ADHS: «Virtual Reality» soll Diagnose präzisieren

In Deutschland arbeitet ein Forschungsteam an einem neuen Ansatz für eine zielgenauere und realistischere Diagnostik von ADHS. Geldgeberin ist die EU.

, 1. September 2022, 05:46
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Uni Dresden: «Virtual-Reality»-Diagnostik soll das Erkennen neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen erleichtern. | Marc Eisele, Uniklinikum Dresden
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ADHS ist eine der häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität zählen zu den drei Hauptsymptomen der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Die Prävalenz liegt in der Schweiz vergleichbar mit Deutschland bei rund fünf Prozent. Sprich: In einer Klasse mit 20 Kindern ist im Schnitt ein Kind von ADHS betroffen.
Wird die Störung nicht behandelt, beeinträchtigt sie nicht nur das soziale Umfeld sowie die schulische und berufliche Leistungsfähigkeit. Unbehandelt können die Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben und gravierende Folgeerkrankungen auslösen. Deshalb ist eine frühzeitige Diagnose von grosser Bedeutung.

Diagnose in Frage gestellt

Die Diagnosestellung erfolgt in verschiedenen Schritten. In der Schweiz werden die amerikanischen Kriterien (DSM) für Kinder, Jugendliche und Erwachsene vewendet. Diese haben sich als sinnvoll und praktisch erwiesen, weil die WHO-Kriterien (ICD-10) seit 1992 weder verändert noch für das Erwachsenenalter angepasst wurden.
Die drei Pfeiler der Abklärung sind die ausführliche Anamnese der Situation zu Hause und in der Schule, die Beurteilung von standardisierten Fragebogen von Betroffenen, Eltern und Lehrpersonen sowie die Bestimmung der kognitiven Leistungsfähigkeit.
«Diese Fragebögen, Papier-Bleistift-Tests und einfachere Reaktionszeitaufgaben am Computer sind zwar sehr ausgeklügelt», stellt der Spezialist Christian Beste in einem Communiqué fest. «Doch auch wenn die Genauigkeit der Ergebnisse wissenschaftlich überprüft worden ist, stiessen wir mit den damit erhobenen Diagnosen und deren Relevanz für den Alltag der Betroffenen häufiger an Grenzen.»
Christian Beste ist Leiter der deutschen Forschungsgruppe «Kognitive Neurophysiologie der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie» sowie Direktor des Universitären Neuropsychologie Centrums (UNC) und weiss, wovon er spricht: «Ich erhalte im Nachgang dieser Tests immer wieder die Rückmeldung, dass die Kinder und Jugendliche beim Ausfüllen der Fragebögen in der Klinik deutlich konzentrierter und leistungsfähiger erscheinen, als im Alltag selbst.»

Forschende betreten Neuland

Um künftig validere Vorhersagen über die Leistungsfähigkeit zu bekommen, gelte es deshalb, diese Diskrepanz in der Diagnostik aufzuheben. «Dies ist insbesondere bei Fragen relevant, in denen es um die kognitive Leistungsfähigkeit der Patienten geht.»
Grund genug für das Forschungsteam rund um den Professor, die ADHS-Diagnostik in Umgebungen zu verlagern, die den Alltagsanforderungen stärker ähneln als das Ausfüllen von Fragebögen in der Ambulanz. Mit diesem Ansatz betreten die Forschenden Neuland.

Reatlität im virtuellen Klassenzimmer

Um ein praktikables Diagnostikinstrument zu entwickeln, das Alltagszenarien miteinbezieht, entschied sich die Forschungsgruppe für eine «Virtual-Reality»-Anwendung (VR). Bei der programmierten Umgebung handelt es sich vorerst um ein Klassenzimmer. Die Anwedung soll die Kinder und Jugendlichen in eine Situation versetzen, in denen die mit der Erkrankung verbundenen Defizite und Symptome deutlicher erkennbar werden.
Das Innovationsprojekt «Entwicklung einer virtuellen Realität (VR)-Umgebung zur personalisierten Diagnostik und Therapie kognitiver Funktionen» wird von der EU finaniert. Es soll in unterschiedlichen Bereichen dazu dienen, unter anderem Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktionen oder planerisches Denken zu testen und perspektivisch in Trainings die Defizite zu reduzieren.
So sollen laut Communiqué in den Bereichen Diagnostik und Therapie individuelle Anforderungsbereiche des Betroffenen, beispielsweise in Schule oder Beruf, stärker berücksichtigt und damit personalisiert werden.

Diagnostik wichtig für Erwachsene

Bei einer Vielzahl neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen können Störungen der Aufmerksamkeit, oder auch Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, auftreten, die auch im Alterungsprozess eine Rolle spielen.
Deshalb sei es auch bei Erwachsenen wichtig, diese Defizite zu diagnostizieren, um entsprechende Behandlungen einleiten zu können. Schwerpunkte sind hier beispielsweise neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose. Auch nach Schlaganfällen bedarf es einer präzisen, am Alltag orientierten Diagnostik, um entsprechende Therapien einzuleiten und besser auf die Bedürfnisse der Betroffenen abzustimmen.

Testphase läuft

Nach einer ersten Testphase, in der es hauptsächlich um die Funktion und Praktikabilität der VR-basierten Diagnostik geht, folgen zu einem späteren Zeitpunkt wissenschaftliche Studien, mit denen die Präzision des neuen Verfahrens evaluiert werden soll.

Das sind die Voraussetzungen für eine ADHS-Diagnose:

  • Während mindestens 6 Monaten müssen bei Kindern bis 16 Jahre mindestens 6 Sympto­me der Unaufmerksamkeit oder der Hyperaktivität/Impulsivität und bei Erwachsenen ab 17 Jahren mindestens je ünf Symptome auftreten.
  • Die Symptomatik muss vor dem zwölften Lebensjahr aufgetreten sein.
  • Die Symptome führen zu Behinderungen in mindestens zwei Lebensbereichen (Schule, Arbeit und Freizeit). Stärkere Gewichtung des ausserfamiliären Bereichs.
  • Die Symptome lassen sich nicht besser erklären durch eine andere psychische Störung.
  • Eine Diagnose ist neu auch möglich, wenn zugleich eine Autismus-Spektrum-Störung vorliegt.
Quelle: Schweizerische Fachgesellschaft ADHS

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