deshalb ist es so wichtig diese zeitnah festzuhalten.»

Häufig sprechen Opfer nicht über das Erlebte. Welche Hinweise können dem Spitalpersonal zeigen, dass jemand Gewalt erlebt?
Für das Spitalpersonal ist dies häufig eine grosse Herausforderung. Viele Betroffene schämen sich und versuchen, ihre Verletzungen zu verharmlosen – etwa indem sie bei sichtbaren Hämatomen behaupten, die Treppe heruntergefallen zu sein. Oft sind es nur kleine, subtile Hinweise: Sie meiden den Blickkontakt, wirken nervös oder angespannt, und Verletzungen finden sich an ungewöhnlichen Stellen. Auch Rückzug, Übervorsichtigkeit oder widersprüchliche Schilderungen können Anzeichen dafür sein, dass jemand Gewalt erlebt.
Als Forensic Nurse sind Sie mit schweren menschlichen Schicksalen konfrontiert. Wie gelingt es Ihnen, damit umzugehen?
Im Pflegeberuf begegnet man oft Situationen, die schwierig und belastend sind. Gerade das zeigt jedoch, was unseren Beruf besonders macht: Man lernt, das Leben in seiner ganzen Fragilität zu schätzen. Ich weiss, wie schnell alles vorbei sein kann. Wenn ich morgens aufwache und alle um mich herum gesund sind, erfüllt mich das mit Glück.
Sie sind selbst Mutter - und werden häufig ans Kispi gerufen. Wie belastend sind solche Einsätze?
Gewalt an Kindern ist immer belastend. Gleichzeitig gibt mir die Arbeit die Möglichkeit, aktiv etwas zu bewirken. Manche Fälle gehen mir sehr nahe, machen mich wütend und hinterlassen Ohnmacht. Hier hilft der Austausch im Team enorm. Zugleich entwickelt man mit der Zeit eine gewisse Widerstandskraft.

«Letztes Jahr sind wir über 200 Mal in Spitäler ausgerückt und haben zusätzlich in 170 Telefonaten unterstützt.»

Gibt es einen Fall, der Ihnen in besondere Erinnerung geblieben ist? Einen einzelnen Fall hervorzuheben, fällt mir schwer. Was mich jedoch immer wieder tief erschüttert, ist, wie häufig wir junge Menschen betreuen, die nach sogenannten «Dates» über soziale Medien sexualisierte Gewalt erleben. Besonders besorgniserregend finde ich, wie unachtsam viele Erziehungsberechtigte mit dem Thema soziale Medien umgehen. Ich habe oft den Eindruck, dass vielen gar nicht bewusst ist, welchen Risiken ihre Kinder dort ausgesetzt sind. Unverständlich ist für mich auch, wenn Eltern Fotos ihrer Kinder öffentlich in sozialen Netzwerken teilen – das beschäftigt mich sehr.
Was hat Sie persönlich in die forensische Pflege gebracht?
Ich arbeitete auf dem gynäkologischen Notfall und kam immer wieder in Kontakt mit Frauen, die sexualisierte oder häusliche Gewalt erlebt hatten. Auf dem Notfall war man mit diesen Fällen überfordert, es fehlten Ressourcen zur Betreuung. Ich habe mich dann weitergebildet, den CAS als Forensic Nurse absolviert.
Die Forensic Nurse in Zürich läuft derzeit als Pilotprojekt bis 2026. Was wünschen Sie sich auf politischer Ebene?
Wünschenswert wäre, dass der Dienst dauerhaft etabliert wird. Letztes Jahr sind wir über 200 Mal in Spitäler ausgerückt und haben zusätzlich in 170 Telefonaten unterstützt. Die Betreuung von Opfern sexueller und häuslicher Gewalt wird mit dem Dienst entscheidend verbessert.
Gleichzeitig bleibt die Sensibilisierung und Ausbildung in den Spitäler und Ambulanzen wichtig und auch die Nachbetreuung über die Opferhilfe muss strukturell gesichert sein.
Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?
Ein oft übersehenes Thema ist Gewalt im Alter. Überforderte Angehörige oder Pflegepersonal bemerken physische und psychische Gewalt oft zu spät. Diese Menschen kommen meist nicht in den Notfall – auch hier brauchen wir ein Umdenken.
  • Jede fünfte Frau in der Schweiz hat bereits sexualisierte oder häusliche Gewalt erlebt – doch nur die Hälfte spricht darüber. Die Schweiz hat 2018 die Istanbul-Konvention des Europarats unterzeichnet, die Betroffene schützen und unterstützen soll.
  • Im nationalen Aktionsplan verpflichtet sich der Bund unter anderem, die (rechts)medizinische Versorgung von Opfern sexueller Gewalt sicherzustellen. Das Projekt «Aufsuchender Dienst Forensic Nurses» ist als eine der Massnahmen im Rahmen der Istanbul-Konvention entstanden.

  • forensic nurse
  • Gewalt
  • akut
Artikel teilen

Loading

Kommentar

Mehr zum Thema

image

Neuenburg: Muss das Spital in La Chaux-de-Fonds jetzt doch schliessen?

Vor einigen Jahren beschlossen die Bürger, dass der Kanton Neuchâtel zwei Spitäler betreiben soll – nicht nur eines. Jetzt beginnt die Debatte erneut.

image

Gutachten für die IV: Spitäler haben wenig Interesse

Es wäre eine lukrative Tätigkeit, IV-Gutachten zu erstellen. Doch die meisten Spitäler wollen nicht.

image

Intensivmediziner wechselt von Luzern nach Stans

Christian Brunner ist neuer Leiter der Intensivmedizin am Spital Nidwalden.

image

KSGL: Alexander Penssler wird CEO

Alexander Penssler übernimmt die Leitung des Kantonsspitals Glarus von Stephanie Hackethal. Bislang leitete er die Integrierte Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland.

image

GDK will klarere Arbeitsteilung der Spitäler

Die Kantone wollen ihre Spitalplanung neu ausrichten und Spezialangebote bündeln. Dafür startet die GDK einen Drei-Phasen-Plan. Bis er umgesetzt ist, dauert es allerdings noch eine Weile.

image

Schaffhausen: Klares Ja für neues Spital

Auch die Bevölkerung von Schaffhausen zeigt, wie wichtig eine wohnortsnahe Spitalversorgung bleibt.

Vom gleichen Autor

image

Lohnrunde in Berner Spitälern: Insel Gruppe steigert, Regionalspitäler zurückhaltend

Nach der Nullrunde 2025 erhalten die Mitarbeitenden der Berner Spitäler 2026 leichte Lohnerhöhungen – mit deutlichen Unterschieden zwischen der Insel Gruppe, Kliniken und Regionalspitälern.

image

UPK Basel: Wechsel an der Spitze

Nach 14 Jahren tritt Konrad Widmer als Präsident der Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel zurück. Katja Schott-Morgenroth übernimmt den Vorsitz, Jürg Nyfeler rückt in den Verwaltungsrat nach.

image

Obwalden führt Entschädigung für Bereitschaftsdienst ein

Hausärzte, die im ambulanten Notfalldienst Patienten betreuen, erhalten künftig eine stündliche Entschädigung. Der Schritt soll die Attraktivität des Standorts erhöhen.