Rezension: Statistikband für Krankenkassen Version 2022

Martin Erne stellt jedes Jahr die wichtigsten Fakten über das Grundversicherungsgeschäft der Krankenversicherer in einem übersichtlichen Krankenkassen-Statistikband zusammen. Die Lektüre lohnt sich.

, 18. September 2022 um 06:00
image
Felix Schneuwly ist Gesundheitsexperte beim Internet-Vergleichsdienst Comparis.
Im Verzeichnis sind die 50 Kassen bzw. 30 Gruppen aufgeführt, welche im Jahr 2021 die Grundversicherung durchführten. Im Jahr 2000 waren es noch 101 Kassen. Mit 1'388'897 Versicherten war die CSS-Gruppe die grösste. Es folgten Helsana mit 1'290'595, Assura mit 985'644, Groupe Mutual mit 957'852 und Swica mit 812'471.

Risikoausgleich

Interessant ist auch die Entwicklung des Risikoausgleichs, der den Wettbewerb von der Risikoselektion zu den versicherten medizinischen Leistungen verlagert. Der Topf der Kleinstkassen wuchs im Berichtsjahr von 12,5 auf 16,5 Millionen Franken, derjenige der Kleinkassen schrumpfte von 26,5 auf 25 Millionen Franken. Bei den Grosskassen bzw. Gruppen blieben die Geber- und Nehmerkassen die gleichen. Leader der Geberkassen war die Assura. Sie musste im Berichtsjahr nochmals mehr in den Risikoausgleich einzahlen, nämlich über eine Milliarde Franken, was rund drei Monatsprämien entsprach.

Wichtige Kennzahlen

Bruttoleistungen und Kostenbeteiligungen: Von 2006 bis 2021 nahmen die Bruttoleistungen von 2'755 Franken pro versicherte Person um 45,6 Prozent auf 4'012 Franken zu. Weil die Maximalfranchise nicht an die Kostensteigerung angepasst wird, stiegen die Kostenbeteiligungen in diesem Zeitraum nur um 34 Prozent von 406 Franken pro versicherte Person auf 544 Franken. Von den grössten Kassen rechnete die KPT im Jahr 2021 mit 4'769 pro versicherte Person (12,1 Prozent der Bruttoleistungen) am meisten und die Assura mit 2'842 Franken (16,2 Prozent der Bruttoleistungen) am wenigsten ab.
Verwaltungskosten: Sie stiegen von 2020 auf 2021 um 6,7 Prozent auf total rund 1,6 Milliarden Franken bzw. 184 Franken pro versicherte Person bzw. knapp 5 Prozent der Prämien. Die Kleinkassen verursachten mit 222 Franken die höchsten Verwaltungskosten, gefolgt von den Grosskassen mit rund 184 und den Kleinstkassen mit 180 Franken pro versicherte Person und Jahr. Die regional gut verankerten Kleinstkassen sind also immer noch konkurrenzfähig, was angesichts des Massengeschäfts erstaunt.
Reserven und Rückstellungen: Seit Inkrafttreten des KVG 1996 stiegen die stark verpolitisierten und deshalb extrem schwankenden Reserven von 423 Franken pro versicherte Person um etwa das dreifache auf 1’275 Franken. Die Rückstellungen nahmen von 2020 bis 2021 um rund 3 Prozent von 727 auf 705 Franken pro versicherte Person ab.
Prämienverbilligungen: Von 2012 bis 2021 stiegen sie von 2,4 auf 5,1 Milliarden Franken. Egal ob die 10-Prozent-Initiative der SP oder der indirekte Gegenvorschlag durchkommt; mit den steigenden Kosten und Prämien wird auch das Volumen der Prämienverbilligungen und die Anzahl der bezugsberechtigten Personen zunehmen.
Werbung und Provisionen: Diese Ausgaben stiegen total von 109 Millionen bzw. 13 Franken pro versicherte Person auf 121 Millionen bzw. 14 Franken pro versicherte Person bzw. 0,37 Prozent der Prämien. Weil die Provisionen an Versicherungsvermittler gemäss Branchenvereinbarung der Kassen seit dem 1.1.2021 für den Abschluss einer Grundversicherung auf 70 Franken begrenzt werden und der Wettbewerbdruck nicht abnimmt, ist davon auszugehen, dass der Aufwand für neue Kundinnen und Kunden im Bereich Werbung, Sponsoring etc. stärker wächst als die Provisionen schrumpfen. Wie die meisten Kartelle ist auch das Akquisekartell der Krankenkassen nicht im Interesse der Konsumentinnen und Konsumenten.

Digitalisierung

Die letzten Migrationen von INTER-K auf die Syrius-Plattform werden erst in diesem Jahr abgeschlossen, weil KPT und Assura mit ihren Projekten leicht in Verzug sind. INTER-K verschwindet also definitiv und der Marktanteil von Syrius steigt auf über 65 Prozent an. Die Kassen konzentrieren sich wieder vermehrt auf Leistungsmanagement und Kundenportale. Der Marktanteil von eigener Software liegt immer noch bei rund 30 Prozent, was für einen «geregelten» Markt eher erstaunlich ist und praktisch in keiner anderen Branche vorkommt.

Der Statistikband 2022 kostet unverändert 120 Franken, ist gedruckt oder als PDF-Datei hier in der Rubrik «Bestellungen» erhältlich.

  • versicherer
  • felix schneuwly
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Krankenkassendirektor schlägt vor: Nur noch acht Kassen

Gäbe es viel weniger Kassen, wäre das billiger – und «das Rezept gegen eine Einheitskasse», sagt der Chef der KPT.

image

Grosse Krankenkasse kündet Vertrag mit Genfer Spital

Preisstreit in Genf: Weil das Hôpital de La Tour «missbräuchliche» Tarife verlange, will die Groupe Mutuel nicht mehr zahlen.

image

Der Druck der Finma zeigt Wirkung

Rund 1700 Verträge zwischen Spitälern und Krankenzusatzversicherern müssen laut den neuen Transparenzvorschriften angepasst werden.

image
Gastbeitrag von Tristan Struja und Alexander Kutz

Doch, Privatversicherte beanspruchen mehr Leistungen

Wir sollten nicht bestreiten, dass Zusatzversicherungen eher zu Überversorgung führen. Vielmehr sollten wir das Bewusstsein dafür schärfen.

image

Auch geschrumpfte Sympany verlor Geld

Trotz Stellenabbau: Die Basler Krankenkasse Sympany machte wieder Verlust. Letztes Jahr waren es 58 Millionen Franken.

image
Gastbeitrag von Heinz Locher

Liebe Spitäler: Die Lage darf nicht fatalistisch akzeptiert werden

Hier Krankenkassen, da Spitäler: Das heutige Verhältnis zwischen den Tarifvertrags-Parteien in einem Kernprozess des KVG ist unhaltbar. Und es gäbe auch Alternativen.

Vom gleichen Autor

image
Gastbeitrag von Felix Schneuwly

Ein Gruss aus der sozialistischen Planwirtschaft

Unklare Ziele, diffuse Verantwortung, aber viel Bürokratie: Der Qualitätsartikel im KVG ist ein fehlkonstruiertes Monster.

image
Gastbeitrag von Felix Schneuwly

EPD: Noch mehr Geld und Zwang machen es auch nicht besser

Ein brauchbares elektronisches Patientendossier wäre überfällig. Aber weiterhin sind wichtige Fragen offen. Zum Beispiel: Wie müsste das EPD sein, damit es auch genutzt wird? Warum fehlen viele praktische Features?

image
Gastbeitrag von Felix Schneuwly

«Berset hätte die Fehler von Dreifuss und Couchepin nicht wiederholen dürfen»

Der Krankenkassen-Experte erklärt im Gastbeitrag, weshalb das Bundesamt für Gesundheit bei der Prämiengenehmigung fundamentale Fehler macht.